Das ist keine Geschichte über Burnout, aber über einen Teil davon: emotionale Distanz. Hier will ich dir zeigen, wie sich das anfühlt, um es mit deiner eigenen Erfahrung zu vergleichen.

Was ist Burnout eigentlich?

Die WHO definiert Burnout als Reaktion auf chronische, unbewältigte Stressfaktoren am Arbeitsplatz. Für eine Diagnose existieren drei entscheidende Charakteristika:

  • Gefühle der Erschöpfung oder des Kraftverlustes
  • verringerte berufliche Leistungsfähigkeit
  • zunehmende Distanzierung bzw. Entfremdung und negative Gefühle ggü. dem eigenen Job

Bei Burnout handelt es sich um ein „berufsbedingtes Phänomen“, nicht um eine eigenständige Krankheit. Das bedeutet allerdings nicht, dass das Leid, das dabei entsteht, minderwertig wäre.

Deshalb ist es wichtig, darüber zu sprechen. Auch wenn ich nicht glaube, dass ich an Burnout litt, stelle ich etwas an meiner damaligen Situation fest, über das ich unbedingt mit dir sprechen möchte:

Distanzierung bzw. Entfremdung und negative Gefühle gegenüber dem eigenen Job

Wie zeigt sich emotionale Distanz im Job?

Die Frage ist schwer zu beantworten. Emotionale Distanz schleicht sich viel mehr an dich heran, als dass sie dir plötzlich ins Auge springt. So war es zumindest bei mir. Welche Anzeichen mir im Rückblick auffallen:

  • Prokrastination. Nicht aus Faulheit, sondern weil die Arbeit nichts mehr bedeutet; weil kein Sinn darin erkennbar ist.
  • Sozialer Rückzug. Ich hielt mich bedeckt. Ging seltener ins Büro, damit ich niemanden treffe. Tage und Termine vor Ort raubten mir die Energie. Ich fühlte mich fehl am Platz und zog mich zurück, doch je mehr ich mich zurückzog, desto falscher fühlte sich alles an.
  • Gefühle der Wertlosigkeit. Wenn ich den Job nicht erledige, tut's halt ein anderer. Ich hatte den Stolz auf meine Arbeit verloren.
  • Sollen sie doch machen“-Einstellung. Entscheidungen des Konzerns berührten mich nicht länger. Ich reagierte höchstens zynisch: Lass das Schiff doch sinken.
  • Desinteresse an Team-Events. Die jährliche Weihnachtsfeier? Bloß nicht. Und wenn, dann suchte ich nach Gründen, warum ich früher nach Hause musste.
  • Leidenschaft für alles andere. Das war das Verwirrende an dieser Zeit. Ich fühlte mich emotional nicht völlig abgestumpft, brannte trotzdem noch für Hobbys. Doch die Distanz zum Job zog allmählich immer größere Kreise.

Was nicht bei mir passierte: Eine Zunahme der Fehltage. Ich blieb nie motivationsbedingt zu Hause oder meldete mich krank, sondern setzte mich vor den PC und ertrug mein Dasein. Als hätte ich mein Schicksal akzeptiert.

Wie sich emotionale Distanz im Job anfühlt

Ca. 1,5 - 2 Jahre vor meinem Austritt aus dem Konzern stellte ich fest, dass irgendetwas nicht stimmte. Es war Winter, als ich eine völlige Demotivation bemerkte, am Morgen aufzustehen. Ich konnte mir aber nicht erklären wieso.

In dieser Zeit fühlte ich mich wie ein Schlafwandler im eigenen Leben, bewegte mich rein mechanisch durch den Tag. Doch niemand weckte mich auf. Es entwickelte sich ein Gefühl der Leere in mir, das sich auch auf mein Privatleben auswirkte.

Meine Arbeit und die Projekte, für die ich verantwortlich war, ließen mich vollkommen kalt. Sie interessierten mich nicht. Deshalb prokrastinierte ich – nicht aus Faulheit, sondern weil es mir nichts mehr bedeutete.

Das blieb nicht lange ohne Folgen. Ich geriet in einen Strudel aus Lethargie und Hektik. Musste ich etwas erledigen, erkannte ich keinen Sinn darin, bis eine Frist so nah rückte, dass ich unter Hochdruck daran arbeitete, damit niemand etwas bemerkte.

Irgendwie ging das immer (gerade so) gut. Nichts eskalierte je in der Form, dass es jemandem aufgefallen wäre. Im Nachhinein betrachtet, verschlimmerte das die Situation wahrscheinlich. Es erlaubte mir, so zu tun, als läge nichts im Argen. Hätte es geknallt, wäre zumindest jemand aufmerksam geworden.

Ist emotionale Distanz ein Abwehrmechanismus?

Im Jahr meiner Kündigung hielt ich diesen Zustand nicht länger aus. Darüber schreibe ich in Teilen in einer sehr persönlichen Geschichte über krankhafte Produktivität und ihre Auswirkungen. Doch in diesem Beitrag benenne ich die Entfremdung nicht, die ich spürte.

Die Leere veränderte sich erst in den letzten Monaten vor meinem Austritt. Es war ein ständiges Wechselbad der Gefühle zwischen Aufbruchsstimmung und Zukunftsangst. Aber immerhin spürte ich wieder etwas.

Die Distanzierung wirkt heute auf mich wie ein Abwehrmechanismus, um meine Unzufriedenheit im Job nicht an mich heranzulassen. Deshalb bin ich froh, dass ich das Gefühl irgendwann nicht länger ignorierte (auch wenn ich mir fast 2 Jahre etwas vormachte).

Denn hätte ich es nicht getan, wäre ich heute immer noch da, wo ich längst nicht mehr sein wollte.

Ein Appell, die Distanz zum Job nicht hinzunehmen

Deinen Job als etwas zu betrachten, das du lediglich hinter dich bringen musst, wird dich irgendwann innerlich zerreißen. Im besten Fall wirst du jemand sein, der 8-10 Stunden täglich so emotional entkoppelt verbringt, dass sich dein Leben wie ein einziger Brei aus irrelevanten Momenten anfühlt.

Du sagst vielleicht, du wirst das durchhalten, denn noch besitzt du die Kraft dazu. Noch ist der Stein in deinem Schuh zu klein, um ihn anerkennen zu müssen. Du redest dir ein, du müsstest nur noch 10, 20, 30 oder 40 Jahre hustlen.

Aber willst du wirklich deine emotionale Anwesenheit für den Rest deines Lebens bloß vortäuschen? Was du dir da vornimmst, ist ein unvorstellbarer Kraftakt. Der Arbeitstag bestimmt die Hälfte deiner Wachzeit. Überleg dir das also gut.

Entfremdung im Job erinnert mich ein bisschen an Pluto (ich mein den Eisbrocken, nicht den Hund). Pluto kreist Zeit seines Lebens um die Sonne, aber gehört trotzdem nicht dazu.

So ist das manchmal auch im Job. Wir sind anwesend, aber driften bloß vor uns her. Eigentlich wünschen wir uns dazu zu gehören – vielleicht nicht zu unserer aktuellen Stelle, vielleicht nicht zu unserem momentanen Team.

Aber definitiv zum Leben.

Wie wir wieder Hoffnung finden

Ich verstehe, dass ich aus einer sehr komfortablen Situation heraus schreibe. Ich bin kinderlos und unverheiratet. Du bist vielleicht Papa oder Mama. In diesem Fall gestaltet sich deine Situation völlig anders als meine. Ein einfaches Ausbrechen ist dann schwer.

Trotzdem glaube ich, dass der Wandel möglich ist. Denn er beginnt im Kopf. Das wird jetzt kurz nach Bauernweisheit klingen, aber bleib bei mir:

Erinner dich kurz, als du dir das letzte Mal ein Auto oder ein Fahrrad einer bestimmten Marke gekauft hast. Wenn du dir z.B. unbedingt einen roten Opel zulegen willst, siehst du plötzlich überall rote Opel herumfahren. Die waren schon immer da, doch erst jetzt schenkst du ihnen die nötige Aufmerksamkeit.

Bei beruflicher Veränderung verhält es sich ähnlich. Als ich damals nach einem Weg raus suchte, erkannte ich plötzlich neue Möglichkeiten. Viele davon waren völliger Unsinn (ich überlegte z.B. eine Muay Thai-Schule zu gründen, nachdem ich erst 3 Monate Muay Thai trainierte).

Doch die Suche begann.

Plötzlich erkennst du Möglichkeiten statt in Stein gemeißelte Tatsachen. Du hältst deine Zukunft nicht mehr für unumgänglich. Du entwickelst ein Gefühl von Selbstwirksamkeit, um an deiner beruflichen Situation etwas zu verändern.

Für mich ist berufliche Erfüllung kein Luxusdenken. Es gehört zur menschlichen Natur. Das Streben nach einem Gefühl von Sinn im Leben ist wahrscheinlich die wichtigste Reise, die du unternehmen kannst.

Und sobald sich dein Unterbewusstsein auf deine Möglichkeiten ausrichtet, suchst du nach den Rissen in der Fassade deiner gelebten Realität. Je nach Lebenssituation zeigen sich diese Risse mehr oder weniger deutlich. Doch sie existieren.

Du musst die Mauer nicht sofort mit dem Vorschlaghammer einreißen. Andy Dufresne kratzt in „The Shawshank Redemption“ über einen Zeitraum von fast 20 Jahren mit einem kleinen Geologenhammer Beton aus der Wand.

Wichtig ist also nicht, wie schnell du dich befreist. Wichtig ist, dass du nach den Rissen suchst und dich langsam auf das Licht zubewegst.

Irgendwie ist dieser Artikel hinten raus etwas ins Biblische abgedriftet. Um nicht wie ein Prophet zu klingen, ende ich deshalb mit Friedrich Nietzsche:

„Wo du stehst, grab tief hinein!
Drunten ist die Quelle!
Lass die dunklen Männer schrein:
»Stets ist drunten – Hölle!«“

Du musst die Mauer nicht heute einreißen. Aber such weiter nach den Rissen. Mein Newsletter ist dafür der erste, kleine Schritt dazu.

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