Du bist unzufrieden im Job? Lass dir deinen Wunsch nach beruflicher Erfüllung nicht ausreden. Folgst du ihm nicht, verlierst du die Lust am Leben – sagt zumindest Nietzsche.

Für alle, die springen wollen:

Welche Rolle spielt der Mensch auf der Erde?

Friedrich Nietzsche, der Philosoph mit dem Hammer, schreibt in „Die Fröhliche Wissenschaft":

„ich finde [die Menschen] immer bei einer Aufgabe [...]: Das zu thun, was der Erhaltung der menschlichen Gattung frommt.“

Quelle

Nietzsche, F., & Figal, G. (2012). Die fröhliche Wissenschaft (Nachdr.). Reclam. S. 31.

Die Aufrechterhaltung der eigenen Art, so Nietzsche, ist unser grundlegender Instinkt, der menschliche Motor. Nietzsche spricht damit einen Gedanken aus, der mich schon länger beschäftigt:

Wir Menschen halten uns oft für etwas Höheres. Doch wir ähneln den Tieren stärker, als wir glauben (wollen).

Dieser Glaube hat sich in unseren Köpfen hartnäckig verankert: Wir sehen uns als Herrscher der Erde. Doch mehr als das: Wir tragen etwas Göttliches in uns. Der Glaube daran steht bereits in der Bibel. In Genesis 1,27 heißt es:

„Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bild“

Nicht nach dem Bild eines Tieres oder nach dem eines hübschen Steines. Nein, Gott guckte in den Spiegel und dachte: Gefällt mir. So soll auch der Mensch aussehen.

Der Mensch: Fast ein Gott, aber auch fast ein Schimpanse

Irgendwann begannen die Menschen also, sich als gottesähnlich oder direkt von Gott abstammend zu betrachten. Sie distanzierten sich vom bloßen Tier und erkannten in sich selbst den göttlichen Funken.

Dieser Gedanke scheint mir überheblich. Ich will nicht sagen, dass wir exakt wie die Tiere sind. Wir sind zu Dingen in der Lage, die keine andere Spezies sonst beherrscht. Zum Beispiel Avatar gucken, ohne zwischendrin aufs Klo zu rennen.

Trotzdem sind wir dem Tier ähnlicher, als wir es zugeben (wollen). Zumindest erkenne ich keinen göttlichen Funken darin, wenn wir uns in Angriffskriegen das Leben nehmen. Kriege führen Schimpansen auch, selbst wenn sie keine Drohnen steuern.

Ich fühle mich auch nicht besonders erhaben, wenn ich mich vor dem Abendessen vor lauter Hunger nicht einmal mehr auf ein Gespräch konzentrieren kann. Bei jeglicher Nahrungszufuhr wird mir als Mann immer wieder klar, wie einfach ich gestrickt bin.

Natürlich überspitze ich bewusst. Denn selbst wenn wir den Tieren ähnlicher sind, als wir im Alltag glauben wollen, gibt es einen entscheidenden Unterschied: das menschliche Streben.

Aber was, wenn selbst darin mehr Instinkt als göttlicher Funken steckt?

Ist Erfüllung im Job ein Luxusproblem?

Für Nietzsche zählt auch das Streben nach Sinn und Bedeutung zu den grundlegenden Trieben der Menschen. Wie er es so wunderschön ausdrückt:

Das Streben nach Erfüllung frommt der Erhaltung der menschlichen Gattung. Danke, Friedrich (nicht du, Merz).

Zu diesem Trieb zählt für Nietzsche übrigens auch die Religion. Seine Argumentation lässt zumindest darauf schließen, dass Gott nicht den Menschen geschaffen hat, um ihn zu Höherem zu erheben, sondern die Menschen ihren Gott, damit sie etwas haben, für das es sich zu streben lohnt.

Dieser Denkweise folgend müssten wir Genesis 1,27 also neu denken: Nach Nietzsches Auffassung hat Gott den Menschen nicht nach seinem Bild erschaffen, sondern der Mensch seine Götter im Bilde seiner eigenen Menschlichkeit.

Entschuldige den Exkurs. Jetzt klinge ich wahrscheinlich wie ein verdammter Ketzer. Kommen wir also zurück zum Thema:

Das Streben nach Bedeutung dient, so Nietzsche, der Aufrechterhaltung unserer Art. Es treibt uns an und motiviert uns zum Handeln. Es lässt uns an eine bessere Zukunft glauben, für die es sich lohnt, hart zu arbeiten, Familien zu gründen und unser Geld in ETF-Sparpläne zu investieren (das können Schimpansen schon mal nicht!).

Es führt dazu, dass der Eine den Sinn seines Daseins in einer Karriere als Anwalt erkennt, während der Andere die Schnauze voll von Anwälten hat und deshalb von der Besiedlung des Mars träumt (und manch eine verirrte Seele versucht es als Blogger, hab ich mir sagen lassen).

Doch letztlich tun wir das alle nicht, weil wir dazu bestimmt sind, sondern aufgrund unserer Natur, deren Ziel es ist, uns am Leben zu halten.

„Jener Trieb, [...] der Trieb der Arterhaltung, bricht von Zeit zu Zeit als Vernunft und Leidenschaft des Geistes hervor [...] und will mit aller Gewalt vergessen machen, dass er im Grunde Trieb, Instinct, Thorheit, Grundlosigkeit ist.“

– Friedrich Nietzsche

Quelle

ebd. S. 33.

💡
Der Wunsch nach beruflicher Erfüllung ist kein Luxusproblem, sondern menschliche Natur.

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Warum wir Erfüllung brauchen – und was das mit Metakognition zu tun hat

So weit so gut. Erfüllung als Trieb klingt ja irgendwie ermutigend. Blöd nur, dass Nietzsche auch glaubt, dass das Leben an sich zwecklos ist (Spielverderber). Diese Zwecklosigkeit ist jedoch gefährlich, denn der Mensch ist zu komplexem Denken in der Lage (oder zumindest zu dem, was er für komplex hält).

Psychologen sprechen von Metakognition. Menschen können über ihr Denken nachdenken. Falls du schon mal einen Gedanken hattest und dich im Anschluss gefragt hast, warum du diesen Gedanken hattest, dann weißt du jetzt, dass das Metakognition heißt.

Das Denken, Grübeln und Sinnieren erlaubt es, die Zwecklosigkeit unseres Daseins zu durchschauen und an ihr, wie Nietzsche es nennt, zu „erschlaffen“ (das andere erschlaffen, Mann!), zu verzweifeln und lebensüberdrüssig zu werden.

Der Trick der menschlichen Natur besteht darin, dass wir trotz dieser Zwecklosigkeit nach Höherem streben. Wir suchen nach Erfüllung, nicht weil wir dazu bestimmt sind, sondern weil uns Bestimmung am Leben erhält.

Der Mensch muss wissen, „warum er existiert, seine Gattung kann nicht gedeihen ohne ein periodisches Zutrauen zu dem Leben“.

Quelle

ebd. S. 34.

Und obwohl Nietzsche von der Zwecklosigkeit unserer Existenz spricht, finde ich seinen Gedanken irgendwie ermutigend. Denn selbst wenn kein Zweck existiert, so gehört es trotzdem zu unserer Natur, danach zu suchen.

Nietzsches Ansichten in „Die Fröhliche Wissenschaft“ bedeuten für mich:

💡
Wir werden den Sinn unseres Daseins nicht finden, solange wir ihn nicht selbst erschaffen.

Persönliche Erfahrung: Keine Erfüllung im Job vs. Erfüllung in der Arbeitslosigkeit

Tun wir das nicht, empfinden wir ein Gefühl, mit dem du vielleicht vertraut bist. Es drückt sich in einem Frust über unsere momentane Situation aus. Es ist das tiefe Unbehagen über ein Leben, das wir selbst nicht führen wollen. Ein Leben als NPC im Hamsterrad.

Genau dieses Gefühl trieb mich dazu, meinen letzten Job zu kündigen. Ich kam mir vor, als steckte ich in einem zu engen Korsett. Und da ein Korsett ohnehin ein untypisches Kleidungsstück für einen Mann ist, MUSSTE ich es zerschneiden.

Nur um das klarzustellen: Für manche Menschen funktioniert ein 9-5. Er bietet Sicherheit, Struktur und, gekoppelt mit der richtigen Berufswahl, gelegentlich sogar Erfüllung. Wer in einem 9-5 gedeiht, folgt seinem Trieb der Arterhaltung.

Doch gleichzeitig glaube ich, dass dieses System eine Schattenseite besitzt. Viele Menschen nehmen an, dass ihr Erwerbsjob der „Zweck des Daseins“ ist, weil alle ihm folgen – selbst dann, wenn die Arbeitskultur von toxischer Produktivität geprägt ist.

Falls du diesen Text liest, besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass du bereits an dem konventionellen System zweifelst oder vielleicht selbst unzufrieden im Job bist. Du spürst, dass der Standardpfad nicht zu dir passt. Dass du funktionierst, aber langsam verkümmerst.

In diesem Falle musst du ausbrechen und deinen eigenen Sinn erschaffen. Alles andere ginge gegen deinen Trieb der Arterhaltung. Und das sagt nicht irgendein Dulli (also ich), sondern Friedrich fucking Nietzsche (sorry, aber ich konnte dem Autoritätsfehlschluss nicht widerstehen)!

Wenn du nichts gegen die Reibung unternimmst, die du spürst, wirst du an ihr zermürben.

Seit meiner Kündigung verläuft mein Leben alles andere als reibungslos. Mein Austritt war ein kurzer Befreiungsschlag, aber kein langfristiges Heilmittel, und auf das erste Hoch folgte ein langes Tief der Orientierungslosigkeit, durch das ich mich bis heute kämpfe.

Doch letztendlich höre ich immer wieder diese Stimme, die mir sagt: Was ich gerade tue, erfüllt mich (nicht so sehr die Arbeitslosigkeit, sondern die Arbeit während meiner Arbeitslosigkeit).

Und falls du in einer ähnlichen Situation steckst wie ich damals, dann wünsche ich dir, dass auch du diese Stimme kennenlernst.

Sich gegen das Streben nach Erfüllung zu wehren, ist unnatürlich

Dein Streben nach Sinn ist nichts, gegen das du dich wehren musst. Manchmal höre ich Menschen sagen, Erfüllung sei ein Privileg, das nur für bestimmte Personen gälte, aber nicht für einen selbst.

Und ja, es ist ein Privileg. Hätte ich mir damals keine finanziellen Rücklagen aufgebaut, weiß ich nicht, ob ich es mich getraut hätte zu kündigen. Unser Kontostand diktiert unser Verhalten manchmal stärker als unser Wunsch nach Erfüllung.

Doch wenn du hier schon länger mitliest, weißt du, dass ich ein Fan von kleinen Schritten bin. Vielleicht ist es dir trotz allem möglich, heute nur einen einzigen davon zu gehen, selbst wenn du glaubst, dass das nicht reicht oder du nicht gut genug bist.

Es muss nicht gleich die Kündigung sein. Vielleicht verzichtest du ab heute auf deinen täglichen Coffee-to-go. Vielleicht ist es auch die Erstellung einer Unternehmensseite auf Linkedin oder die eigene Homepage. Das weißt nur du.

Es könnte auch schlicht bedeuten, sich einer kleinen verrückten Sache in deinem Leben zu widmen, zu der du dich noch nie getraut hast. Mein Schwiegervater trat mit 58 Jahren zum ersten Mal bei einer Standup-Comedyshow auf. Seitdem erkenne ich ihn manchmal nicht mehr, so stark hat ihn das verändert.

Niemand weiß vorab, wohin der nächste Schritt führt und welche Folgen er hat. Die Auswirkungen vieler kleiner Schritte erkennen wir oft erst im Nachhinein.

„Ein Mensch, noch Neuling auf der Welt,
Das Leben für recht einfach hält.
Dann, schon erfahren, klug er spricht:
So einfach ist die Sache nicht!
Zum Schlusse sieht er wieder klar
Wie einfach es im Grunde war.“


– Eugen Roth

Fazit: Berufliche Erfüllung ist, was du draus machst

Deshalb hoffe ich, Nietzsche konnte dich überzeugen, dass hinter deinem Wunsch nach beruflicher Erfüllung kein esoterischer Quatsch steckt, sondern menschliche Natur.

💡
Sinn ist nichts, das uns jemand in die Wiege legt. Sinn ist etwas, das der Mensch erschafft.

Und selbst wenn das Leben an sich zwecklos ist, macht es einen immensen Unterschied, wie gut du dich auf dieser kleinen, vermeintlich zwecklosen Reise ans Ende fühlst.

Allein dafür lohnt es sich zu kämpfen. Findest du nicht?

Du spürst die Reibung, aber zweifelst am nächsten Schritt?
Dann schreibe ich genau für dich.

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Kein Gurusprech, kein 5 am-Club. Nur ehrliche Gedanken über den Weg raus aus dem NPC-Modus – von jemandem, der ihn selbst geht.

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