Du willst dich beruflich umorientieren oder ein neues Hobby ausprobieren, aber hältst dich für „nicht gut genug“, um anzufangen? Ich kenne beide Situationen und hab mich gefragt:
Wie überwinden wir die Angst, nicht gut genug zu sein, damit wir endlich anzufangen zu handeln?
Vielleicht gelingt es dir mit diesem Perspektivwechsel.
Erwachsene wissen noch lange nicht, wie das Leben funktioniert
Weißt du noch, als wir Kinder waren? Die Welt war ein Wunder. Wir konnten sie uns nicht erklären. „Mama, warum machen die Bienen den Honig so süß? Und warum macht Papa immer so komische Geräusche, wenn er sich hinsetzt?“
Wir waren davon überzeugt, dass unsere Eltern genau verstehen, wie das Leben funktioniert. Vielleicht mussten wir das sogar glauben, denn wenn Mama und Papa nicht wussten, wo es lang geht, wer fährt dann dieses verdammte Auto?!
An diesem Glauben halten wir lange fest – ungefähr so lange, bis wir selbst erwachsen werden. Plötzlich erkennen wir, dass der Moment, in dem alles einen Sinn ergibt, nie kommt – egal wie alt wir werden.
Und wenn wir mit 20, 30 oder 40 noch nicht verstehen, wie das Leben funktioniert, dann wussten es unsere Eltern früher auch nicht. Auf einmal kapieren wir:
Erwachsene wissen rein gar nichts.
Na gut, ein kleines bisschen wissen wir ja schon. Wir können erklären, wie ein Leasing-Vertrag funktioniert oder wie man eine Bewerbung schreibt. Manche von uns finden sogar den Kosovo auf einer Landkarte (zu meiner Schande gelang mir das bis letztes Jahr noch nicht).
Aber wie das Leben funktioniert, das verstehen wir heute genauso wenig wie damals, als wir Kinder waren. Wir geben zwar gerne vor, es wäre anders – oft, um andere Menschen zu beeindrucken. Doch letztendlich täuschen wir uns damit bloß selbst.
Eine bittere Pille. Noch vor einem Jahr war ich überzeugt, dass ich den Dreh irgendwann rauskriege. Es braucht nur genug Fleiß und viel Grübeln. Doch es stellt sich heraus:
So funktioniert das Leben nicht. Überhaupt nicht. Das hätte ich eigentlich schon in meiner Kindheit kapieren können.
Warum „nicht gut genug“ dein bester Grund ist, um trotzdem anzufangen
Wolltest du früher mal in einer Rockband spielen? Als Teenager träumte ich genau davon. Ich wollte mit Slipknot bei Rock im Park auf der Bühne zu stehen. Also übte ich wie besessen (und vernachlässigte sträflich meine Hausaufgaben).
Mein Basslehrer erkannte das (mein Üben, nicht meine vernachlässigten Hausaufgaben) und ermutigte mich, einer Band beizutreten. Doch immer, wenn er das sagte, dachte ich: „Nein, dafür bin ich noch nicht gut genug.“
Ich war überzeugt, ich müsse erst ein bestimmtes Niveau erreichen, bevor ich in einer Band spielen darf. Dabei übersah ich vollständig, dass ich nur in einer Band lerne, was es braucht, um in einer Band zu sein. Da konnte ich noch so viel zu Hause üben.
Das Seltsame daran ist, dass es sich gar nicht so schlecht anfühlte, meine Träume zu verraten. Indem ich meinen Versagensängsten nachhing, musste ich nämlich meine Komfortzone nicht verlassen. Die fühlte sich schön flauschig an.
Die Ironie daran ist, dass meine Angst davor, nicht gut genug zu sein, mich daran hinderte, jemals wirklich gut zu werden. Und ich glaube, du kennst das. Nicht, weil du schlecht oder ein Angsthase, sondern weil du ein Mensch bist.
Als Erwachsene verstecken wir uns oft hinter solchen Zweifeln, wir nennen sie nur anders. Wir reden davon, wir hätten keine Zeit oder es wäre noch nicht der richtige Moment. Ich weiß das, denn auf diesem Blog wäre fast dasselbe passiert.
Warum Perfektionismus der beste Freund der Prokrastination ist
Als mir die Idee kam, meine Texte im Internet zu veröffentlichen, verbrachte ich rund zwei Wochen allein mit der Entscheidung, welchen Website-Baukasten ich dafür verwenden sollte.
Ich las jeden erdenklichen Internetbeitrag, guckte stundenlang Youtube-Videos und löcherte meinen Bruder (glücklicherweise ein Webentwickler) mit unzähligen Fragen. Ich wollte die perfekte Entscheidung treffen.
Kurzum: Ich prokrastinierte.
Doch nach den besagten zwei Wochen ging mir meine Prokrastination tierisch auf den Keks. Ich wollte meine eigenen Texte schreiben, nicht fremde Texte über Homepage-Baukasten lesen. Also entschied ich mich. Falsch, wie sich ein Jahr später herausstellte, aber ich entschied mich – und darum geht es.
Wir können Monate damit verbringen, unsere Vorhaben zu perfektionieren. Das hilft uns allerdings nicht, Prokrastination zu überwinden. Denn je mehr Informationen wir sammeln, desto schwieriger wird das Anfangen und irgendwann erlischt die Entscheidungslähmung unser Feuer.
Meinen Blog so schnell online zu nehmen hatte auch Nachteile. Ich beging als Homepagebetreiber jeden erdenklichen Fehler (zum Beispiel, dass mein Blog 1,5 Jahre unsichtbar war).
Doch wenn ich heute darauf zurückblicke, stelle ich fest, dass für einen Blogger dasselbe gilt wie für einen Musiker und wahrscheinlich auch für jede andere Leidenschaft: Das „schlecht sein“ ist ein essenzieller Teil des „gut werdens“.
„Einfach anfangen“ ist nicht immer der beste Rat
Jetzt will ich dir aber nicht einreden, dass „einfach anfangen“ immer die beste Entscheidung ist. Vor einem Jahr reichte ich meine Kündigung ein – ohne Anschlussbeschäftigung, ohne Plan B.
Seitdem versuche ich, meinen Blog irgendwie in ein Einkommen zu verwandeln. Doch es stellt sich heraus:
Ein Blog gehört nicht unbedingt zu den besten Geschäftsideen. Vielleicht bin ich aber auch einfach nur ein schlechter Geschäftsmann (oder gar kein Geschäftsmann, sondern eben einfach nur ein Blogger).
Deshalb frage ich mich bis heute, ob es wirklich mutig war, meine Kündigung „einfach“ einzureichen oder lediglich „einfach“ naiv. Doch Erfolg oder Misserfolg, eine Sache habe ich dabei gelernt:
Anfangen ist alles, was wir tun können
Ob unser Weg der richtige ist, finden wir nur heraus, indem wir ihn ein Stück weit gehen. Indem wir der Band beitreten, die Homepage online nehmen oder die Kündigung einreichen.
Ab einem gewissen Punkt hilft das endlose Planen und Grübeln nicht mehr. Der Weg, den wir gehen, ergibt nämlich meistens erst Sinn, nachdem wir ihn gegangen sind und aus der Ferne auf ihn zurückblicken.
Ob wir dort ankommen, wo wir hinwollen, werden wir nie erfahren, solange wir noch auf der Couch sitzen und anderen Menschen auf Youtube dabei zusehen, wie sie das Leben führen, das wir uns wünschen.
Du wirst vor deiner Reise niemals auf alles vorbereitet sein. Du wirst niemals alles wissen, bevor du loslegst. Du wirst auch nie „gut genug“ sein. Diese Unsicherheit gehört zum Leben wie Gegenwind zum Fahrradfahren. Unangenehm, aber sollte dich nicht davon abhalten, kräftig in die Pedale zu treten.
Also wenn du die Zweifel sowieso nicht los wirst, warum dann nicht Laufen lernen? Keine Heldentaten, sondern ein Schritt nach dem anderen. Wie Carl Jung mal sagte:
„Wenn du mit Überzeugung das Nächste und Nötigste tust, so tust du immer das schicksalsmäßig Sinnvolle.“
– C. G. Jung
Fazit: Warum du die Kontrolle abgeben musst, um anzufangen
Als Kinder glaubten wir, dass Erwachsene die Antwort auf alle Fragen und Probleme im Leben kennen. Doch das, was wir damals als einstudierte Choreografie wahrnahmen, entpuppt sich heute in unserem eigenen Leben eher als spontaner Improvisationstanz.
Das ist kein Vorwurf an unsere Eltern. Es ist viel mehr ein Befreiungsschlag. Niemand kann die Antworten auf alle Probleme im Leben kennen und deshalb muss sie auch auch niemand kennen.
Die Kunst besteht nicht darin, alles zu wissen, bevor wir unser Leben wirklich leben, sondern viel mehr darin, irgendwie durchs Leben zu tanzen und nicht hinzufallen, wenn wir uns mal wieder selbst auf die Füße treten.
Und wer weiß? Vielleicht ähnelt unser Taumeln und Wanken irgendwann mal sowas wie einer Choreografie. Vielleicht werden andere unser Stolpern und Poltern sogar als Kunst bezeichnen.
Vielleicht werden unsere Kinder uns später sogar mal für Superhelden halten – zumindest bis sie selbst erwachsen werden und ihr eigener Tanz beginnt.
Deshalb frage ich dich:
Welche Entscheidung schiebst du vor dir her, weil du glaubst, du wärst nicht gut genug, um sie zu treffen?
Genug vom Zuschauen? Werde zum Gestalter.
Du musst den Weg nicht auswendig kennen, um ihn zu gehen. Wenn du bereit bist, den ersten Schritt zu wagen, helfe ich dir dabei.
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