Du bist unzufrieden im Job, aber kündigst nicht? Dieser Essay untersucht, warum wir in Jobs bleiben, die nicht zu uns passen, selbst wenn wir das längst wissen.
Hier erzählt dir ein ehemaliger Job Hugger:
- Was Job Hugging ist
- wie sich schleichende Unzufriedenheit im Job anfühlt
- warum es normal ist, sich gegen die Kündigung zu wehren
- welche Angst hinter der Vermeidung von Veränderung steckt (und wie du mit ihr umgehst).
Was bedeutet Job Hugging?
Ein Job Hugger klammert sich trotz Unzufriedenheit an seinen aktuellen Job. Das Phänomen ist quasi das Gegenteil zum „Job Hopping“ (also dem ständigen Stellenwechsel) und kursiert vor allem seit 2025 im Netz.
Online wird es hauptsächlich durch die aktuelle Konjunktur erklärt:
- Schlechte wirtschaftliche Lage: Die Bundesregierung halbiert die Prognose für das dt. Wirtschaftswachstum für 2026 auf 0,5 % und rechnet gleichzeitig mit einer Inflationsrate von 2,7 %.
- Veränderung des Arbeitsmarktes: Die Arbeitslosenquote stagniert auf dem höchsten Niveau der letzten 10 Jahre.
- Bedrohung durch Künstliche Intelligenz: Die Rhetorik der KI-Doomsdayer zeigt Wirkung. Mehr als 40 % der amerikanischen Gen Z spricht lt. Gallup Institut von einer Angst vor KI. Jeder dritte Deutsche fürchtet sich vor gesellschaftlichen Veränderungen durch KI.
Kein Wunder, dass sich der Begriff heute etabliert. Die wirtschaftliche Lage motiviert Arbeitnehmer überhaupt nicht, ihren Job zu kündigen, selbst wenn sie unglücklich sind.
Ist das schlimm?
Jein. Gerade in der aktuellen Zeit wäre es unfair, die finanzielle Realität vieler Familien nicht anzuerkennen. Im Gegenteil: Ich ziehe sogar meinen Hut vor jedem, der sich für seine Familie täglich in die Arbeit schleppt, obwohl er das Gefühl hat, im falschen Job zu stecken.
Problematisch ist Job Hugging dann, wenn wir psychisch leiden, obwohl wir etwas an unserer Situation ändern könnten, uns aber einreden, dass das unmöglich ist.
Was mir bei der Diskussion fehlt, ist, dass das Klammern am Job nicht neu ist und definitiv nicht immer der konjunkturellen Lage folgt. Es existierte schon lange, bevor wir ihm einen trendigen Namen gaben.
Das Problem mit „Job Hugging“ als Trendbegriff
Seit meiner Jugend treffe ich immer wieder Menschen, die unzufrieden im Job sind, aber nicht kündigen. Das fing schon in meinem ersten Nebenjob als 15-jähriger an.
Die Vorarbeiter kotzten im Strahl, wenn sie von ihren Jobs sprachen. Aber wenn ich ganz naiv fragte, warum sie nicht etwas anderes tun, sagten sie, das wär halt so.
Das sind die Job Hugger der ersten Stunde. Sie klammern sich an Berufe, die sie nicht erfüllen – völlig unabhängig von der wirtschaftlichen Lage.
Mein Problem mit dem Begriff ist deshalb zweierlei:
- Wir erklären ihn durch die momentane Konjunktur, die zugegebenermaßen wirklich beschissen ist, aber vergessen dabei, dass es schon immer Gründe gab, sich mit Unzufriedenheit zufrieden zu geben.
- Außerdem stört mich, dass wir Checklisten aus Online-Ratgebern bevorzugen, statt die Gefühle zu benennen, die zum Klammern führen.
Und genau deshalb spreche ich jetzt darüber, denn ich kenne beide Seiten. Ich war ein Job Hugger, bis ich mich entschied, in genau die Konjunkturphase hinein zu kündigen, mit der wir das Phänomen erklären.
Stein im Schuh: Das erste Zeichen, dass etwas mit deinem Job nicht passt
In vielen Menschen reift der Entschluss zur Kündigung langsam. In der Podcast-Episode „This Is What a Male Identity Crisis Sounds Like“ beschreibt der Ex-Black Rock Angestellte Khe Hy seinen Weg zur Kündigung:
„Es war keine plötzliche Erkenntnis. Es fühlte sich ein bisschen an wie ein Stein im Schuh. Du läufst, aber irgendetwas stimmt nicht. Es fühlt sich unangenehm an.“ (Minute 08:16)
In meinem letzten Job spürte ich dasselbe. Irgendetwas stimmte nicht. Ich konnte das Gefühl nicht benennen, doch es drückte genug, um mich daran zu stören.
Das ist der Stein im Schuh. Er ist oft das erste Anzeichen, dass irgendetwas beruflich schief läuft oder deine momentane Stelle einfach nicht zu dir passt.
Der Wunsch zu kündigen beginnt mit einem inneren Störgefühl, das wir lange ignorieren, weil unser Job auf dem Papier gut genug ist, um mit dem unangenehmen Drücken im Schuh weiterzulaufen.
Das Gefährliche an diesem Stein ist also nicht, dass er weh tut, sondern dass er nicht weh genug tut, um stehen zu bleiben und das Problem anzuerkennen.
Das letzte Aufbäumen: Der Kampf gegen die innere Kündigung
Irgendwann erkannte ich, dass ich nicht nur einen Stein, sondern eine ganze Kiesbank in meinem Schuh spazieren trug. Mein Leben fühlte sich an wie ein einziger Widerspruch.
Ich schrieb über die Bedeutung von lebenslangem Lernen, aber lernte in meinem Job schon lange nichts mehr dazu. Ich sprach von der Bedeutung persönlicher Weiterentwicklung, aber hatte Angst davor, mein gewohntes Leben loszulassen.
Obwohl ich immer deutlicher sah, dass ich mich beruflich verändern wollte, traute ich mich nicht. Im Gegenteil: Ich redete mir ein, das Problem sei nicht der Job, sondern ich.
Vielleicht kennst du diese Fragen:
Warum stelle ich mich so an? Warum erfülle ich nicht einfach meine Pflicht? Warum kann ich nicht wie jeder andere Mensch zur Arbeit fahren, bis ich 70 bin?
Das ist die „Sollen“-Stimme, die wir oft nicht bewusst wahrnehmen, ihr aber folgen. So auch ich: Damals probierte ich, meinem Job neues Leben einzuhauchen. Verpflichtete mich zu Projekten. Startete meine eigenen. Doch nichts half.
Irgendwann folgte das nächste Tief. Die Motivation erreichte den Nullpunkt.
Diese verzweifelten Versuche, Gefallen an einem Job zu finden, obwohl wir längst die innere Kündigung eingereicht haben, bezeichne ich als „letztes Aufbäumen“. Doch warum geschieht das?
Warum wir uns gegen Veränderung wehren
Das Gehirn mag Veränderung nicht, denn sie erfordert Anpassung. Dahinter steckt das Prinzip der „Homöostase“. Der Körper bevorzugt Stabilität, denn sie garantiert Sicherheit durch Vorhersehbarkeit.
Also wehrst du dich, ohne es zu bemerken. Du redest dir ein, dass alles nicht so schlimm ist und sagst zu dir:
- „Sei doch nicht so verdammt undankbar für das, was du hast!“
- „Anderen Menschen geht es viel schlechter. Halt es einfach aus.“
- „Du musst doch nur noch 40 Jahre durchhalten.“
Das ist der letzte verzweifelte Versuch deines Gehirns, die Kündigung zu vermeiden, obwohl du die innere Kündigung längst eingereicht hast. Es will dich vor unvorhersehbarem Chaos zu schützen. Also redet es dir ein, dass der Mut zur Veränderung nichts anderes ist als ein Privileg, Unvernunft oder sogar Dummheit.
Doch mittlerweile verstehe ich:
Hinter diesem letzten Aufbäumen steckt kein Neuanfang, sondern immer wieder die gleiche Misere.
Angst: Die Unsicherheit über die eigene Zukunft.
Selbst wenn wir den Stein im Schuh benennen und verstehen, dass das letzte Aufbäumen keinen Neuanfang bringt, lassen wir oft trotzdem nicht los. Denn die größte Hürde für Veränderung ist letztlich die Unsicherheit, die mit ihr verbunden ist.
Seit unserer Geburt folgen wir einem Weg, für den zumindest eine grobe Anleitung existiert: Du gehst in den Kindergarten, dann zur Schule, hängst eine Ausbildung oder ein Studium an und angelst dir deinen ersten Job.
Damit endet der „Standardpfad“ nicht: Jeder bereits etablierte Job liefert dir eine klare Stellenbeschreibung, in größeren Unternehmen oft auch akribisch notierte Prozesse (in meinem letzten Job gab es dafür ganze Kataloge).
Doch sobald du deine gewohnte Umgebung verlassen oder dich völlig neu orientieren willst, hört das Skript des Standardpfades auf zu funktionieren. Kein klarer nächster Schritt, kein definierter Weg ans Ziel. Und das fühlt sich richtig mies an.
Unsicherheit ist ein realer Schmerz
Ich werde dieses Gefühl nicht schönreden. Unsicherheit verfolgt mich seit dem Tag, an dem ich meinen Aufhebungsvertrag unterschrieb. Die Zeit bis zu meinem Austritt fühlte sich an wie ein Fiebertraum. Ständig wechselte ich zwischen einer „Ich pack das“- und einer „Was tu ich hier eigentlich“-Einstellung.
Nach meinem letzten Arbeitstag fühlte ich mich für eine kurze Zeit wie befreit. Doch dieses Hochgefühl hielt nicht lange. Es folgte ein verdammt tiefes, dunkles Tal der völligen Orientierungslosigkeit, in dem ich mir die Vorhersehbarkeit meines letzten Jobs zurückwünschte (oder zumindest das Gehalt).
Hinter Unsicherheit versteckt sich ein realer Schmerz. In meinem Artikel über Prokrastination erzähle ich von einem Experiment, bei dem Gehirnscans zeigen, dass der bloße Gedanke an etwas Unangenehmes tatsächlich die Schmerzareale im Gehirn aktiviert.
Wir ignorieren den Stein im Schuh, solange er nicht genug schmerzt. Und sobald wir ihn nicht mehr ignorieren können, halten wir ihn aus, solange die Unsicherheit noch mehr weh tut.
Also klammern wir. Die Angst vor Unsicherheit killt unseren Antrieb zur Veränderung. Wir sehen keinen klaren nächsten Schritt in das Leben, das wir führen wollen. Deshalb bezeichnet Paul Millerd diesen Weg auch als „Pathless Path“, also als „pfadlosen Weg“.
Der pfadlose Weg ergibt erst Sinn, wenn wir ihn gegangen sind. Doch im Moment des Gehens? Chaos.
Unsicherheit bringt nicht nur Angst, sondern auch Klarheit
Für diese Unsicherheit kann ich dir keine Lösung bieten, Ich habe sie schließlich selbst noch nicht überwunden. Doch eine Sache verstehe ich mittlerweile:
Das Nichts, in das ich durch meine Kündigung sprang, ist beruflich gesehen das Beste, das mir jemals passiert.
Das meine ich absolut ernst.
Ja, es fühlt sich unsicher an und ich war lange Zeit völlig orientierungslos. Doch zum ersten Mal in meinem Erwachsenenleben habe ich das Gefühl, dass mein Kopf die Chance hat, selbst zu entscheiden, wo es hingehen soll statt bloß zu folgen.
Es ist seltsam. Früher vermied ich das Gefühl der Langeweile wie die Pest. Ich bekämpfte sie mit Youtube, World of Warcraft und Pornografie. Heute stelle ich fest, dass mir Leere gut tut und dass das Gehirn uns mit Sinn versorgt, solange wir ihm Raum zum Atmen lassen.
Deshalb hier eine Theorie: Vielleicht liegt die Angst vor Unsicherheit nicht an mangelndem Mut, sondern an der konditionierten Überzeugung, wir bräuchten äußere Strukturen (wie Stellen- und Prozessbeschreibungen), die uns mit Sinn versorgen.
Doch das Gefühl von beruflicher Erfüllung entsteht vielleicht viel mehr von innen heraus als von außen.
Also was, wenn es gar nicht das Problem ist, dass du zu wenig weißt, um dich den Schritt zur Veränderung zu trauen? Vielleicht weißt du nicht zu wenig, sondern zu viel.
Du leidest an Information Overload. In deinem Kopf schwirren so viele Informationen und Möglichkeiten, dass du deinen eigenen Weg nicht mehr sehen kannst. Und das bereitet dir Angst. Denn du könntest den „perfekten“ Weg verpassen.
Das ist das Paradox des „Pathless Path“: Erst wenn wir uns ins Vakuum saugen lassen, erkennen wir einen Weg in der Dunkelheit. Erst wenn unser Kopf ruhig wird, denken wir klar.
Vielleicht geht es also gar nicht darum, die Unsicherheit zu besiegen, bevor sie auftritt. Indem wir sie als Teil des Prozesses akzeptieren (zumindest zu Beginn), lernen wir Schritt für Schritt mit ihr umzugehen.
Deshalb glaube ich, dass Unsicherheit kein Gefühl ist, das wir vermeiden sollten. Denn sie zeigt uns, dass wir uns gerade neu erfinden.
Und genau darum geht es doch hier, oder?
Fazit: Der Mönch, der seinen Schmerz anerkannte
Im Jahr 1969 reist ein junger Amerikaner nach Japan. Sein Name ist Steve Young und er will buddhistischer Mönch werden. Also verordnet ihm der Abt des Klosters, 100 Tage in einer winzigen, unbeheizten Hütte in den Kii-Bergen Japans zu leben.
Doch wie er bald feststellt, besteht Youngs eigentliche Prüfung darin, sich täglich dreimal bitterkaltes Wasser über den Kopf zu gießen und sich damit zu reinigen.
„Es (war) so kalt, dass das Wasser gefriert, sobald es den Boden berührt, und das Handtuch gefriert in der Hand“. Es war eine „entsetzliche Tortur“.
Quelle
Burkeman, O. (2022). 4000 Wochen: Das Leben ist zu kurz für Zeitmanagement (H. Lutosch, Übers.). Piper. S. 118.
Verzweifelt versucht sich Young von den Schmerzen abzulenken, doch es hilft nicht. Erst als er sich bewusst auf die Kälte konzentriert, empfindet er sie als weniger quälend. Bald versteht er den Sinn seiner Prüfung:
Für die Vermeidung seiner Schmerzen bestraft Youngs Körper ihn mit noch mehr Schmerzen. Doch indem er seinen Fokus aktiv auf die Kälte richtet, verringern sich seine Qualen.
Youngs Erkenntnis gilt auch für den Schmerz der Veränderung und die damit verbundene Unsicherheit. Solange du den Stein in deinem Schuh ignorierst, besitzt er das Potenzial, deine Haut aufzuscheuern, bis sich die Wunde entzündet.
Doch indem du ihn anerkennst und dich der Unsicherheit stellst, lernst du, mit ihr umzugehen. Besser noch: Du wächst an ihr.
Keine Sorge, ich verordne dir keine Eisbäder oder kalten Duschen. Ich entlasse dich lediglich mit einer Frage:
Wie stark drückt dein Schuh?
Du willst deinen eigenen Weg gehen?
Dafür gibt es keine vorgezeichnete Karte. Doch ich kann dir bei den ersten Schritten helfen, denn ich gehe den Weg gerade selbst.
In meinem Newsletter schreibe ich ehrlich darüber, was es heißt, aus dem NPC-Modus auszusteigen und, wie Nietzsche sagt, dem eigenen Charakter Stil zu geben.
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