Alfred Adler und die Schmerzformel erklären dir, warum du an einem Job klammerst, den du hasst, obwohl deine Hände längst bluten.
Was bedeutet Job Hugging?
Ein Job Hugger klammert sich trotz Unzufriedenheit an seinen aktuellen Job. Das Phänomen ist das Gegenteil zum „Job Hopping“ (also dem ständigen Stellenwechsel) und kursiert vor allem seit 2025 im Netz.
Online wird es hauptsächlich durch die aktuelle Konjunktur erklärt:
- Schlechte wirtschaftliche Lage: Die Bundesregierung halbiert die Prognose für das dt. Wirtschaftswachstum für 2026 auf 0,5 % und rechnet gleichzeitig mit einer Inflationsrate von 2,7 %.
- Veränderung des Arbeitsmarktes: Die Arbeitslosenquote stagniert auf dem höchsten Niveau der letzten 10 Jahre.
- Bedrohung durch Künstliche Intelligenz: Die Rhetorik der KI-Doomsdayer zeigt Wirkung. Mehr als 40 % der amerikanischen Gen Z spricht lt. Gallup Institut von einer Angst vor KI. Jeder dritte Deutsche fürchtet sich vor gesellschaftlichen Veränderungen durch KI.
Auf diese Entwicklungen reagiert das Internet, wie es das immer tut: Es erfindet einen neuen Trendbegriff. Willkommen, Job Hugging.
Und? Bist du ein Job Hugger?
Gut möglich. Die wirtschaftliche Lage motiviert aktuell niemanden, seinen Job an den Nagel zu hängen. Was mir bei der Diskussion allerdings fehlt, ist, dass das Phänomen nicht neu ist.
Es existierte schon, bevor das Internet ihm einen trendigen Namen gab.
Das Problem mit „Job Hugging“ als Trendbegriff
Seit meiner Jugend treffe ich Menschen, die nichts lieber tun, als sich über Job und Unternehmen aufzuregen. Sie durchlaufen zwar immer wieder die 3 Phasen zur Kündigung, fühlen sich sogar emotional entfremdet vom Job, doch letztendlich bleiben sie. Manchmal ein Leben lang.
Hinter dem Trendbegriff Job Hugging steckt also kein Trend, bloß ein trendiger Name.
Wir erklären das Klammern am Job durch einen Arbeitsmarkt, der momentan zugegebenermaßen beschissen ist, aber vergessen, dass Job Hugging zu den Evergreens der Arbeitswelt gehört, um dem Denglischen treu zu bleiben.
Die Frage bleibt also, ob ein Job Hugger nicht auch dann seinen Job huggt, wenn der Arbeitsmarkt eine Veränderung ermöglicht. Anders ausgedrückt:
Warum klammerst du statt loszulassen?
Der Psychotherapeut Alfred Adler würde sagen: Weil du gar nicht kündigen willst. Du sagst es nur. Und das liegt an der Schmerzformel.
Was ist die Schmerzformel?
Angst vor Zukunft > Schmerz der Gegenwart = keine Veränderung
Solange die Angst vor der Zukunft größer ist als der Schmerz der Gegenwart, veränderst du dich nicht.
Das klingt erst mal unsinnig. Warum hältst du eine Situation aus, die dir nicht gut tut, obwohl du etwas daran ändern könntest?
Wichtig: Ich red hier von „Können“. Ich versteh, dass Mama und Papa nicht einfach mal den Job schmeißen. Lass es mich auf meine Situation übertragen, dann wird es klarer.
Meine persönliche Erfahrung mit der Schmerzformel
Bevor ich meinen letzten Job kündige, erinnere ich mich an mindestens zwei Winter, in denen ich mich fühle, als ginge die Sonne am Morgen überhaupt nicht mehr auf.
Die Aufgaben bieten keinerlei Herausforderung mehr. Alles wiederholt sich. Ich lerne nichts mehr dazu, obwohl ich regelmäßig Schulungen besuche.
Täglich grüßt das Murmeltier.
Ich fühl mich, als hätte jemand den Muntermacher in meinem Kaffee durch Narkotika ersetzt. Damals bin ich 29 Jahre alt und viel zu jung für eine Midlife-Crisis.
Dabei stecke ich längst mittendrin.
Aufgeschoben ist nicht aufgehoben
Doch vor ungefähr 2-3 Jahren war der Arbeitsmarkt viel entspannter als heute. 2023 raucht die Jobbörse noch Haschisch.
2026?
Crack.
Kein empfehlenswerter Umstieg, Kinder.
Ich hätte damals also locker kündigen können. Doch ich ertrage die Situation lieber, als etwas zu verändern.
2 Jahre später kündige ich dann in eine der schlechtesten Arbeitsmarkt Situationen der letzten Jahre rein. Warum?
Wegen der Schmerzformel.
Die Schmerzformel erklärt, warum wir uns nicht verändern
Meine berufliche Unzufriedenheit ist damals ein Schmerz, auf den ich mich einstellen kann. Du kennst ihn vielleicht:
Das Bauchgefühl, das dich beim Pendeln zur Arbeit begleitet, als hättest du es am Morgen in deinen Rucksack oder in deine Handtasche gepackt.
Das Gefühl, das du jeden Sonntag beim Gedanken an die To-dos von Montag spürst und das dich bis Mittwoch durch die Woche peitscht, bevor es am Donnerstag endlich die Klappe hält, weil du den Freitag riechst.
Das Gefühl mein ich.
Und das kenn ich damals – nein, ich gewöhne mich daran wie bei einem Muttermal, das plötzlich auftaucht. Aber nach zwei Wochen denkst du:
„Och, ich glaub das war schon immer da.“
Menschen leben mit inneren Widersprüchen
Zu Freunden und Familie sage ich damals, dass ich mich verändern will, aber jedes Mal, wenn ich über die Kündigung nachdenke, fallen mir 27 Gründe ein, warum es grad nicht passt.
Denn ich hab mehr Schiss vor der Unsicherheit der Zukunft als vor dem Schmerz der Gegenwart. Den Schmerz kenn ich. Ich weiß ungefähr, wann er kommt und wie er sich anfühlt – wie Regelschmerzen (hab ich gehört).
Doch die Zukunft kenn ich nicht und das macht mir Angst. Das ist die Schmerzformel.
Und jetzt kommen wir gleich zu Alfred Adler, aber lass mich noch eine Sache einschieben.
Prokrastination ist menschlich
Die Passivität, nichts zu ändern, ist normal. Das Gehirn liebt Sicherheit. Sein Job besteht darin, das Überleben zu sichern und das gelingt besser, wenn es weiß, worauf es sich einlässt.
Also greift das Gehirn auf Muster und Erfahrungen zurück, um die Zukunft vorherzusehen – oder lass uns sagen „zu erahnen“, denn wenn du glaubst, du könntest die Zukunft vorhersehen, dann müsstest du für AstroTV arbeiten…
…und das tust du nicht, oder?!
Was dein Gehirn überhaupt nicht mag, ist Unsicherheit, denn die ist gefährlich, vielleicht sogar lebensbedrohlich.
Der Autopilot ist ihm schon lieber. Das ist der NPC Modus, von dem ich hier ständig spreche. Er ist die Kuscheldecke deines Gehirns.
Doch der Autopilot ist auch der Grund, warum dir die Entscheidung, ob du kündigen oder bleiben solltest, so schwer fällt.
Über Spatzen und Tauben
Du kennst vielleicht den Spruch: Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach. 5 Euro fürs Phrasenschwein, ich weiß, aber bei einem Jobwechsel stimmt das:
Du weißt nicht, was dein Jobwechsel mit sich bringt – oder wie es Illidan Sturmgrimm aus World of Warcraft so lieblich zusammenfasst:
YOU ARE NOT PREPAAAARED!
Was, wenn in der neuen Abteilung ein noch viel größeres Arschloch im Chefsessel sitzt als in deinem jetzigen Job? Was, wenn deine einzigartige Idee für deine Selbstständigkeit gar nicht so einzigartig ist?
Also bleibst du passiv – aus Angst vor Veränderung.
Und JETZT folgt Alfred Adlers kleiner Mindfuck.
Alfred Adlers und die Umkehrung deiner Probleme
Was ist, wenn es gar nicht das Problem ist, dass du Angst hast, sondern dass du deine Angst brauchst, damit du dich nicht veränderst?
Ja, du hast richtig gelesen. Dich mein ich. Stell dir die Frage, auch wenn sie schmerzt:
Ist deine Angst nur der _Vorwand, um dich nicht zu verändern?
So wie damals, als du dir vorgenommen hast, das süße Mädel oder den attraktiven Kerl (oder beides – whatever floats your boat) am Badesee anzusprechen. Plötzlich fallen dir 27 Gründe ein, warum das gerade eine schlechte Idee ist.
‚Mh, ich will momentan eigentlich gar keine Beziehung. Meine Haare hab ich heute auch nicht gewaschen. Außerdem komm ich grad vom Sport und riech ein bisschen streng.’
Sind das wirklich in Stein gemeißelte Tatsachen oder lediglich Vorwände deines Gehirns, um dir die Blöße einer Ablehnung zu ersparen? Brauchst du die Ausrede, um nicht zu handeln?
Alfred Adler und die Zukunftsbezogenheit
Alfred Adler war der Ansicht, dass sich dein Verhalten eher durch deine Ziele und Absichten erklären lässt als durch deine Vergangenheit.
Er sagt quasi: „Moment, achte darauf, was du mit deinem Verhalten in der Zukunft beabsichtigst.“ Das nennt sich „Zukunftsbezogenheit“.
Wenn du bei der Schmerzformel also durch ein nachdenkliches Nicken (ich hab’s genau gesehen!) erkannt hast, dass du deinen Job erträgst, weil du Angst vor der Zukunft hast, dann probier’s mal mit folgender Brille:
Statt zu sagen, dass du deinen Job erträgst, weil du Angst vor der unsicheren Zukunft hast, frag dich, ob du in Wahrheit deine Angst brauchst – du sie benutzt –, damit du dich nicht verändern musst.
Denn es könnte sein, dass dein eigentliches Ziel ist, dich nicht zu verändern.
Und als ich das damals kapiere, klingelt es in meiner Rübe – nicht, weil mein Kopf ein Vakuum ist (zumindest nicht mehr als die meisten), sondern weil der Groschen gefallen ist.
MICDROP!
Deine Einwände sind real – und trotzdem sind es Ausreden
Du hast also Angst vor der Zukunft und sagst „Veränderung ist unsicher“. Ich geb dir recht. Sie kann schief gehen. Merke ich gerade, also lass uns das nicht schönreden.
Aber was ist die Alternative?
Dein ganzes Leben lang jemand bleiben, der du nicht mehr sein willst?
Oder du sagst: „Veränderung ist anstrengend“. Auch da stimm ich dir zu, denn ich spür gerade dasselbe wie du: Ich versuch mich zu verändern, ich versuch mir was Eigenes aufzubauen, aber es haut einfach noch nicht hin.
Das ist unsicher. Das ist schwierig. Das ist anstrengend.
Aber eine Sache kann ich dir aus der Erfahrung meines letzten Jobs garantieren:
Es ist noch viel, viel anstrengender, für den Rest deines Lebens – 8 Stunden! jeden fucking Tag! – so zu tun, als ob du glücklich wärst.
Die Hoffnung in Alfred Adlers Psychologie
Alfred Adlers kleine Umkehrung deiner Psychologie besitzt im ersten Moment dieselbe Wirkung wie ein Mund voller Center Shocks. Doch sobald sich deine Gesichtszüge aus der Schockstarre lösen, erkennst du die Hoffnung, die darin steckt.
Adler war überzeugt, dass Menschen nicht das bloße Produkt ihrer Vergangenheit sind oder bleiben müssen. Seine gesamte Psychologie dreht sich darum, dass Menschen einen Handlungsspielraum besitzen, solange sie sich ihrer echten Ziele und Absichten bewusst werden.
Adler glaubte, dass Veränderung möglich ist und dass du diese Veränderung herbei führen kannst.
Und ich glaub das auch.
Deshalb frage ich dich:
Wie sieht die Version von dir aus, die du dich bis heute nicht getraut hast zu träumen?
Du willst deinen eigenen Weg gehen?
Dafür gibt es keine vorgezeichnete Karte. Doch ich kann dir bei den ersten Schritten helfen, denn ich gehe den Weg gerade selbst.
In meinem Newsletter schreibe ich ehrlich darüber, was es heißt, aus dem NPC-Modus auszusteigen und, wie Nietzsche sagt, dem eigenen Charakter Stil zu geben.
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