„Soll ich kündigen oder bleiben?" Eine Frage, die sich viele Menschen stellen, wenn sie unzufrieden im Job sind.
Doch woher weißt du, ob dein Bauchgefühl richtig liegt? Ist das deine Stimme, die du hörst oder sind es doch bloß fremde Erwartungen?
Die Orientierungslosigkeit, wenn der Berufsweg nicht mehr passt
Bevor ich damals mit meiner Chefin über die Kündigung sprach, war ich bereits 1,5 Jahre lang unzufrieden und erlebte eine starke emotionale Entfremdung. In dieser Zeit dämmerte mir, dass ich beruflich falsch abgebogen war.
Also fragte ich mich ständig:
Soll ich kündigen oder bleiben?
In der Folge tat ich, was wahrscheinlich die meisten Menschen heute probieren, wenn sie nicht wissen, ob sie kündigen sollen: Sie informieren sich.
Timothy Ferriss, Mark Manson, Dan Koe, die üblichen Verdächtigen. Zusätzlich Bücher (wie z.B. „The Pathless Path“), Artikel, Videos – you know the drill.
Ich konsumierte so viele Informationen, dass ich bald die Frage nicht mehr klar sehen konnte. Die Informationen waren hilfreich, doch ich hörte mich selbst nicht mehr.
Irgendwann wusste ich nicht mehr:
Wer entscheidet hier eigentlich? Und woher weiß ich, was ich wirklich will?
Dir geht es vielleicht genauso. Deshalb will ich dir helfen, deine eigene Antwort zu finden. Wie immer stellen wir uns der Frage durch Psychologie und Philosophie.
Das „Soll-Selbst“ (Ought to Self): Die innere Stimme, die dir Befehle erteilt
Die Stimme, die uns regelmäßig an Veränderung hindert, bezeichnet Edward Tory Higgins als das Soll-Selbst (Ought to Self). Dahinter versteckt sich so etwas wie ein innerer Imperativ:
„Ich sollte, müsste, könnte".
Das „Ought to Self“ erfüllt eine wichtige Funktion, denn es hält uns auf der Spur. „Ich sollte lernen" ist vor der Prüfung genau die Stimme, die du hören „solltest“ (da ist es wieder, dieses Wort).
Doch die „ich sollte“-Stimme kann dich auch lähmen. Sie verbietet dir, dem Wunsch nach beruflicher Erfüllung zu folgen, indem sie sagt:
- „Du solltest einfach arbeiten.“
- „Du solltest die Erwartungen deiner Eltern erfüllen.“
- „Du solltest deine gesellschaftliche Pflicht wahrnehmen.“
Das Problem mit unserer inneren Stimme ist, dass das, was wir vermeintlich sollten, nicht immer ist, was wir wirklich wollen.
Doch jetzt wird's knifflig.
Sagen wir, du bist unzufrieden im Job und möchtest eine Veränderung riskieren. Woher weißt du, ob sich hinter deinem „Wollen“ nicht insgeheim ein „Sollen“ versteckt?
Auch „Kündige!" kann ein „Du solltest" sein
In „Die fröhliche Wissenschaft“ schreibt Nietzsche in Aphorismus §5 über die „Principien des unbedingten Sollens“.
Darin kritisiert Nietzsche Menschen, die von „Pflichten mit dem Charakter des Unbedingten" sprechen. Sie verkaufen ihre Meinung als die einzige Wahrheit. Sie reden vom Sollen und vom Müssen, als wäre es deine Pflicht zu folgen.
Sagen wir, du bist dir unschlüssig über deinen Wunsch zur beruflichen Veränderung und beginnst, Content darüber zu konsumieren. Schon stellt sich der Algo darauf ein.
Dein Feed füllt sich mit Menschen, die dir sagen, was du tun solltest. Youtube verwandelt sich in eine einzige Motivationsblase. Ganz Linkedin will dich plötzlich coachen oder – dare I say it – du landest auf diesem Blog.
Doch woher weißt du, ob die Stimme, der du folgst, wirklich noch deine eigene ist?
„Kündige auf gar keinen Fall!“ und „Riskier es!“ könnten schließlich zwei Seiten derselben Medaille sein – der Medaille eines fremden „Sollens“, aber nicht deines eigenen „Wollens“.
Bist das du, der kündigen will, oder ist es dein Algobrain?
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Hier kannst du das:
Wo sich dieser Blog in deinem Kopf platziert
Auf diesem Blog schreibe ich viel über Arbeit & Sinn. Doch meine Perspektive dazu ist letztlich geprägt von der Entscheidung, meinen eigenen Job ohne Plan B zu kündigen. Deshalb eine ehrliche Selbsteinordnung:
Ich erkenne in vielen Berufen eine Bequemlichkeitsfalle. Außerdem stehe ich Arbeit z.B. in Form von Hustle Culture kritisch gegenüber. Somit platziere auch ich mich auf der Seite der Mutmacher, die dir sagen:
„Riskier etwas, bevor du unglücklich in deinem Job wirst.“
Doch nur, weil ich dich bestärke, bedeutet das nicht, dass du rein auf Basis meiner Ermutigung handeln solltest (schon wieder dieses Wort).
Falls du gerade völlig verwirrt bist und dich fragst, „Was will er denn jetzt eigentlich von mir?" – ich möchte folgenden Punkt rüberbringen:
Solange du in einer Content-Schleife steckst, ist es fast unmöglich einzuschätzen, ob dein „Wollen“ (also aus dem Job auszusteigen) nicht insgeheim das „Sollen“ einer anderen Person ist.
Die Anti-Work-Einstellung kann dich genauso in einem gedanklichen Gefängnis einmauern wie das 9-5-Hamsterrad.
Es ist völlig menschlich, sich an den Erfahrungen anderer Menschen zu orientieren. So lernen wir. Aber:
Letztendlich musst du hinter der Entscheidung stehen, wenn du die Kündigung einreichst. Nicht irgendein Kerl im Internet, der dir das in einem Artikel empfiehlt.
Also was kannst du jetzt tun? Hier eine Idee.
Klink dich für eine begrenzte Zeit völlig aus.
Content Detox vor einer großen Entscheidung
Ich bin schon lange Fan von Content Detox. Meine Whatsapp-Kontakte würden sogar sagen, ich übertreibe gelegentlich damit. Detox funktioniert nicht nur digital, aber lass uns dort starten:
Digitales Detox
- Geh offline, zumindest am Abend. Vielleicht reicht dir eine bildschirmfreie Zeit ab 20:00 Uhr, um Ruhe im Kopf zu finden. Was ich gerade probiere: Kein digitaler Content nach dem Feierabend.
- Plane einen analogen Urlaub. Hardcore-Modus: Allein. Das könnte der langweiligste Urlaub aller Zeiten werden, aber vielleicht auch der, der dir am meisten Klarheit verschafft.
- Deaktiviere jede App, deren Algorithmus dich zu mehr Content verführt, bis sich dein Smartphone in einen langweiligen Klotz verwandelt (Gruß geht raus an alle meine Whatsappkontakte. Sorry für die lange Leitung).
- Schau 2 Wochen lang nicht in dein E-Mail-Postfach (ich nehm's dir nicht krumm, versprochen!)
Das Ziel ist, dich für eine begrenzte Zeit von jeglicher fremden Stimme zu distanzieren. Denn aus eigener Erfahrung weiß ich: Irgendwann hast du genug konsumiert.
Ist dein Glas bis zum Rand gefüllt, fabrizierst du nur eine Sauerei, wenn du weiter Wasser hinein schüttest (mehr Ideen findest du in meinem Artikel „Mehr Fokus“).
Doch Detox funktioniert nicht nur digital.
Analoges Detox: Eine Schreibübung, die dir bei der Entscheidung hilft
Für alle Bücherwürmer wird's jetzt schmerzhaft. Ich liebe Bücher, doch auch sie konfrontieren dich mit den Gedanken einer anderen Person. Also probier's mal damit:
Ersetze das Lesen an einem Tag in der Woche durch Schreiben. Kein Input. Nur deine Gedanken auf Papier. Falls du nicht weißt, worüber du schreiben sollst, hier eine Idee:
Stell dir vor, wie das Leben aussieht, das du auf gar keinen Fall führen möchtest. Arbeite diese Vorstellung aus. Frag dich z.B:
Was müsste mein Ich in der Zukunft getan haben, um unglücklich zu sein?
Von dort kannst du rückwärts arbeiten und überlegen, wie du nicht in die Fallen trittst, die du bereits sehen kannst (vielleicht hilft dir dabei auch mein Artikel über analoge Planung).
Warum Content Detox sinnvoll ist
Wozu das Ganze? In „Unzeitgemäße Betrachtungen“ schreibt Nietzsche (nerve ich dich schon mit ihm?):
„Die Hast ist allgemein, weil jeder auf der Flucht vor sich selbst ist.“ – Friedrich Nietzsche
Inhalte sind nicht böse. Doch manchmal steckt hinter deinem Konsum eine Vermeidungshaltung, um dich nicht mit dir selbst auseinanderzusetzen.
Also warum führst du dein Leben wie ein Dieb auf der Flucht vor sich selbst?
Dieses Bauchgefühl, von dem immer alle reden, hörst du nicht, solange du vor ihm wegrennst. Wie sollst du dich auf eine Stimme verlassen, die der Lärm deines Lebens übertönt?
Fazit: Was auf dem Spiel steht
Ich hoffe, dass dir dieser Artikel bei der Entscheidung hilft, ob du kündigen oder bleiben sollst. Dieser Frage begegnet wahrscheinlich jeder Mensch im Lauf seines Lebens (falls nicht: Was ist dein Geheimnis?!).
Nicht alle treffen dabei ihre eigene Entscheidung. Doch um dein Leben lang einem Pfad zu folgen, der sich nicht nach dir anfühlt, steht viel zu viel auf dem Spiel.
Bronnie Ware begleitete als Krankenschwester auf einer Palliativstation unzählige Menschen beim Sterben. In ihrem Post „Regrets of the Dying“ schreibt sie, dass das stärkste Bedauern sterbender Mensch dieser Satz war:
„I wish I’d had the courage to live a life true to myself, not the life others expected of me.“
Ein Leben nach deinen Vorstellungen zu gestalten, fühlt sich unsicher, manchmal sogar unvernünftig an. Es benötigt Stärke, dich gesellschaftlichen Normen zu widersetzen, sowie Mut, auf dich selbst zu hören oder – wie ich es gerne nenne – dein eigenes Skript zu schreiben, statt ein NPC im Leben zu bleiben.
Deshalb frage ich dich: Was steht für dich auf dem Spiel?
Bevor du gehst...
...ich habe dir gerade empfohlen, dich von fremden Erwartungen zu distanzieren. Jetzt lade ich dich in meinen Newsletter ein. Merkst du was?
Deshalb ohne Druck: Lass den Artikel wirken. Mach dein Detox. Und wenn du danach feststellst, dass dir mein Impuls geholfen hat, dann bin ich hier.
PS: Falls du ein bisschen Inspiration für deinen beruflichen Neuanfang brauchst, findest du hier eine Geschichte über den radikalen Neuanfang eines der größten Schriftsteller unserer Zeit.