Wie funktioniert berufliche Neuorientierung ohne klares Ziel? Darum geht es in „The Pathless Path“ von Paul Millerd. 3 Ideen aus dem Buch nehme ich hier genauer unter die Lupe.

Bevor du das Buch kaufst

„The Pathless Path“ existiert bisher nicht auf Deutsch. Es liest sich jedoch leicht und locker. Du musst kein Muttersprachler sein, um es zu verstehen.

Wer sollte „The Pathless Path“ lesen?

Ich empfehle Paul Millerds Buch jedem, der unzufrieden im Job ist und über eine Veränderung nachdenkt. Besonders dann, wenn das mehr als einen Stellenwechsel umfasst.

Außerdem empfehle ich es denjenigen, die an ihrer Veränderung zweifeln, weil sie noch nicht klar sehen, wo die Reise hingeht. Denn wenn Millerd eine Sache beweist, dann ist es diese:

Es ist möglich, sich neu zu orientieren, auch wenn man noch gar nicht weiß, wohin.

Worum geht es (und wer ist Paul Millerd)?

2017 steigt Paul Millerd aus. Er hüpft von der Karriereleiter, die ihn bereits zu McKinsey und der Boston Consulting Group führte, und entscheidet sich für...

Nichts, um genau zu sein. Als Millerd seinen Job kündigt, verfügt er über keinerlei vorhersehbare Einkommensströme. Und genau darum geht es in „The Pathless Path“:

Die Suche nach dem eigenen Weg in Abwesenheit eines klaren Pfads.

Der pfadlose Weg ist der, den wir nicht sehen, während wir ihn gehen. Wir verstehen ihn erst, sobald er hinter uns liegt.

The pathless path [...] is an embrace of uncertainty and discomfort. It’s a call to adventure in a world that tells us to conform. – Paul Millerd

Paul Millerd ist diesen Weg gegangen. Er startete ohne Plan, ohne Einkommen und ohne klares Ziel vor Augen.

3 Ideen aus „The Pathless Path" im Detail

Der pfadlose Weg ist eine Einladung, dein Denken über Arbeit zu hinterfragen. Lass uns einige Ideen daraus näher beleuchten.

Ist Arbeit wirklich alles im Leben?

Die letzten 15 Jahre seines Arbeitslebens verbrachte mein Vater als Gefängnisdirektor. Ein Beruf, der ihm lag, aber der ihn auch forderte.

Ich erinnere mich, als er zu mir sagte:

Markus, könnte ich die Zeit zurückdrehen, hätte ich damals weniger gearbeitet.

In dieser Aussage hörte ich den Schmerz über seine Abwesenheit als Vater und Ehemann, den er rund 30 Jahre mit sich trug. Deshalb frage ich mich bis heute:

Ist Arbeit wirklich das Wichtigste im Leben?

Obwohl mein Vater seinen Job mochte, reute ihn zumindest ein Teil der Zeit, die er deshalb nicht mit seiner Familie verbrachte. Doch wahrscheinlich glaubte er, Arbeit als Lebensmittelpunkt gehöre zu seiner Pflicht, denn so wurde er erzogen.

So wurdest du erzogen.

Aber ist das so?

Die Leistungskultur ist eine Ausnahme, nicht die Norm

Wir sehen unseren Erwerbsjob heute als moralische Pflicht. Doch Paul Millerd erklärt dieses (oft toxische) Leistungsdenken als das Ergebnis einer jungen Umprogrammierung.

Sie nennt sich protestantische Arbeitsethik und ist erst 500 Jahre alt. Vielleicht denkst du, das wäre viel. Doch in Anbetracht der rund 300.000-jährigen Menschheitsgeschichte? Höchstens ein kurzes Flackern.

Welchen Stellenwert Arbeit in deinem Leben haben sollte, kann ich nicht für dich beantworten – genauso wenig wie ich es für meinen Vater konnte.

Das kannst nur du.

Deshalb will ich dir folgende Frage stellen:

Wer wärst du, wenn du nie wieder auch nur einen Tag mit deinem Erwerbsjob verbringen würdest?

Was mir an „The Pathless Path" fehlt

Die Vorstellung, dass die Suche nach beruflicher Erfüllung eine der wichtigsten im Leben ist, teile ich mit Millerd. Ich glaube nicht daran, dass Menschen Arbeit hassen. Sie hassen sinnlose Arbeit – und die gibt's heute im Übermaß.

Doch dabei bleiben Fragen offen, für die ich bis heute noch keine Antwort gefunden habe (und die ich auch in Millerds Buch nicht gefunden habe):

  • Können wir dem Hamsterrad als Gesellschaft entkommen oder nur auf individueller Ebene?
  • Ist es möglich, Arbeit so grundlegend anders zu denken, dass sie für jeden funktioniert?
  • Muss ein Teil der Menschen leiden, damit sich ein paar wenige frei nennen dürfen?

Und die wahrscheinlich wichtigste Frage von allen:

  • Wären wir überhaupt bereit, unseren Wohlstand gegen berufliche Erfüllung zu tauschen, wenn das eine Verschlechterung des Lebensstandards für alle bedeutet?

Wie beantwortest du diese Fragen?

Buy Me a Coffee at ko-fi.com

Wie sich eine Kündigung ohne Plan B anfühlt

Was ich an Millerds Buch schätze, ist, wie genau er die Unzufriedenheit im Job beschreibt, die seine Leser (du?) täglich spüren:

  • Die emotionale Entfremdung zu Kollegen und Vorgesetzten, nein, zur ganzen Unternehmenswelt
  • Der Wunsch nach Freiheit, aber das gleichzeitige Bedürfnis nach Sicherheit, das uns trotz Unzufriedenheit an unseren Job bindet
  • Die Stimme, die sich berufliche Erfüllung wünscht, aber dir gleichzeitig einredet, das wäre was für Träumer

Wenn du darüber nachdenkst, dich beruflich zu verändern, vielleicht sogar etwas völlig Neues zu riskieren, wirst du viele Überschneidungen zwischen deinem und Millerds Denken finden.

Doch es bestehen auch ein paar feine Unterschiede, die ich beim Lesen nicht ignorieren konnte.

Millerds Ausgangslage ist nicht deine

Millerd folgte der Corporate Ladder der New Yorker Consulting-Szene. Die Gehälter, über die er redet, verursachen einem „Normalo“ Schwindelgefühle wie der Blick vom Empire State Building.

Millerd verdiente über 200.000 $ jährlich. Auch Khe Hy, den Millerd im Buch zitiert, arbeitete früher bei BlackRock. Nicht gerade ein Kleinverdiener.

Millerd schreibt zwar, dass er über keine besonders großen Rücklagen verfügte. Trotzdem wünschte ich mir, er hätte sein Buch (Erscheinungsdatum: 2022) mit Personen angereichert, die vor ihrem Ausstieg nicht 6-stellig nach Hause gingen.

Denn immerhin verdienten 50 % aller erwerbstätigen US-Amerikaner im Erscheinungsjahr des Buches rund 55.000 $ oder weniger im Jahr.

Deshalb bleibt irgendwo immer ein Restzweifel: Ist Millerds Geschichte mit der eigenen vergleichbar?

Die Angst vor Altersarmut und Ungewissheit

Als ich meinen Job kündigte, verdiente ich ungefähr ein Viertel von Millerds letztem Gehalt (in Euro). Da ich früher nicht für BlackRock arbeitete, kreisen meine Gedanken regelmäßig um das Thema Geld:

  • Schieße ich mir mit meiner Auszeit ins Knie?
  • Werde ich die Entscheidung irgendwann bereuen?
  • Befördert mich das in die Altersarmut?

Das sind echte Sorgen, die auch dich bei einer beruflichen Neuorientierung verfolgen. Doch eine Antwort, wie du konkret mit finanziellen Sorgen umgehst, wirst du in Millerds Buch nicht finden.

Ein Ausstieg funktioniert nicht mit „wishful thinking"

Finanzielle Sorgen sind real. Ein Gehaltszettel flattert nicht von allein durchs Fenster. Das wäre Wunschdenken. Millerd benennt „wishful thinking“ zwar in seinem Buch, doch er behebt es nicht.

Vielleicht kann ich an dieser Stelle also mit meiner persönlichen Erfahrung ergänzen. Was ich jedem empfehlen kann, der einen beruflichen Ausstieg oder Umstieg wagen will:

Stell einen Finanzplan auf.

Schreib dir vor deiner Kündigung deine täglichen Ausgaben für mind. 3 Monate auf und bilde daraus einen monatlichen Durchschnitt. So weißt du, wie lange du dir einen Ausstieg leisten kannst.

Ich hab das damals mit einem Monatsplaner in einem Notizbuch getrackt. Alternativ bieten manche Banken eine automatische Auswertung im Online-Banking-Dashboard an. Das funktioniert, sofern du alles per Karte zahlst.

Ein Finanzplan schafft Fakten – und damit Sicherheit. Wenn du nicht weißt, was du monatlich ausgibst, wird dich die Angst vor deinen Kosten früher in die Arme der Erwerbsarbeit zurücktreiben, als dir lieb ist.

Berufliche Neuorientierung ist kein einzelner Moment

In unserer Gesellschaft glorifizieren wir Aussteigergeschichten. Ich denke an Christopher McCandless' Geschichte in Into The Wild:

Straight-A-Student widersetzt sich der Zukunft, die seine Eltern für ihn planen, spendet sein Erspartes, verbrennt das übriggebliebene Bargeld und wandert nach Alaska aus.

Doch die Wahrheit ist: Aussteigergeschichten funktionieren selten mit „großen Gesten“. Die Kündigung ist nicht DER Schritt, sondern einer von vielen. Sowas wie der Vorsatz: „Ich zieh das jetzt wirklich durch.

Du wirst oft darüber nachdenken, ob dein alter Job vielleicht doch nicht so schlecht war. Ein Ausstieg besteht aus tausend Schritten – mal nach vorn, mal zurück.

In dieser Tatsache steckt eine riesige Hürde.

Rückschläge sind keine Fehlschläge

Unsere Tendenz, Aussteigergeschichten zu glorifizieren, führt zu der „alles oder nichts"-Falle, wie Millerd sie nennt. Du glaubst, du müsstest alles auf eine Zahl setzen. Kein Zurück.

Auf dieses Risiko reagieren wir automatisch mit einer Vermeidungshaltung. Psychologen nennen das Verlustaversion. Menschen gewichten Verluste höher als Gewinne.

Also reden wir uns ein, wir wären noch nicht bereit für eine Veränderung oder halten das Aussteigen für unrealistisch.

So verschwören wir uns stillschweigend zu Konformität.

Wenn die Angst vor Misserfolg lähmt

Die Angst vor Misserfolgen lähmt uns. Wir schieben die berufliche Veränderung auf und suchen lieber nach einer sicheren Stelle. Damit wird alles besser, reden wir uns ein. Doch wir übersehen die wichtigste Sache:

Es ist nicht die Aufgabe einer Stellenbeschreibung, uns zu befreien. Das ist unsere Aufgabe.

Berufliche Neuorientierung ist kein „alles oder nichts"-Moment. Nach deiner Kündigung werden noch Tausende weiterer Momente folgen, die mehr zu deinem neuen Weg beitragen als die Kündigung selbst.

Wenn ich heute daran denke, wieder einen Job in meiner alten Branche anzunehmen, fühlt sich das wie eine Niederlage an. Doch das ist es nicht. Es ist lediglich ein Rückschlag, kein Fehlschlag.

Mein Pathless Path geht trotzdem weiter. Deiner wird es auch tun.

Deshalb will ich dir folgendes zum Schluss mit auf den Weg geben:

Unsicherheit ist Teil des Prozesses

Sobald du von dem Weg abweichst, den die Gesellschaft für dich zeichnet, tust du etwas grundlegend Kreatives: Du erschaffst ein neues Leben.

Ein Leben nach deinen Regeln zu gestalten, ist der ultimative kreative Akt.

Wer kreativ arbeitet, erschafft etwas Neues – und Neues ist nie garantiert. Unsicherheit ist also von Grund auf in das eingebaut, was du probierst. Sie zu vermeiden, ist unmöglich.

Viel wichtiger ist deshalb deine Fähigkeit, Unsicherheit als Begleiter auf deinem Weg zu akzeptieren – zumindest am Anfang.

Und ich hoffe, diese Randnotiz hilft dir dabei, das klarer zu sehen.

Du willst deinen eigenen Pathless Path gehen?

Ich freue mich, wenn ich dich auf diesem Weg begleiten darf. Melde dich hier für den kostenlosen Newsletter an, erhalte regelmäßige Denkanstöße zum Thema Arbeit, Sinn und Gesellschaft und tritt mit mir in Kontakt.

Gemeinsam schaffen wir das.

Jetzt anmelden
Buy Me a Coffee at ko-fi.com