Das ist eine Auseinandersetzung mit Friedrich Nietzsches „Die Fröhliche Wissenschaft“, die wächst, während ich mich durch das Buch arbeite.
Das ist keine Zusammenfassung. Es geht nicht darum, Nietzsche und jeden seiner Aphorismen zu erklären, sondern dir zu zeigen, wie ein Buch einen Menschen verändert, während er es liest.
Dieser Beitrag wird solange bearbeitet, bis ich das Buch fertig gelesen habe.
Aphorismus 1: Die Suche nach dem Sinn des Lebens ist Instinkt
Der erste Aphorismus („Die Lehrer vom Zwecke des Daseins“) hat mich sofort für Nietzsche begeistert und einen ganzen Artikel inspiriert. Darin geht es im Kern um zwei radikale Gedanken:
1. Alles, was der Mensch tut, dient dem Trieb der Arterhaltung
Das gilt auch für unser Streben nach höheren Zielen. Ein Beispiel ist unser Wunsch nach beruflicher Erfüllung (mehr dazu im Link). Den habe ich bisher immer als „höheres Motiv“ gesehen. Etwas, das uns von Tieren unterscheidet.
Aber was, wenn unser Wunsch nach Sinn, Erfüllung und Glück im Kern dazu dient, uns am Leben zu erhalten? Wenn z.B. unser Streben nach Erfüllung im Beruf lediglich ein Gegenmittel ist, um nicht an der Realität eines 9-5 zu verzweifeln?
Selbst das, was wir als Menschheit oft als Grundlage für unsere „höhere Art“ erkennen, könnte mehr Natur als göttlicher Funke sein. Ohne dieses Streben würden wir am Leben „erschlaffen“.
Die Frage, die in meinem Kopf hängen bleibt: Ist der menschliche Glauben mehr Natur als Göttlichkeit, egal, ob er sich in Religion, Leidenschaft oder Revolution äußert?
2. Auch das „Böse“ dient dem Trieb der Arterhaltung.
Nietzsche schreibt: „Auch der schädlichste Mensch ist vielleicht immer noch der allernützlichste [...], denn er unterhält bei sich oder, durch seine Wirkung, bei Anderen Triebe, ohne welche die Menschheit längst erschlafft oder verfault wäre“.
Wenn ich das also richtig verstehe, dann erkennt Nietzsche selbst im Bösen einen Zweck, da wir uns als Menschheit gegen Hass, Raub- und Herrschsucht auflehnen und so nicht an der viel bequemeren Sicherheit des Alltags „erschlaffen“.
Nietzsche heißt das Böse nicht gut. Er bezeichnet es als kostspielig, verschwenderisch und töricht. Ich verstehe seine Interpretation des Bösen viel mehr als Gegenpol. Das Böse rüttelt uns wach. Entfacht ein Feuer in uns.
Die Implikation, mit der ich noch kämpfe: Sind Kriege unausweichlich? Braucht der Mensch sowohl Chaos als auch Ordnung, Krieg wie Frieden und das Böse wie das Gute?
Aphorismus 3: Projektion – Warum wir glauben, wir wüssten es besser
In „Edel und Gemein“ schreibt Nietzsche über zwei unterschiedliche Naturen der Menschen:
Die gemeine Natur (im Sinne von gewöhnlich, nicht fies) behält „ihren Vortheil unverrückt im Auge". Sie denkt rational, aber auch kalkulierend und eigennützig.
Die edle Natur hingegen folgt der Leidenschaft – sie strebt nach dem „Höheren“ (z.B. Selbstverwirklichung), handelt dabei aber auch affektiv und unvernünftig.
Was diesen Aphorismus so interessant macht, sind nicht die Konzepte von „gemein“ und „edel“, sondern dass Nietzsche hier im Kern beschreibt, was wir heute als Projektion bezeichnen: Menschen übertragen manchmal unbewusst ihre eigenen Motive und Charaktereigenschaften auf andere.
Das hat zur Folge, dass wir manchmal so in unserer eigenen Wahrnehmung / Welt gefangen sind, dass uns das Verständnis für die Motive anderer gänzlich fehlt, denn wir übertragen immer einen Teil von uns selbst auf sie.
Wir nehmen völlig selbstverständlich, aber auch irrtümlich an, jeder müsse die Welt so sehen, wie wir das tun. Doch das ist nur der Blick aus unserer eigenen, stark verfärbten Sicht.
Und genau hier muss ich mir selbst an die Nase fassen: Ich nehme gerne an, meine Sichtweise wäre die richtige. Dabei gibt es 100 verschiedene Sichtweisen und niemals die „eine“ Wahrheit.
Also was, wenn wir seltener Recht haben, als wir denken? Was, wenn zwei Wahrheiten gleichzeitig gelten? Was, wenn unsere Sicht – egal, für wie richtig oder tolerant wir sie halten – engstirnig und klein ist?
Aphorismus 4: Nietzsches Definition von Gut und Böse
Über „Das Arterhaltende“ stolpere ich bis heute. Nietzsche vertieft hier Aphorismus 1, indem er schreibt:
„Die stärksten und bösesten Geister haben bis jetzt die Menschheit am meisten vorwärts gebracht.“
Damit spielt er im Kern auf den Arterhaltungstrieb an, in dessen Sinne ja auch das „Böse“ einen Zweck erfüllt, da es die Menschheit am „Erschlaffen“ hindert.
Für Nietzsche scheint eine Definition von gut und böse zu gelten, die ich noch nicht völlig verstehe. Er behandelt das „Böse“ nicht moralisch. Er setzt es viel mehr mit „dem Neuen“ gleich, das bestehende Konventionen verwirft.
„Das Neue ist aber unter allen Umständen das Böse, als Das, was erobern, die alten Grenzsteine und die alten Pietäten umwerfen will; und nur das Alte ist das Gute! Die guten Menschen jeder Zeit sind die, welche die alten Gedanken in die Tiefe graben [...], die Ackerbauer des Geistes.“
Vielleicht interpretiert Nietzsche also das „Neue“ als böse aus Sicht des Bestehenden. Soll heißen: Das Alte bezeichnet das Neue als böse, weil es die bekannte Ordnung bedroht. Das bedeutet jedoch nicht, dass es moralisch böse ist.
Ein ganz schöner Mindfuck, den ich noch nicht völlig lösen kann. Falls du das tust, schreib mir bitte.
Doch auch hier wird die Frage, die ich im ersten Aphorismus gestellt habe, wieder laut: Liegen Umwälzungen in der menschlichen Natur? Nietzsche scheint das zu glauben, denn er schreibt:
„Aber jedes Land wird endlich ausgenützt, und immer wieder muss die Pflugschar des Bösen kommen.“
Und bisher behält er damit Recht.
Aphorismus 5: Misstraue JEDEM, der sagt, er kenne die Wahrheit
In „Unbedingte Pflichten“ kritisiert Nietzsche das „Princip des unbedingten Sollens". Damit meint er Prediger und Revolutionisten, die von „Pflichten mit dem Charakter des Unbedingten" sprechen.
Das sind Menschen, die dir sagen: Es gibt die EINE Wahrheit. Sie reden vom Sollen und vom Müssen, als wäre es deine hoheitliche Pflicht, ihrer Meinung zu folgen.
Ich bin mir nicht sicher, ob dahinter immer eine böse Absicht steckt. Manchmal ist es vielleicht schlichte Inkompetenz. Der Dunning-Kruger-Effekt schlägt zu: Sie wissen genug, um zu denken, sie lägen richtig, aber nicht genug, um zu erkennen, dass sie falsch liegen.
Du kennst solche Menschen heute vor allem aus Religion, Politik und Social Media. Nietzsche bezeichnet sie als „Gegner der moralischen Aufklärung“. Und das bringt mich ins Grübeln:
Inwiefern bin eigentlich ich durch diesen Blog zu so einem Prediger geworden? Verkünde ich hier meine Wahrheit quasi als „moralischer Imperativ“ oder lasse ich meinen Lesern den Raum, ihre eigenen Schlussfolgerungen zu treffen?
In der Vergangenheit bin ich öfters in die Falle getappt, anderen zu sagen, was sie tun „sollen“. Bis zu einem gewissen Grad ist das wahrscheinlich auch menschlich. Doch es wurmt mich, denn ich selbst lehne solche Menschen ab. So jemand möchte ich nicht sein.
Deshalb will ich in Zukunft kritischer auf das blicken, was und wie ich hier schreibe.
Die Lektion, die ich aus dem fünften Aphorismus mitnehme: Bleib misstrauisch gegenüber Menschen, die dir einfache Lösungen und Wahrheiten verkaufen. Das Internet ist voll von ihnen:


Menschen, die dir ihre Wahrheit verkaufen, brauchen den Glauben an diese Wahrheit oft dringender als du – denn dein Folgen dient ihrem Vorteil, nicht deinem.
Aphorismus 6: Beginnt die Hektik des 21. Jahrhunderts im 19. Jahrhundert?
„Verlust an Würde“ ist wahrscheinlich einer der relevantesten Aphorismen für unsere Zeit. Nietzsche spricht darin über den Verlust der Fähigkeit, in Ruhe zu denken und Stille zu genießen. Einige seiner Sätze passen so gut ins 21. Jahrhundert, dass ich sie im Original zitieren muss:
„Wir denken zu rasch, und unterwegs, und mitten im Gehen, mitten in Geschäften aller Art, selbst wenn wir an das Ernsthafteste denken"
„es ist, als ob wir eine unaufhaltsam rollende Maschine im Kopf herumtrügen, welche selbst unter den ungünstigsten Umständen noch arbeitet"
„Die Fröhliche Wissenschaft“ erschien 1882, also ca. 100 Jahre nach der ersten industriellen Revolution (eine der größten Umwälzungen aller Zeiten). Schon damals nahm Nietzsche die Hast als Problem wahr. Man könnte fast von einer ersten Form der Hustle Culture sprechen.
Also was zum Teufel würde er sagen, wenn er uns heute sehen könnte?
Quelle
Nietzsche, F., & Figal, G. (2012). Die fröhliche Wissenschaft (Nachdr.). Reclam.