Warum überschätzen manche Menschen ihre Kompetenz, während andere daran zweifeln? Darum geht's beim Dunning-Kruger-Effekt.

Kennst du das aus deiner Schulzeit? Auf der einen Seite der Sitznachbar, der nach der Schulaufgabe seinen sozialen Abstieg befürchtet. Später erhält er eine 2.

Auf der anderen Seite die Jungs aus der letzten Reihe. Auch in den Durchsprachen zweifeln sie nicht an ihrer Leistung. Die 5 auf ihrem Papier halten sie für einen Schreibfehler des Lehrers.

Jeder von uns nimmt die Welt anders wahr. Das führt manchmal zu Überheblichkeit. Hier erkläre ich dir, wie das geschieht und gebe dir 5 Tipps an die Hand, um den Dunning-Kruger-Effekt zu vermeiden.

Kognitive Verzerrungen: Wie uns das Gehirn täuscht.

Die Welt ist komplex. Deshalb denken wir in Mustern statt in Details. Wir filtern alle Reize anhand unserer Erfahrungen, statt sie jedes Mal neu zu beurteilen.

Das hilft uns im Alltag. Menschen verarbeiten Informationen langsam. Würden wir jeden Reiz einzeln bewerten, kämen wir nicht einmal zu Aldi um die Ecke. Denkmuster schützen uns so vor Reizüberflutung (hier findest du noch mehr effektive Tipps gegen Information Overload).

Doch unsere mentalen Abkürzungen führen uns auch in die Irre. Wenn das geschieht, sprechen Psychologen von einer kognitiven Verzerrung. Eine Verzerrung ist der Unterschied zwischen dem, was wir wahrnehmen und dem, was sich tatsächlich ereignet.

Ein Beispiel dafür ist der Aktienkurs. Den bewerte ich im Nachhinein gerne als „vorhersehbar“. Sobald er fällt, ärgere ich mich. Das hätte ich doch wissen müssen!

Dabei bewerte ich die Vergangenheit jedoch aus der Gegenwart. Ohne die Informationen, die ich heute kenne, hätte ich den fallenden Kurs nicht vorhergesehen – ein typischer „Rückschaufehler“ (hindsight-bias).

Genau so eine kognitive Verzerrung ist auch der Dunning-Kruger-Effekt.

Dunning-Kruger-Effekt einfach erklärt

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Der Dunning-Kruger-Effekt besagt, dass Laien dazu neigen, ihre Fähigkeiten zu überschätzen. Sie halten sich für kompetenter, als sie es sind.

Stell dir vor du lebst seit deiner Geburt auf einer Insel. Von der Küste aus siehst du nichts als Meer. Du hast keinen Zugriff auf Bücher oder das Internet. Die Insel wäre alles, was du kennst.

So könntest du annehmen, dass dein Eiland der einzig bewohnbare Fleck ist. Erst, wenn du dir ein Floß baust und andere Kontinente entdeckst, erkennst du, dass die Welt größer ist, als du dachtest.

So ähnlich verhält es sich mit Kompetenz. Menschen, die wenig über ein Thema wissen, erkennen nicht, wie klein die Insel ist, auf der sie leben. Sie schätzen das Ausmaß ihres Unwissens falsch ein.

Quelle

Ahrens, Sönke. Das Zettelkasten-Prinzip: Erfolgreich wissenschaftlich Schreiben und Studieren mit effektiven Notizen (German Edition). 2017. Kindle-Version. S. 16.

Der Physiker Neil deGrasse Tyson fasst dieses Phänomen so zusammen:

Es ist möglich, genug über ein Thema zu wissen, um zu glauben, dass du richtig liegst. Aber gleichzeitig fehlt dir das Wissen, um deinen Fehler zu erkennen.

Anders formuliert: Woher willst du wissen, wie wenig du weißt, wenn du nicht weißt, was du alles nicht weißt? Hinter dem Horizont versteckt sich vielleicht ein Kontinent, den du von deinem Eiland nicht siehst.

Der Dunning-Kruger-Effekt greift, wenn wir unser Wissen falsch beurteilen und irrtümlich Kompetenz annehmen.

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Die traurige Schlussfolgerung ist, dass Selbstbewusstsein nicht nur aus Kompetenz, sondern auch aus Ignoranz entsteht.

Wie Selbsttäuschung entsteht.

Die Psychologen David Dunning und Justin Kruger führen Überschätzung auf Probleme bei der Metakognition zurück.

Hattest du schon mal einen negativen Gedanken und hast dich im Anschluss gefragt, warum du dauernd solche negativen Gedanken hast?

Das ist Metakognition – die Fähigkeit, über das eigene Denken nachzudenken. Sich selbst zu reflektieren.

Quelle

Brown, P. C., Roediger, H. L., & McDaniel, M. A. (2019). Das merk ich mir! Erfolgreich lernen und für immer behalten mit der Make-it-stick-Methode (I. Brodersen, Übers.; Deutsche Erstausgabe). Goldmann. S. 26f.

Dunning und Kruger kamen in ihrer Studie „Unskilled and unaware of it“ zu dem Ergebnis, dass es manchen Menschen schwer fällt, sich zu hinterfragen. Sie überschätzen ihre eigene Kompetenz und unterschätzen gleichzeitig die Fähigkeiten anderer.

Quelle

Kruger, J., & Dunning, D. (1999). Unskilled and unaware of it: How difficulties in recognizing one’s own incompetence lead to inflated self-assessments. Journal of Personality and Social Psychology77(6), 1121–1134. https://doi.org/10.1037/0022-3514.77.6.1121

Hochstapler-Syndrom: Selbstzweifel trotz Kompetenz

Der Dunning-Kruger-Effekt ist nur ein Ende des Spektrums. Sein Gegenteil ist das Hochstapler-Syndrom (engl. Imposter-Syndrome).

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Das Hochstapler-Syndrom beschreibt den Zustand, wenn ausgerechnet kompetente Menschen an ihren Fähigkeiten zweifeln.

Lernen wir regelmäßig etwas Neues, stoßen wir immer wieder auf Lücken in unserer Bildung. Wir erkennen, dass mehr Wissen existiert, als wir uns jemals aneignen können.

Das bemerke ich besonders, wenn ich mit meiner 4-jährigen Nichte rede. Eines ihrer Lieblingswörter lautet „Warum“. Eine unschuldige Frage wie „Onkel, warum ist es im Sommer so warm?“ bringt mich schon ins Straucheln.

In solchen Momenten zweifle ich an mir: an meiner Allgemeinbildung, aber auch an meiner Kompetenz. Immer wieder stelle ich fest: Ich weiß lediglich, dass ich nichts weiß. Verdammter Sokrates.

Beim Imposter-Syndrom nimmt diese einfache Erkenntnis extreme Züge an. Zweifel übertragen sich auf alle Lebensbereiche. Betroffene nehmen wegen einer einzigen Wissenslücke völlige Unfähigkeit an.

Sie halten sich für Hochstapler, die sich ihren Erfolg erschleichen. Jederzeit befürchten sie, dass Kollegen sie entlarven. Die Selbsteinschätzung, an der es manchen Menschen mangelt, schlägt beim Imposter-Syndrom ins Gegenteil um.

Selbstwahrnehmung ist trügerisch...

Experimente zum Dunning-Kruger-Effekt

In einem Experiment zum Dunning-Kruger-Effekt absolvierten verschiedene Teilnehmer einen Logiktest. Danach sollten sie ihre Testergebnisse einschätzen.

Ausgerechnet diejenigen, die mit nur 12 Prozent der Gesamtpunktzahl am schlechtesten abschnitten, schätzten ihre Leistungen als überdurchschnittlich ein.

In einem zweiten Experiment untersuchten die Forscher, was geschieht, wenn Teilnehmer nach ihrer Ersteinschätzung die Ergebnisse anderen Personen sehen. Ändern sie dadurch ihre Meinung über ihre Leistungen?

Kurze Antwort: Nein. Erst in einem dritten Experiment durchbrachen die Forscher den Dunning-Kruger-Effekt.

Diesmal erhielt eine Hälfte eine zehnminütige Schulung zu logischem Denken. Diese Gruppe war später in der Lage, ihre Fehleinschätzung zu korrigieren.

Die Forscher zogen aus ihren Experimenten folgende Schlüsse:

  1. Manche Menschen sind schlecht darin, ihre Leistungen einzuordnen. Wenn du denkst, „Mich betrifft das nicht!“, dann bist du vielleicht schon in die Falle getappt.
  2. Wir können den Dunning-Kruger-Effekt überwinden, aber brauchen konstruktives Feedback, um aus Fehlern zu lernen. Wir müssen genau verstehen, woran wir gescheitert sind.

Quelle

Brown, P. C., Roediger, H. L., & McDaniel, M. A. (2019). S. 140ff.

Kritik am Dunning-Kruger-Effekt

Psychologen streiten darüber, inwiefern es sich beim Dunning-Kruger-Effekt um einen echten „Effekt“ handelt.

Menschen zeigen allgemein eine Tendenz zur Mitte. Wenn wir an uns zweifeln, bewerten wir uns oft als „durchschnittlich“. So wirken wir weder dumm noch überheblich.

Deshalb argumentieren Psychologen, dass es sich beim Dunning-Kruger-Effekt nicht um ein Konzept handelt, dass insbesondere inkompetente Menschen betrifft. Die Bewertung der eigenen Fähigkeiten scheint uns allen schwer zu fallen.

Doch gerade weil uns Selbsteinschätzung so schwer fällt, finde ich es umso wichtiger, über den Dunning-Kruger-Effekt zu sprechen, auch wenn wir ihn nur als „Selbsttäuschung im weiteren Sinne“ verstehen.

Selbsttäuschung durch Arbeitserfahrung

Die Chance, dass wir trotz Berufserfahrung inkompetent bleiben, ist gering, aber vorhanden. Der Psychologe Anders Ericssons argumentiert sogar, dass wir durch Erfahrung Fähigkeiten abbauen.

Sobald Menschen ein akzeptables Niveau erreichen, so Ericsson, schalten sie in den Autopilot. Sie automatisieren Fähigkeiten, statt weiter an ihnen zu arbeiten. Eine Tätigkeit auszuüben führt in diesem Fall nicht zu Verbesserung.

Jemand, der seit 20 Jahren Golf spielt, aber nicht an seiner Technik feilt, schneidet irgendwann schlechter ab als jemand, der erst wenige Jahre spielt.

Wenn wir unsere Fähigkeiten automatisieren, so Ericsson, bauen wir Können über den Verlauf der Zeit sogar ab. Wir verschlechtern uns. Reine Wiederholung hält uns nicht kompetent.

Quelle

Ericsson, K. A. (with Pool, R.). (2016). Peak: Secrets from the New Science of Expertise (1st ed). HarperCollins Publishers. S. 12ff.

Übung macht den Meister. Doch wenn der Meister aufhört zu üben, wird er schon bald vom Lehrling überholt.

Betriebszugehörigkeit bedeutet also nicht automatisch Kompetenz. Was, wenn das Selbstbewusstsein, das aus langjähriger Erfahrung resultiert, auf einer Illusion basiert?

Seit 20 Jahren geht ein Mensch in dieselbe Firma, sieht dieselben Gesichter und macht jeden Tag das Gleiche. Wann hört er auf, Dinge zu hinterfragen, sich für Veränderungen zu begeistern oder tief in neue Themen einzusteigen?

Erfahrung bedeutet nicht Selbsttäuschung.

Das bedeutet nicht, dass ich Erfahrung als Problem sehe. Mein Opa verließ das Unternehmen nie, in dem er seine Ausbildung machte. Er arbeitete an sich und war für das Unternehmen fast unersetzlich.

Auch mein Vater übernahm nach über 20 Jahren in der Justiz die Direktion eines Gefängnisses. Er zog um, arbeitete sich in neue Themen ein und übernahm viel Verantwortung.

Berufserfahrung ist also keine Einbahnstraße. Es ist möglich, sich in einer Laufbahn weiterzuentwickeln, ohne kontinuierlich den Job zu wechseln.

Das Problem ist nicht die Erfahrung, sondern unsere Bequemlichkeit. Das musste ich in meinem alten Job selbst erfahren.

Mein persönlicher Kampf mit Dunning-Kruger

Nach knapp 3 Jahren trat ich als Ausbildungskoordinator auf der Stelle. Ich hatte sämtliche Fortbildungen absolviert. Die Themen wiederholten sich. Gewohnheiten bestimmten meinen Tagesablauf.

Mein Gehalt fühlte sich jedoch bequem genug an, um einen Stellenwechsel lange vor mir herzuschieben. Ich klebte an meinem Job. Meine Bequemlichkeit hinderte mich daran, eine Neuorientierung anzugehen.

Genau an diesem Punkt schnappt der Dunning-Kruger-Effekt zu. Wenn wir aufhören, uns selbst zu hinterfragen. Wir halten uns für kompetent, doch unsere Bequemlichkeit hindert uns am Wachstum.

Auch dieser Blog füllt sich mit Geschichten über den Dunning-Kruger-Effekt. In meinen Monthly Fuck Ups berichte ich offen und ehrlich über meine Fehler. Dabei stoße ich immer wieder auf meine Selbstüberschätzung.

Als ich bspw. meine Homepage von Wordpress umzog, dachte ich, dass ich das ohne Hilfe schaffe. Ich rätselte lieber stundenlang, statt mir einfach eine Anleitung durchzulesen.

Wie du siehst, schützt selbst das Wissen über Selbstüberschätzung nicht vor Selbstüberschätzung. Wir alle können unserer Wahrnehmung erliegen. Amateur genauso wie Profis (und Blog-Autoren, die über Selbstwahrnehmung schreiben).

Der Dunning-Kruger-Effekt dient mir deshalb nicht dazu, Menschen mit langjähriger Berufserfahrung schlecht zu reden oder mich über Anfänger lustig zu machen.

Ich nutze ihn stattdessen als Leitbild. Er hilft, mir selbst gegenüber skeptisch zu bleiben. Genau deshalb sprechen wir jetzt über Gegenmaßnahmen.

5 Tipps gegen Selbstüberschätzung

Die Strategien, die dem Dunning-Kruger-Effekt vorbeugen, lassen sich auf einen gemeinsamen Kern reduzieren: Mindset, Mindset, Mindset!

Von der eigenen Unwissenheit ausgehen

Der kanadische Psychologe Jordan Peterson schrieb in seinem Buch Beyond Order:

Es ist besser, von persönlicher Ignoranz auszugehen und Lernen zu ermöglichen, als ausreichendes Wissen anzunehmen und die daraus resultierende Blindheit zu riskieren.“ (eigene Übersetzung)

Quelle

Peterson, J. B. (2021). Beyond order: 12 more rules of life. Allen Lane, an imprint of Penguin Books. S. 17.

Jeder von uns verfügt über eine erstaunliche Wahrnehmung. Doch jeder von uns ist durch Selbsttäuschung auch in der Lage, sich selbst zum Verhängnis zu werden. Eine gewisse Skepsis vor dem eigenen Selbstbild ist eine gesunde Grundeinstellung.

Hier ein paar Schnellfeuer-Ideen:

  • Wenn du das nächste Mal eine Entscheidung triffst, frage dich, welche Informationen dir fehlen.
  • Wenn du überzeugt bist, dass du recht hast, frage dich, über welche Informationen dein Gegenüber verfügt, die dir nicht vorliegen.
  • Wenn du in ein Meeting gehst, überlege dir vorab, welche drei Themen du definitiv noch nicht verstehst und klären willst.

So fokussierst du dich auf die Dinge, die du noch nicht weißt.

Zuhören statt reden

Wir besitzen zwei Ohren und nur einen Mund. Trotzdem reden wir oft lieber, als wir zuhören. Während der andere spricht, überlegen wir uns bereits eine Antwort.

Doch wie sollen wir unsere Lücken erkennen, wenn wir nicht zuhören, sobald uns jemand darauf hinweist?

Jordan Petersons Tipp: Geh stets davon aus, dass dein Gegenüber dir etwas zu sagen hat, das du noch nicht weißt.

Quelle

Peterson, J. B., Doidge, N., & Van Sciver, E. (2018). 12 rules for life: An antidote to chaos. Allen Lane, an imprint of Penguin Books. S. 233.

Diese Einstellung schützt dich vor dem Dunning-Kruger-Effekt. Wir sind von Menschen umgeben, die Verhalten ans uns bemerken, das wir selbst übersehen. Doch um auf diese Perspektive zuzugreifen, müssen wir ihnen zuhören.

Das wird oft als Schwäche gesehen. In sozialen Kontexten, vor allem im Beruf, wollen wir uns durchsetzen.

Zuhören ist aber eigentlich eine Stärke. Es bedeutet nicht, dass wir uns nicht durchsetzen können. Es bedeutet, dass wir nur dann reden, wenn es zählt.

Ich selbst gehöre zu den geistigen Wanderern. Wenn mir jemand etwas erzählt, läuft bei mir das Kopfkino und schon folge ich meinen Gedanken.

Deshalb spreche ich manchmal gedanklich nach, was mein Gegenüber sagt. Ich lasse ihn ausreden. Ich zwinge mich zu einer kurzen Pause, bevor ich antworte.

Ab und zu paraphrasiere ich auch:

  • „Verstehe ich das richtig, dass du sagst…“.
  • "Meinst du damit, dass…".

Diese kleinen Kniffe helfen mir, im Hier und Jetzt zu bleiben.

Das eigene (Un-)Wissen überprüfen

Ich liebe Tests. Sie zeigen dir, wo sich deine Lücken verstecken und konfrontieren dich mit der Realität. Entweder weißt du etwas oder nicht.

Weiterhin zwingen dich Tests zum aktiven Abruf. Du strengst dich an, um dich an etwas zu erinnern. Das stärkt die Nervenverbindungen in deinem Gehirn besser als wiederholtes Lesen.

Quelle

Brown, P. C., Roediger, H. L., & McDaniel, M. A. (2019). S. 30f.

Tests fördern Kompetenz. Sie begegnen dem Dunning-Kruger-Effekt dort, wo es weh tut. Hilfreiche Tipps, wie du Tests in deinen Lernprozess integrieren kannst, findest du in meinem Artikel „Schluss mit Pauken“.

Ein Selbsttest zeigt dir den Unterschied, zwischen dem, was du weißt und dem, was du nur zu wissen meinst. Klar, der Glaube an die eigenen Fähigkeiten ist wichtig. Aber wenn er nicht auf der Wirklichkeit basiert, nennt sich das Angeberei oder Größenwahn.

Wenn du dich in der Königsdisziplin üben willst, dann schreib über das, was du lernst. Formuliere Zusammenfassungen, Karteikarten oder Artikel. Je stärker du dein Wissen mit anderen Inhalten verknüpfst, desto länger bleibt es hängen und desto kompetenter wirst du.

Eine weitere, geniale Methode ist die Feynman-Technik (nach dem Physiker Richard Feynman benannt). Feynman war davon überzeugt, dass Schwierigkeiten bei der Formulierung eines Gedanken aus Verständnisproblemen resultieren. Wenn du etwas nicht in einfachen Worten erklären kannst, hast du es selbst nicht verstanden.

Quelle

Ahrens, Sönke. Das Zettelkasten-Prinzip: Erfolgreich wissenschaftlich Schreiben und Studieren mit effektiven Notizen (German Edition). 2017. Kindle-Version. 73ff.

Wenn du das nächste Mal etwas lernst, dann stell dir z.B. vor, du müsstest es einem Laien oder einem Kind erklären. Wo kommst du ins Stocken? Wo verwendest du Fachbegriffe, für die dir kein einfacheres Wort einfällt? Genau dort liegen deine Wissenslücken.

Fehler als Chance verstehen

In unserer Kultur betrachten wir Fehler als Versagen. Misserfolge beweisen fehlendes Talent, weshalb wir Fehler gern verschweigen.

Doch Schweigen ist nicht immer Gold. Indem wir nicht über Fehler reden, setzen wir uns nicht ausreichend mit ihnen auseinander.

Stell dir vor, du möchtest Fallschirmspringen lernen. Wenn du nicht aufmerksam bleibst und die richtigen Schlüsse aus deinen Fehlern ziehst, ist der Tribut, den du zahlst, mitunter tödlich.

Zum Glück stirbt niemand, wenn er in einem Test mal schlecht abscheidet oder einen Fehler im Job begeht. Trotzdem sind die Folgen lebenslanger Naivität nicht zu unterschätzen.

Fehler sind das beste Feedback zur Schärfung der eigenen Wahrnehmung. Nimm es an und setz dich damit auseinander. Ansonsten könntest du nach 40 Jahren feststellen, dass du dich nie wirklich weiterentwickelt hast.

Hol dir regelmäßiges Feedback von Menschen ein, mit denen du viel zusammenarbeitest oder die dich gut kennen. Das tut manchmal weh. Ich selbst habe Feedback genau deshalb schon ausgeschlagen. Ich lebte lieber in meiner Selbsttäuschung weiter.

Ein Growth Mindset entwickeln

Die Psychologin Carol Dweck zeigte in Experimenten, dass Schüler im Verlaufe eines Jahres bessere Leistungen erbringen, wenn wir ihnen zeigen, dass nicht Intelligenz, sondern Anstrengung über ihren Erfolg entscheidet.

Dweck veranstaltete einen Workshop mit leistungsschwachen Siebtklässlern. Darin vermittelte sie den Schülern Wissen über Gehirnfunktion und Lernmethoden.

Im Nachgang teilte sie die Klasse in zwei Gruppen. Einer der beiden Gruppen erklärte sie, dass Anstrengung das Gehirn verändert. Im Verlauf des Schuljahres zeigte diese Gruppe mehr Lernbereitschaft und bessere Leistungen im Vergleich zur Kontrollgruppe.

Quelle

Brown, P. C., Roediger, H. L., & McDaniel, M. A. (2019). S. 205.

Ob du daran glaubst, etwas zu schaffen oder nicht – du wirst in jedem Fall Recht behalten.

Die Einen glauben, ihre angeborenen Fähigkeiten seien unveränderlich und verstecken sich vor Herausforderungen. Das bezeichnet Dweck als das fixed mindset.

Die Anderen glauben an Wachstum. Herausforderungen sind für sie eine Chance für persönliches Wachstum. Das ist das growth mindset.

Der Glaube an die eigene Anpassungsfähigkeit kann Berge versetzen. Wenn du Herausforderungen als Chance und Misserfolge lediglich als Signal erkennst, deinen Kurs anzupassen, dann lässt du Wachstum. Du gehst an die Grenzen deiner Kompetenz, weil du verstehst, dass es kein persönliches Versagen ist, wenn mal etwas schief geht.

Menschen, die über ein growth mindset verfügen, arbeiten stetig an ihrer Kompetenz und streben nach Wachstum. Andere erliegen Denkmustern und Illusionen, die sie zurückhalten.

Fazit: So schützt du dich vor dem Dunning-Kruger-Effekt.

Wenn du es bis hierher geschafft hast, vielen Dank! Ich weiß deine Zeit sehr zu schätzen. Um alles noch mal kurz Revue passieren zu lassen, hier eine kurze Zusammenfassung:

  • Das Gehirn reduziert Komplexität, um Überlastung zu vermeiden. Das macht uns aber auch anfällig für kognitive Verzerrungen.
  • Der Dunning-Kruger-Effekt bezeichnet das Phänomen, wenn inkompetente Menschen von ihren Fähigkeiten überzeugt sind.
  • Das Gegenteil ist das Hochstapler-Syndrom: Kompetente Menschen, die an ihren Fähigkeiten zweifeln und Angst haben, dass andere das erkennen.
  • Experimente verdeutlichen, wie schwer es ist, den Dunning-Kruger-Effekt zu vermeiden, sobald wir ihn einmal verinnerlichen.
  • Meine 5 Strategien im Umgang lauten:
    • Gehe stets davon aus, dass jeder Mensch etwas weiß, das du nicht weißt.
    • Teste dein Wissen durch Quizze, Selbsttests, Schreiben und die Feynman-Technik.
    • Hör mehr zu als du redest und fasse Gesagtes zusammen.
    • Betrachte Wissenslücken als Chance, Neues zu lernen.
    • Entwickle ein Growth-Mindset.

Videospiel-Mindset gegen den Dunning-Kruger-Effekt

Stell dir dein Leben wie einen Charakter in einem Videospiel vor. Ich selbst habe in meiner Jugend (zu viel) World of Warcraft gespielt.

Das Spiel folgt einer einfachen Levelsystematik. Du startest als Niemand auf Level 1 und musst dir den Weg zur Maximalstufe (Level 70) erarbeiten. Dabei verdienst du dir bessere Ausrüstung und schaltest mächtige Fähigkeiten frei.

Dieses Prinzip übertrage ich auf mein Leben: Ich sehe mich als Charakter in einem riesigen Multiplayer-Spiel (dem Leben) und kämpfe mich langsam zur Maximalstufe vor.

Dafür arbeite ich kontinuierlich an meinen Fähigkeiten. Das Leben ist meine Spielwiese, auf der ich immer Neues lernen kann. Neue Herausforderungen sind für mich keine Probleme, sondern Möglichkeiten, mich selbst zu testen.

Mit diesem Mindset hoffe ich, dass ich nicht in die Falle des Dunning-Kruger-Effekts trete. Ich bleibe immer Schüler. Das Leben ist mein Lehrmeister.

Ich wünsche dir alles Gute auf deiner Reise.