Je einfacher ich mein Leben gestalte, desto leerer fühlt es sich an. Selbstwirksamkeit stärken wir nicht durch Bequemlichkeit, sondern durch Anstrengung. Das klingt nicht sexy, aber genau darin liegt der Sinn.
Bequemlichkeit ist der neue Lebensstandard
Unser Essen bestellen wir online – kein Menschenkontakt. E-Mails an unsere Kollegen generieren wir – kein Denken. Musik prompten wir – kein Musiker, kein Instrument.
Das zentrale Werbeversprechen vieler Techunternehmen und Onlinedienste lautet: „Wir machen dein Leben einfacher und sparen Zeit. Du musst nur dafür bezahlen.“
Seitdem ich Amazon Prime nutze, erzählt mir Ralf Schmitz jeden Abend, wie einfach es ist, mir ein Auto zu kaufen. „Das machste nebenbei“.
Hast du hingegen keinen Bock mehr auf deine Rostlaube, erzählt dir der andere Ralf (Schuhmacher) im nächsten Spot, wie schnell du den Kübel wieder los wirst.
Alle anderen Probleme bewerfen wir heute mit Künstlicher Intelligenz. Die wird das schon richten.
Mir kommt es manchmal so vor, als ginge es bei neuen Technologien nicht um den Fortschritt, sondern um die Ausdehnung unserer Bequemlichkeit. Alles einfach, alles reibungslos.
Klingt wie ein guter Deal. Doch was verlieren wir dabei?
Gemini und Suno: Wie KI-Konzerne Musik falsch verstehen.
Mit einem Google Gemini Account generierst du heute mit einem einfachen Prompt Musik auf Knopfdruck. Momentan beschränkt dich Google dabei noch auf 30 Sekunden.

Einen umfangreicheren Service bietet das Unternehmen Suno. Suno wirbt damit, Musik „für jeden zugänglich“ zu machen. Ganze Lieder in wenigen Sekunden.
Nie wieder müssen User Instrumente lernen, Musiktheorie pauken oder mit anderen Musikern zusammenzuarbeiten. Vergiss Beatlemania. In Zukunft öffnen wir nur noch unsere Brieftaschen, um einen Hit nach dem anderen zu produzieren.
Eine Welt, in der Musik so zugänglich ist wie Computerspiele – eine coole Vorstellung, keine Frage.
Doch irgendwie werde ich den Eindruck nicht los, dass Mikey Shulman, der Mitbegründer von Suno, den Reiz an Musik überhaupt nicht versteht. In einem Interview sagt er:
It's not really enjoyable to make music now. It takes a lot of time. It takes a lot of practice. You need to get really good at an instrument or really good at a piece of production software. I think the majority of people don't enjoy the majority of the time they spent making music.
Laut Shulman bereitet uns Musik meistens keine Freude. Das Zuhören langweilt und das Lernen eines Instruments strengt zu sehr an.
Suno will uns diese Reibung abnehmen. Wir müssen nur dafür bezahlen. Aber ist es das, was wir wollen?
Mehr über die Musikindustrie im Zeitalter der KI erzählt Adam Neely in diesem Video.
Was mir mein E-Bass über Selbstwirksamkeit beibrachte.

Mit 13 lernte ich E-Bass. Wie viele Stunden ich in den Jahren danach übte, kann ich nicht sagen. Aber es müssen Tausende gewesen sein.
Heute spiele ich nicht mehr. Ein Nervenproblem in meinem Arm verhindert das. Doch obwohl ich nicht mehr spiele, betrachte ich die unzähligen Stunden nicht für eine Sekunde als vergeudet.
Als Teenager versagte ich in der Schule auf ganzer Linie. Ich sammelte 5er und 6er, als würde ich Bingo spielen.

Über meine Jugend als Schulversager.
In dieser Phase war mein E-Bass mein bester Lehrer. Während meine Anstrengungen in der Schule ins Nirvana führten, hörte ich am Bass unmittelbar das Ergebnis meiner Mühe.
Nur weil ich in der Schule versagte, war ich kein Versager im Leben. So verinnerlichte ich, was Haruki Murakami auf den Punkt bringt:
Wenn ein Mensch etwas zutiefst und leidenschaftlich will, kann er es erreichen.
Quelle
Murakami, H. (2020). Die Ermordung des Commendatore. Band 2: Eine Metapher wandelt sich (U. Gräfe, Übers.; 1. Auflage, genehmigte Taschenbuchausgabe). btb. S. 178.
War das mit Reibung verbunden? Fuck, ja.
Ich verbrachte Tage und Nächte mit Technikübungen und Tonleitern. Bei dem Versuch, Proben mit anderen Musikern zu organisieren, fielen mir wahrscheinlich bereits die ersten Haare aus.
Doch trotz dieser Reibung denke ich manchmal so gerne an meine Zeit als Bassist zurück, dass ich Bauchschmerzen bekomme.
Keine Sorge, mein Arzt sagt, ich leide an Nostalgie, nicht an einem Magengeschwür.
Ja, es benötigt einiges an Anstrengung, bis wir ein Instrument beherrschen. Aber genau darin liegt der Reiz: Herausforderungen überwinden und Kompetenz aufbauen.
Was Selbstwirksamkeit bedeutet (und was sie mit Musik zu tun hat)
Selbstwirksamkeit bezeichnet die Erfahrung, dass wir durch unser Handeln einen Unterschied in der Welt bewirken. Wir strengen uns an, lösen Probleme und lernen, unser Leben aktiv zu gestalten.
Der Glaube an unsere Fähigkeiten entsteht durch bewältigte Herausforderungen. Können wir unser Lieblingsriff von Linkin Park auf der Gitarre spielen, probieren wir uns irgendwann auch an Tool oder Dream Theater.
Bewusstes Üben spielt eine zentrale Rolle für die Erfahrung von Selbstwirksamkeit.
Mein Instrument war keine Nebensache, die ich aus dem Weg räumen musste, um endlich Spaß zu haben. Es war Ausdruck meiner Kompetenz und formte meine Persönlichkeit.
Wenn ich daran denke, dass manche Menschen in der Zukunft vielleicht nicht zu einem Instrument greifen, weil ihnen irgendein KI-Unternehmen erzählt, wie unnötig schwer das doch alles sei, bricht mir das ein bisschen das Herz.
Für Mikey Shulmans Ansicht, Musik wäre „not enjoyable“, sehe ich zwei Erklärungen:
- Er versteht grundsätzlich nicht, was Menschen an einem Instrument reizt. Dann verstünde er aber auch nicht, warum wir Fremdsprachen lernen, Schach spielen oder Sport treiben.
- Er versteht, dass er verdammt viel Geld damit verdient, wenn er Menschen verklickert, dass sich das Lernen eines Instruments nicht lohne und Musikproduktion unnötig kompliziert sei.
Doch wenn wir das Streben nach Kompetenz im Namen der Bequemlichkeit oder „User Experience“ aufgeben, verlieren wir nebenbei etwas viel wertvolleres.
Warum Anstrengung wichtig für ein erfülltes Leben ist.

Oliver Burkeman beschreibt in seinem Buch „4000 Wochen“, wie wir uns durch die Suche nach Effizienz und Bequemlichkeit durch schnelle, einfache Lösungen selbst betrügen.
Ganze Branchen leben heute von dem Versprechen, uns bei der Bewältigung einer überwältigenden Menge an Aufgaben zu helfen, indem sie uns lästige und zeitraubende Tätigkeiten abnehmen oder diese beschleunigen. Die Kehrseite der Medaille ist jedoch, (...) dass das Leben unmerklich schlechter wird.
Quelle
Burkeman, O. (2022). 4000 Wochen: Das Leben ist zu kurz für Zeitmanagement (H. Lutosch, Übers.). Piper. S. 64.
Menschen tragen das Bedürfnis in sich, Herausforderungen zu bewältigen und Erfolge zu erfahren. Psychologen nennen das „Need for Achievement“. Doch wo versteckt sich das „Achievement“, wenn wir Lieder in Sekunden prompten?
Jemand, der in dem Glauben aufwächst, ein Musikinstrument sei Zeitverschwendung, erfährt niemals, wie wertvoll dieser Prozess trotz seiner Reibung ist.
Und diese Reibung entfernen wir gerade aus den unterschiedlichsten Lebensbereichen. Zum Beispiel beim Pizza bestellen. Kein Witz.
Beispiel 1: Pizza bestellen ohne Reibung.
Dank Lieferando könnte ich mir jeden Tag 'ne Quattro Formaggi zwischen die Kiemen schieben und müsste mich dabei nicht einmal den entsetzten Blicken der Restaurantinhaber aussetzen.
Die Lieferdienste eliminieren jegliche Reibung. Trotzdem ruf ich bei der Pizzeria meines Vertrauens lieber an oder geh direkt hin und – Achtung! – warte auf mein Essen. Manchmal sogar ohne Smartphone – IGITT IGITT!
Aber als ich eines schönen Tages auf meine Quattro Formaggi warte, bietet mir der Inhaber der Pizzeria doch tatsächlich einen Kaffee an – kostenlos?! Wo gibt's denn sowas noch?
Wir wechseln ein paar Worte – hauptsächlich über Kaffee. Ich kann sehr lange über Kaffee reden. Der Inhaber scheinbar auch.
Wurden wir dadurch beste Freunde? Nö. Reden wir jetzt jedes Mal miteinander? Nö. Aber komischerweise esse ich seit diesem Tag meine Pizza dort noch lieber.
Je mehr wir auf Onlinedienste zurückgreifen, um Reibung zu vermeiden, desto häufiger berauben wir uns auch dieser Kontakte – und verpassen dabei auch noch kostenlosen Kaffee.
Beispiel 2: Bloggen ohne Reibung.
Auch das Internet füllt sich mit Bequemlichkeit. Als Blogger sind mir persönlich vor allem Videos ein Dorn im Auge, die erklären, wie wir dank KI völlig automatisiert – von der Idee bis zur Veröffentlichung – ganze Artikel mit Tausenden Wörtern generieren.
Keine Recherche, kein lästiges Schreiben und keine Korrektur. Menschen legen nur noch fest, wie viele Artikel sie pro Tag veröffentlichen wollen. Den Rest erledigt das LLM. Wer seine Texte noch selbst schreibt, hält damit nicht Schritt.
Doch das Prompten eines Blogbeitrags erzeugt niemals die Genugtuung, die nur dann entsteht, sobald ich auf „Veröffentlichen“ drücke und weiß, dass ich den Artikel geschrieben habe.
Wenn ich heute meine alten Beiträge lese, muss ich manchmal schmunzeln, wie schlecht sie klingen. Aber das verrät mir gleichzeitig, dass ich mich weiterentwickelt hab. Genauso wie damals bei meinem E-Bass.
Diesen Stolz vermittelt mir keine künstliche Intelligenz, sondern nur meine eigene.
Anstrengung ist ein Feature, kein Bug.
In manchen Bereichen lohnt es sich, Reibung zu eliminieren. Die Online-Terminvergabe bei meinem Zahnarzt finde ich verdammt praktisch.
Ich versteh auch, dass sich die Menschen beim Autoverkauf weniger Kopfschmerzen wünschen, obwohl ich das Gesicht von Ralf Schuhmacher langsam nicht mehr sehen kann.
Wir müssen unser Leben nicht verkomplizieren, nur um zwanghaft Anstrengung zu erleben.
Auch für Künstliche Intelligenz bestehen relevante, praktische Einsatzmöglichkeiten. Mir fällt jedoch auf, dass wir uns bei der Unterscheidung, was ein sinnvoller Einsatz bedeutet, ziemlich gedankenlos verhalten.
Als würden wir in einem selbstfahrenden Auto durch den Wald kurven und uns darüber aufregen, dass das Wandern irgendwie keinen Spaß mehr macht.
„Wenn man den Prozess bequemer macht, beraubt man ihn seiner Bedeutung“, sagt Burkeman.
Quelle
Burkeman, O. (2022). S. 66.
Reibung wirkt manchmal wie ein Fehler, ist aber oft der Grund, warum sich viele Aktivitäten in unserem Leben so lohnenswert anfühlen.
Der Amerikaner würde sagen: It's a feature, not a bug.
Unperfekt sein macht uns menschlich.
Als ich das erste Mal „Roxanne“ von The Police am Bass lernte, schepperten die Saiten und ich zeigte das Rhythmusgefühl eines Kindergeburtstages beim Topfschlagen.
Die ersten Texte auf meinem Blog lesen sich heute, als hätten sich die Eltern auf besagtem Kindergeburtstag für einen Schreibkurs statt für Topfschlagen entschieden.
Meine Cover und Blogbeiträge sind keine Kunstwerke. Aber wer sagt denn, dass sie das sein müssen? Reicht es nicht, dass sie das Ergebnis meiner Anstrengung sind?
Deshalb bleibe ich auch weiterhin skeptisch gegenüber dem Versprechen der Unternehmen. Es mag sein, dass sie unser Leben vereinfachen möchten.
Doch dabei ziehen sie uns nicht nur das Geld aus der Tasche. Vielleicht berauben sie uns gleichzeitig unserer Menschlichkeit.
Und wenn wir die erst mal vermissen, ist es vielleicht schon zu spät für uns.
Bleibst auch du skeptisch?
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Auf meinem Blog schreibe ich regelmäßig über Fokus in einer Welt voller Ablenkung, selbstbestimmte Lebensführung und persönliches Wachstum.
Mit Psychologie und Philosophie untermauert.
Kein Spam. Kein Doomscrolling. Keine KI.

