Der beste Rat gegen Hate im Netz kommt ausgerechnet von einem Mann, der das Wort „Internet“ nie gehört hat.

Negative Kommentare auf Social Media sind unausweichlich

Bei meinem vierten Youtube-Video erhalte ich zum ersten Mal einen Kommentar. Lt. Account heißt der Mann Reinhard und scheint um die 70 Jahre alt zu sein.

Ich freue mich wie Bolle. Endlich kommentiert jemand! Was wird er wohl sagen? Voller Spannung klicke ich zum Kommentar.

„Wenden Sie sich doch einem anderen Hobby zu.“

Autsch.

Das ist kein Hate Speech. Der liebe Reinhard beleidigt oder bedroht mich nicht. Aber weißt du, was er tut?

Er trifft einen Nerv.

Was ein mieser Kommentar in uns auslöst

Ich beginne zu zittern – vor Wut. Ich will Reinhard an die Gurgel springen, doch ich sehe ihn nirgends. Nur diesen blöden Kommentar.

Das schockiert mich. Nicht Reinhard, sondern wie stark ich seinen Kommentar spüre. Deshalb ist die Art und Weise, wie wir online kommunizieren, so tückisch:

Kommentare landen in deinem Kopf, bevor du weißt, dass sie dir schaden wollen.

Sie existieren in so vielfältiger Anzahl (die neue Hexenjagd heißt: „Das ist doch KI-generiert!“), dass du aufgeben wirst, bevor deine Onlinepräsenz überhaupt erst richtig anfängt.

Aus diesem Grund hoffe ich, dass ich dich erreiche, bevor dir das Gleiche passiert. Denn wo Reinhard herkommt, da gibt es noch ganz andere Kollegen.

Wer sich im Internet bewegt, der weiß: Auf den Wunsch nach Aufmerksamkeit folgen auch Personen, deren Aufmerksamkeit man sich so überhaupt nicht wünscht.

Was wir im Umgang mit solchen Personen brauchen? Eine neue Philosophie: Die Philosophie von Hatekommentaren.

Und die kommt von einem Mensch, der die Wörter „Social Media“ und „Internet“ zu Lebzeiten nie gehört hat.

Nietzsche: Die Philosophie der Hate-Kommentare

In §3 des ersten Buches von „Die fröhliche Wissenschaft“ schreibt Friedrich Nietzsche über die „gemeine“ und die „edle“ Natur des Menschen.

Die gemeine Natur (im Sinne von gewöhnlich, nicht fies) behält „ihren Vortheil unverrückt im Auge". Sie denkt rational, aber auch eigennützig.

Die edle Natur folgt „der Leidenschaft" – sie strebt z.B. nach Selbstverwirklichung, handelt dabei aber auch affektiver, also weniger rational.

Es ist unerheblich, zu welcher Natur du gehörst. In §3 geht es Nietzsche vor allem um das Verständnis der beiden Naturen füreinander:

Denn das fehlt völlig.

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Warum Menschen einander nicht verstehen

Die edle und die gemeine Natur nehmen die Welt durch ihre individuelle Brille wahr. Sie besitzen Vorstellungen, wie sich jemand zu verhalten hat.

Hast du schon mal jemanden gefragt, warum er etwas tut, und die Person hat dir geantwortet, „weil man das halt so macht“?

Point made. Case closed.

Wir können unserer Subjektivität nicht entkommen

Die meisten Menschen besitzen zwar zwei Augen – das bedeutet aber nicht, dass sie die Welt mit denselben Augen sehen.

Die Persönlichkeit eines Menschen formt seine Wahrnehmung und so seine Realität.

Deshalb verstehen wir einander manchmal überhaupt nicht. Wir erklären uns das Verhalten anderer durch unsere eigene, stark verfärbte Brille.

Doch das bedeutet gleichzeitig:

Unsere Annahmen sind ein Spiegel unseres eigenen Denkens.

In seinem Aphorismus über die edle und gemeine Natur beschreibt Nietzsche ein psychologisches Konzept, das du unbedingt kennen musst, wenn du im Netz aktiv bist.

Was Projektion ist – und was sie mit Hate-Kommentaren zu tun hat

In der Psychologie spricht man von Projektion, wenn wir anderen Menschen Eigenschaften zuschreiben, die wir versteckt in uns tragen, manchmal sogar an uns selbst nicht mögen.

Ein Mensch, der sich z.B. unehrlich verhält, misstraut anderen, da er sich unterbewusst selbst nicht über den Weg traut. Martin Wehrle schreibt dazu in „Den Netten beißen die Hunde“:

„Wie ein Maler nur Farben verwenden kann, die seine eigene Palette enthält, so finden die meisten Menschen für das Handeln anderer nur Erklärungen, die ihrem eigenen Wertesystem entsprechen“

– Martin Wehrle

Solange wir anderen Menschen unsere eigenen Motive unterstellen, sind wir niemals in der Lage, die andere Person zu verstehen.

Unsere Urteile verraten somit manchmal mehr über uns als über diejenigen, die wir verurteilen.

Vielleicht ist Projektion sogar in Teilen für den Generationenkonflikt verantwortlich – aber das ist ein anderes Thema. Wie hilft uns dieses Wissen nun im Umgang mit Hass online?

Gemälde von zwei kämpfenden Menschen mit dritter Person, die den Streit schlichtet
Hate gab es schon immer: „Die sieben Todsünden“ von Hieronymus Bosch

Wie Projektionen helfen, negative Kommentare einzuordnen

Übertragen auf den Hater, Ragebaiter oder Troll bedeutet Projektion:

Negative Kommentare sagen mehr über den, der sie schreibt, als über deine Arbeit.

Oder, wie es ein User auf gutefrage.net so schön zusammenfässt: „Was der Hans über den Fritz sagt, sagt mehr über den Hans als über den Fritz.“

Der Hass, den andere Menschen gegen dich richten, ist manchmal also nicht mehr als Selbsthass und Frustration über das eigene Leben.

Hate-Kommentare werden so zur Selbstdiagnose.

Sie funktionieren wie ein Spiegel, den sich jemand ungewollt vor die eigene Nase hält. Aber lass uns noch eine wichtige Unterscheidung treffen:

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Der Unterschied zwischen Hate und konstruktiver Kritik

Quelle: Simpsons Fandom

Konstruktive Kritik weist dich auf Schwachstellen hin, um dich aufzuwerten. Ihr zuzuhören, hilft uns langfristig weiter (nicht zu verwechseln mit dem inneren Kritiker, der oft genau das Gegenteil tut).

Der Hater macht das Gleiche, um dich abzuwerten. Ihm geht es nicht um gute Argumente. Er will verletzen, abwerten und beleidigen. Er will dich runterziehen, damit du dich so fühlst wie er.

Deshalb sage ich dir jetzt etwas, was ich gerne von jemandem gehört hätte, als ich meine ersten Beiträge veröffentlichte:

Der Hass online kritisiert weder dich noch deine Arbeit. Er attackiert lediglich das, was er nicht versteht. Er hasst das, was er an sich selbst hasst.

Der Fakt, dass du zum Ziel eines Haters wirst, bedeutet vielleicht bloß, dass du etwas tust, das über das „Gewöhnliche“ (das „Gemeine“) hinausgeht. Das verachtet der Hater, denn es übersteigt seinen Horizont.

Und mal ehrlich:

Es wäre verdammt schade, wenn du dir deinen Traum von jemandem zerstören lässt, der mit sich selbst nicht im Reinen ist.

5 Tipps im Umgang mit Hate-Kommentaren

Um dir noch ein paar praktische Tipps an die Hand zu geben, will ich dir erzählen, was mir hilft, wenn der Blutdruck steigt.

1. Atme durch

Ja, ernsthaft. Das ist kein WuHu-BuHu-Bullshit. Du liest einen Kommentar mit deiner gedanklichen Stimme. Der Hater landet in deinem Kopf, bevor du überhaupt weißt, dass er dir schaden will.

Das führt zu einer körperlichen Reaktion (wie mein wütendes Zittern). Mir hat es deshalb geholfen, dieser physischen Reaktion auf Ebene meines Körpers zu begegnen.

Abstand nehmen, tief durchatmen, wiederholen, bis der Puls sinkt.

2. Treib Sport

Wenn du gar nicht mehr klar denken kannst, reg dich körperlich ab. Schwing dich auf's Rad, mach ein paar Liegestützen, prügel auf einen Boxsack oder ein Kissen ein (bitte nicht auf den Hater, selbst wenn du die Chance dazu hast).

Selbes Prinzip wie beim Durchatmen – nur intensiver. Nach ein paar Gewichten sieht die Welt schon anders aus.

3. Sprich darüber

Dir Hilfe zu suchen, ist nicht schwach. Wenn dir jemand sagt: „Ist doch bloß ein Kommentar“, dann kennt er sich mit der Situation nicht aus.

Jemanden anzurufen ist keine Schwäche, sondern Coping (Problembewältigung). Reden hilft, Dampf abzulassen. Es tut verdammt gut, sich gemeinsam über jemanden aufzuregen.

Vorsicht: Die Person, der du davon erzählst, könnte genauso wütend werden wie du. Empfiehl ihr danach also diesen Artikel (hehe).

4. Reagiere auf den Kommentar, wenn du es willst

Automatisch auf „Blockieren“ drücken, muss nicht immer die beste Lösung sein. Wenn dich jemand in ein schlechtes Licht rückt oder etwas sagt, das klar gegen deine Haltung geht, steh für dich ein.

Kippt ein Kommentar zur Beleidigung oder Drohung, darfst du dich dagegen juristisch wehren.

Dabei geht es um nichts geringeres als Selbstwirksamkeit, also das Gefühl, dass wir nicht das Opfer sind, sondern uns behaupten können.

Beim gewöhnlichen Youtube-Troll oder Ragebaiter vergeudest du mit langen Antworten jedoch oft deine Energie und vor allem die Zeit, die du für deine Arbeit nutzen könntest.

Viele Plattformen (z.B. Youtube unter „Einstellungen“ – „Community-Moderation“ – „Nutzerverwaltung“) bieten Community-Funktionen, durch die du Personen für deinen Kanal stumm schaltest.

Das Beste daran: Der Hater kriegt nichts davon mit. Er kann weiter kommentieren und seine Zeit verschwenden, aber niemand sieht es.

5. Besiege den Hate durch Weitermachen

Wenn dir jemand sagt, dass er deinen Beitrag scheiße findet, schreib direkt den nächsten. Wenn er dir sagt, du siehst im Video hässlich aus, stell dich noch näher an die Kamera.

Zeig der Person, dass sie keinerlei Kontrolle über dich besitzt. Damit tust du genau das, wovor sie sich selbst fürchtet:

Du stehst zu dir und deiner Leidenschaft. Und dazu ist der Hater nicht in der Lage.

Deine Reaktion auf Kritik ist der Grund, warum du weitermachen musst

Als ich damals so stark auf Reinhards Youtubekommentar reagiert hatte, fragte ich mich, ob ich mich für eine Onlinepräsenz eigne. Bin ich vielleicht zu sensibel? Bringe ich die falsche Persönlichkeit dafür mit?

Doch Paul Millerd hat mich in „The Pathless Path“ davon überzeugt, dass eine emotionale Reaktion auf Kritik keine Schwäche ist.

Der Fakt, dass du dir Kritik zu Herzen nimmst, vielleicht sogar mehr als dir gut tut, ist exakt der Grund, warum du deine Arbeit mit anderen Menschen teilen solltest.

Deine Reaktion bedeutet, dass dir das, was du tust, am Herzen liegt, dass dir andere am Herzen liegen. Du sorgst dich darum, was deine Arbeit in ihnen auslöst.

Das ist keine Schwäche:

Das macht dich zu genau der Person, die anderen überhaupt erst helfen kann.

Ich glaube schon lange daran, dass das, was wir oft als Schwäche bezeichnen, manchmal Stärke ist.

Also bleib dran. Ich steh hinter dir.

Seit ich des Suchens müde ward,
Erlernte ich das Finden
Seit mir ein Wind hielt Widerpart
Segl ich mit allen Winden

– Nietzsche

Auch auf deinem Weg wird es Reinhards geben.
Und Tage, an denen du am liebsten aufhören würdest.

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