Mit 32 Jahren brüstete sich Mick Jagger von den Rolling Stones, er wolle lieber tot umfallen, als mit 45 noch Satisfaction zu singen.

Mick Jagger – Der Fluch der Vergangenheit

Heute ist Mick Jagger 81 Jahre alt. Satisfaction singt er immer noch. Sollten wir ihn deshalb verurteilen?

Mick Jagger wusste mit 32 einfach nicht, wie es ist, 45 zu sein und erst recht nicht 81. Doch sein Wandel zeigt, wie sich Perspektiven mit dem Alter verändern.

Auch ich bemerke diese Veränderung. Ich bin heute 30 Jahre alt. Wenn ich manchmal höre, was meine 10-15 Jahre jüngeren Auszubildenden von sich geben (Generation Z und jünger), schüttele ich mit dem Kopf.

Doch das Problem liegt nicht bei ihnen. Es liegt bei mir.

Mit 30 Jahren vergesse ich bereits, was ich in meiner Jugend alles von mir gab. Wie konfus diese Zeit ist, in der man sich selbst, einen Platz in der Gesellschaft und einen Weg in die Zukunft finden soll.

Die Jugend kann das Alter nicht verstehen, nur erahnen. Sind wir doch mal ehrlich: Selbst alte Menschen haben oft Probleme, ihr Alter zu begreifen oder es sich überhaupt einzugestehen.

Dumbledore über den Generationenkonflikt

Diese schmerzliche Erkenntnis muss auch Albus Dumbledore in Harry Potter und der Orden des Phönix machen, als er am Ende des Buches seine Fehler im Umgang mit Harry im fünften Schuljahr einräumt. Er sagt:

Die Jugend kann nicht wissen, wie das Alter denkt und fühlt. Aber alte Menschen machen sich schuldig, wenn sie vergessen, was es hieß, jung zu sein.

Quelle

Rowling, J. K. (2018). Harry Potter und der Orden des Phönix (K. Fritz, Übers.). Carlsen. S. 989.

Junge Menschen haben das Alter noch nicht erlebt. Ältere Menschen hingegen vergessen, dass sie nicht immer waren, wer sie heute sind. Das ist der Generationenkonflikt.

Wenn ich heute diese Lücke bei mir selbst feststelle – egal, ob es Ansichten, Wortwahl oder Verhalten sind –, erahne ich allmählich die Falle, in die Dumbledore getreten ist.

Wenn Erfahrung das Verstehen blockiert

Es ist der Fluch des Wissens. Wenn wir einmal etwas verstehen, vergessen wir, wie es war, nicht zu verstehen. Wir unterschätzen, wie lange es dauert, etwas zu lernen, das wir selbst schon können.

In Bezug auf den Generationenkonflikt ist es eher der Fluch der Erfahrung. Menschen, die an einem gewissen Punkt angelangt sind, verlieren das Gefühl dafür, wie lange es dauert, um dorthin zu kommen. Und wie unsicher sich dieser Weg anfühlt.

Deshalb verlieren wir manchmal die Geduld, vielleicht sogar die Empathie, wenn jemand etwas nicht versteht oder schafft. Wir vergessen, wie es ist, etwas zum ersten Mal zu machen. Wir vergessen, wie es ist, jung zu sein.

Wir vergessen die Unsicherheit, das Experimentieren, manchmal auch den Segen dieser Naivität, wenn wir mit dem Kopf durch die Wand rennen und es für die beste Vorgehensweise halten. Wenn wir Fehler machen, weil wir es besser wissen als die Alten.

Vielleicht ist dieses Vergessen ein Schutzmechanismus vor den eigenen Unsicherheiten der persönlichen Vergangenheit. Sich nicht eingestehen zu müssen, wer man war.

Vielleicht überschattet auch die Dringlichkeit der Gegenwart unsere Erinnerungen. Das Jetzt scheint so bedeutsam, dass wir uns die Zeit nicht nehmen, die Welt aus jüngeren Augen zu betrachten.

Anders ausgedrückt: Ich weiß es nicht.

Doch manchmal scheint es mir, dass durch das Erwachsenwerden etwas von der eigenen Jugend verloren geht, an das sich das Alter nicht mehr erinnern kann, selbst wenn es sich darum bemüht.

Je größer diese Lücke wird, desto mehr beeinträchtigt sie unser Sichtfeld. Irgendwann sehen wir nur noch Generationsunterschiede.

Was mir aber klar wird: Sowohl junge als auch alte Menschen kämpfen mit ihrem eigenen Menschsein. Die Naivität der Jugend kann das Alter nur erahnen. Die Voreingenommenheit des Alters vergisst, wie es ist, jung zu sein.

Obwohl wir Menschen uns manchmal nicht einmal selbst verstehen, schimpfen wir über andere. Oder schütteln wie ich mit dem Kopf über meine Azubis.

Ist das nicht schade?

Fragen für einen Perspektivwechsel

In Zukunft werde ich mir häufiger die Frage stellen: Wie war ich damals eigentlich? Vielleicht erübrigt sich das Kopfschütteln dadurch. Vielleicht sehe ich dann besser, welche frischen Perspektiven junge Menschen mit sich bringen.

Der Mensch hat einen erstaunlich langen Atem. Mick Jagger ist dafür der beste Beweis. Doch unser Atem, sich in andere Menschen hineinzuversetzen, ist manchmal leider deutlich kürzer.

Eingefahrene Denkmuster können wir auch im Alter durchbrechen. Wir müssen nur den Mut dazu aufbringen.

Zum Schluss eine schwierige, aber ernst gemeinte Frage: Kennst du dieses Gefühl, Menschen nicht zu verstehen, die älter oder jünger sind als du? Und was hättest du in deinem Leben anders gemacht, wenn du als junger Mensch mehr Erfahrung gehabt hättest?

Schreib es mir gerne in die Kommentare. Oder denk einfach darüber nach.

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