Wir standardisieren die Welt – und verlieren dabei unsere Kreativität. Der urige Blumenladen bei mir ums Eck schloss vor ein paar Wochen. Übernommen hat Blume 2000. Pflanzen kriegt man dort genauso. An Charme hat der Laden allerdings eingebüßt. Blume 2000 sieht mehr nach Lagerverkauf aus.

Überall in der Stadt beobachte ich dasselbe. Die Bäcker sind industrielle Ketten. Der Einzelhandel weicht einheitlichen Versandhäusern. Selbst Tattoos gibt es dank großer Ketten wie Kleopatra Ink bereits als Massenware.

Standards funktionieren. Sie stehen letztendlich für einheitliche Qualität. Doch wie viel Platz bleibt dabei noch für Einzigartigkeit?

Wie kreative Menschen Kreativität definieren.

Kreativität ist ein Begriff, der häufig Künstlern und Freigeistern vorenthalten zu sein scheint. Doch was ist das überhaupt? Ausgerechnet in der Musikbranche fand ich eine ungewöhnliche Antwort auf diese Frage.

Rick Rubin ist einer der bekanntesten Musikproduzenten der Welt. Er arbeitete unter anderem mit den Red Hot Chili Peppers, Linkin Park und Johnny Cash. Dabei produzierte er einige meiner absoluten Lieblingsalben.

Rubin ist wahrlich ein kreativer Kopf. Das spiegelt sich auch in seinem Schreiben wider. In seinem Buch "kreativ. Die Kunst zu sein" definiert er den Begriff Kreativität.

Etwas zu erschaffen bedeutet etwas ins Sein zu bringen, das vorher noch nicht da war.

Quelle

Rubin, R. (with Strauss, N.). (2023). Kreativ: Die Kunst zu sein (J. Elze, Übers.). O.W. Barth. S. 13.

Bei Kreativität handelt es sich um die Kapazität eines Menschen, neue Lösungen, Gedanken oder Objekte zu erzeugen, die vorher noch nicht da waren.

Anders als man es von einem Musikproduzenten jedoch erwarten könnte, versteht Rubin weitaus mehr unter kreativem Handeln als die Erschaffung neuer Musik.

Jeder Mensch ist kreativ

Die Lösung alltäglicher Probleme, das Führen von Gesprächen, die Einrichtung einer Wohnung oder auch die Umgehung eines Staus auf dem Heimweg dienen Rubin als Beispiele für kreatives Handeln.

Kreativität, so Rubin, ist keine seltene Fähigkeit. Sie ist nicht schwer zugänglich. Sie ist auch nicht ausschließlich den Künstlern vorenthalten.

Stattdessen ist sie ein grundlegender Aspekt des Menschseins. Wir alle sind täglich auf unterschiedliche Art und Weise kreativ. Wir alle erschaffen regelmäßig Neues. Kreativität und Menschsein gehen für Rubin Hand in Hand.

Nehmen wir an, Rubins These, Kreativität sei ein grundlegender Aspekt unserer Menschlichkeit, ist wahr. Befindet sich diese Fähigkeit im 21. Jahrhundert in Bedrängnis?

Wir verlieren unsere Kreativität an den technologischen Fortschritt.

Viele Probleme, in deren Lösung Rubin einen Einsatz von Kreativität erkennt, lassen sich heute technologisch umgehen. Knifflige E-Mails, emotionale Dankkarten oder öffentliche Reden lassen sich durch den passenden Prompt in Sekundenschnelle mit künstlicher Intelligenz generieren.

Auch die Musikbranche, in der Rubin als Ikone gilt, richtet sich immer mehr nach technologischen Parametern. Das Hörverhalten wird durch Algorithmen gesteuert und auch Musik selbst lässt sich wahrscheinlich bald vollständig durch Computer produzieren.

Wir sind von Technologie umgeben. Sie ist zu jeder Tageszeit greifbar. Sie hat auf alles eine Antwort. Sie hat für jedes Problem eine passende App. Doch sie hat auch Nachteile.

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In meinem Artikel „Selbstwirksamkeit stärken“ erfährst du z.B., wie Künstliche Intelligenz unserer Kompetenz schadet.

Reizüberflutung zerstört unsere Kreativität

Das immense Angebot technologischer Lösungen erzeugt ein digitales Dauerfeuer, das wir aufgrund der leichten Zugänglichkeit, die Smartphones, Tablets und Laptops bieten, jederzeit auf uns einprasseln lassen. So gewöhnen wir uns an kontinuierliche Stimulation.

Wir sind permanent beschäftigt. Wir multitasken, um mitzuhalten und bemerken nicht, wie uns Multitasking schadet.

Wir kommen selten zur Ruhe. Wir sind nie wirklich mit uns allein. Selbst wenn wir die einzige Person im Raum sind, öffnet uns die Technologie jederzeit das Tor zur Welt. Genau darin liegt die Krux.

Creativity […] is directly produced by the gaps.

Quelle

Eriksen, T. H. (2001). Tyranny of the moment: Fast and slow time in the information age. S. 156.

Kreativität entsteht in den Lücken unserer Tätigkeit - durch Phasen der Ruhe, der Untätigkeit, der Langeweile und Kontemplation. Unser Gehirn benötigt Zeit, um Eindrücke verarbeiten und damit umgehen zu können.

Nur der Anteil der Untätigkeit an der Tätigkeit selbst, so der Philosoph Byung-Chul Han, erlaubt kreatives Handeln.

Quelle

Byung-Chul Han. (2022). Vita contemplativa oder von der Untätigkeit. Ullstein. S. 27.

Um es in den Worten Thoreaus zu formulieren:

Gedanken benötigen Raum, um auf offene See fahren […] zu können, bevor sie Kurs auf den Hafen nehmen.

Quelle

Thoreau, H. D. (2021). Walden oder vom Leben in den Wäldern (W. Nobbe & R. Roßbach, Übers.). Kampa. S. 180.

Doch Reizüberflutung und Ablenkung zerstören diesen Raum. Durch den selbstauferlegten Zwang, ständig beschäftigt sein zu müssen, vernichten wir die Voraussetzungen, durch die Neues überhaupt erst entstehen kann.

Statt unserem Kopf zu vertrauen, uns mit Sinn zu versorgen, verlassen wir uns auf die Technologie. Das Smartphone wird zur Sinnproduktionsmaschine. Damit schaden wir unserer Kreativität. Wir geben unseren Gedanken zu wenig Raum, um auf offene See zu fahren.

Mir persönlichen helfen dabei analoge Werkzeuge wie Notizbücher. Die funktionieren bis heute, auch wenn sie vielleicht aus der Mode fallen.

Wir verwandeln das Internet in generierten Einheitsbrei.

Ich bin kein Luddit. Ich bin nicht technophob. Ich erkenne das enorme Potenzial, das Technologie für unsere Zukunft innehält. Doch ich sehe auch, dass man den Umgang mit ihr lernen muss.

Das Internet kann eine unerschöpfliche Quelle für Inspiration sein. Es scheint mir jedoch, dass viele Menschen die Tiefe dieses Wassers falsch einschätzen. Sie ertrinken in Content.

Doch das Internet ist nicht die einzige Quelle, aus der wir Inspiration schöpfen können. Überall in uns und um uns herum schwirren Ideen und Gedanken.

Der Job des Künstlers ist es, diese kreativen Impulse im Alltag aufzunehmen. Dafür muss er sie jedoch erst einmal bemerken. Er braucht, wie Rubin sagt, fein eingestellte Antennen.

Doch die Digitalisierung unterwirft unsere Wahrnehmung einem radikalen Wandel. Sie überflutet unsere Eingangskanäle mit Informationen und Reizen.

Wir sind benommen vom Kommunikations- und Informationsrausch. Der Tsunami der Information entwickelt destruktive Kräfte.

Quelle

Han, B.-C. (2021). Infokratie: Digitalisierung und die Krise der Demokratie (Erste Auflage). Matthes & Seitz Berlin. S. 22.

Zu diesen destruktiven Kräften könnte auch eine Beeinträchtigung unserer Fähigkeit gehören, klare Gedanken zu fassen und kreativ mit ihnen umzugehen.

Dabei verlieren wir unsere individuelle Stimme. Wir verwechseln KI-generierten Lärm mit Selbstausdruck.

Wenn Rubin also Recht hat und Kreativität ein grundlegender Aspekt menschlichen Handelns ist, dann lagern wir aktuell unsere Kreativität an den technologischen Fortschritt aus.

Und dadurch könnten wir einen enorm wichtigen Aspekt unserer Menschlichkeit vergessen.

Das Versprechen der Techkonzerne war, uns die stupide Arbeit abzunehmen. Nicht das, was uns menschlich macht.

Vielleicht sind es auch nicht die Konzerne, die uns berauben. Vielleicht sind es wir selbst, weil wir Bequemlichkeit bevorzugen.

Egal, was stimmt: Ich finde, es ist Zeit, unsere Kreativität zurückzugewinnen.

Klarheit, selbstbestimmtes Denken und bewusstes Leben.

In meinem Newsletter schreibe ich über das, was uns antreibt – und das, was uns dabei ausbremst.

Keine Hacks, kein Spam, kein Einheitsbrei.

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