Zu hohe Erwartungen sind verdammte Spielverderber. In dieser persönlichen Geschichte erfährst du:

Anfänger haben zu hohe Ansprüche an sich selbst

Marion ist ungefähr 40 Jahre alt, als ich sie an einem Samstag Vormittag bei einem Anfängerkurs fürs Bogenschießen treffe. Sie trägt ihre braunen Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden und ist kleiner als die meisten Frauen.

In der Vorstellungsrunde erzählt Marion, sie habe noch nie Pfeil und Bogen in der Hand gehalten und deswegen könne niemand Großes von ihr erwarten.

Moment mal, denke ich. Das ist doch ein Anfängerkurs. Niemand erwartet irgendetwas von dir.

Doch plötzlich grübel ich selbst. Ganz schön viele Fremde hierWenn ich daneben schieße, sieht das ja jeder. Das hatte ich bei der Anmeldung irgendwie nicht bedacht.

Verdammt. Jetzt verunsichert mich Marion mit ihrer Unsicherheit. Aber ich schaff das. Männer sind doch Jäger. Das Talent fürs Bogenschießen ist so selbstverständlich wie die Sitzheizung in einem neuen BMW.

Ich versag schon nicht... oder? Bitte? Pretty please?

Wie zu hohe Erwartungen uns den Spaß an Hobbys verderben

Nach einer kurzen Einweisung besteht unsere erste Übung darin, 3 Pfeile auf ein etwa 5 Meter entferntes Ziel zu schießen.

Jeder von uns tritt einzeln an, der Rest der Gruppe guckt zu. So sollen wir voneinander lernen – oder unserem Nachbarn zumindest nicht in den Fuß schießen.

Marion verkrümelt sich prompt an das Kopfende der Gruppe, doch der Uhrzeigersinn verschwört sich gegen sie und so schießt sie kurz darauf ihren ersten Pfeil.

Sie trifft. Nicht mittig, aber immerhin.

Etwas mutiger setzt Marion zum zweiten Pfeil an. Auch der fliegt zielstrebig nach vorne, driftet jedoch nach rechts ab, prallt gegen die Wand und fällt unbedarft zu Boden wie ich bei meinem letzten Vollrausch.

Noch bevor Marion den dritten Pfeil spannt, sagt sie: „Ich wusste doch, dass ich dafür kein Talent habe.“

Ihre Aussage irritiert mich. Sie macht das doch zum ersten Mal. Doch ich kenne die Stimme in Marions Kopf – der innere Kritiker, der uns klein redet.

Noch während ich ihren dritten Schuss beobachte, der natürlich mittig in der Zielscheibe landet, zweifle ich selbst daran, ob ich mich besser anstellen werde.

Nur noch eine Person vor mir – ein junger Kerl etwa in meinem Alter. Meine Augen folgen seinen Bewegungen – Pfeil nocken, Bogen heben, Sehne spannen. Doch mein Kopf befindet sich woanders.

In diesem Moment erinnere ich mich an die Geschichte, wie Haruki Murakami Schriftsteller wurde.

Was Anfänger von Haruki Murakami über Erwartungen lernen können

Als Haruki Murakami sein erstes Buch mit Füller und Papier an seinem Küchentisch schreibt, fällt ihm das unheimlich schwer. Er hat keine Ahnung, wie man eine Geschichte erzählt. Nach Monaten des Schreibens stellt er fest: Mich langweilt mein eigener Text.

Deshalb denkt er für einen kurzen Augenblick ans Aufgeben. Bis er kapiert, was Marion und ich an diesem Samstag in der Bogenhalle noch nicht verstanden haben:

Nach eingehender Überlegung begriff ich, dass mein Unvermögen ganz natürlich war. Ich hatte in meinem Leben noch nie einen Roman geschrieben. Wie konnte ich erwarten, gleich beim ersten Versuch etwas Bahnbrechendes hervorzubringen?
- Haruki Murakami

Quelle

Murakami, H. (2018). Von Beruf Schriftsteller: Essays (U. Gräfe, Übers.; 1. Auflage, genehmigte Taschenbuchausgabe). btb. S. 34.

In der Folge experimentiert er. Zunächst schreibt er seine Geschichte auf Englisch um, einer Sprache, der er nur begrenzt mächtig ist und die ihn veranlasst, sich einfacher auszudrücken. Diesen Text übersetzt er später zurück ins Japanische. So entwickelt er seinen eigenen Stil (ein typisches Beispiel für das Growth-Mindset).

Wenn ich sowieso keinen guten Roman schreiben konnte, warum dann nicht alle meine vorgefertigten Ansichten über Romane und Literatur über Bord werfen und einfach frei von der Leber weg schreiben?
- Haruki Murakami

Indem Haruki Murakami seine Erwartungen an das verwirft, was er als „Japanische Hochliteratur“ bezeichnet, geht er einen völlig anderen Weg und findet dabei zu sich selbst.

An diese Geschichte muss ich denken, während ich mir einen Übungsbogen aussuche und an die Linie trete.

Warum Scheitern am Anfang befreiend ist

Ich halte den Bogen in meiner linken Hand und richte meine Schulter seitlich zum Ziel aus. Mit Rechts nocke ich das Ende des Pfeils vorsichtig in die Sehne und setze zum Schuss an.

Beim Spannen des Bogens versuche mich krampfhaft an alles zu erinnern, was ich gerade gelernt habe, stelle aber fest, dass ich nichts mehr davon weiß. Je länger ich darüber nachdenke, desto stärker zuckt mein Schultermuskel. „Lass los!", schreit er mich an.

Ich atme aus und schieße.

Doch als sich meine Finger von der Sehne lösen, höre ich ein „Boing“, das ich sonst nur aus Comics kenne, und mein Pfeil plumpst wie ein lustloses Kleinkind rechts neben mir klappernd zu Boden.

Die gesamte Gruppe in meinem Rücken fängt an zu lachen. In einem Sekundenbruchteil färbt sich mein Gesicht von typisch-blass-deutsch zu höllenfeuer-rot. Jeder gekochte Hummer dieser Welt wäre neidisch gewesen.

Um meine Scham zu vertuschen, verbeuge ich mich vor der Gruppe wie ein Schauspieler, als wäre mein Versagen Teil des Plans gewesen. Zwar sage ich nichts, doch geht mir ein ähnlicher Gedanke durch den Kopf wie Marion:

Naja, für dieses Hobby besitze ich wohl kein Talent. Aber das ist irgendwie befreiend.

Denn während ich mich vor der Gruppe verbeuge, distanziere ich mich zumindest ein paar Zentimeter von der Stimme, die mir sagen will, ich sei nicht gut genug. Denn ich darf das – etwas nicht können.

An diesem Tag schieße ich noch oft daneben. Manchmal so spektakulär, dass mein Pfeil vom Holz des Zielstandes abprallt und wie ein treuer Hund zu mir zurück fliegt.

Doch mit jedem Schuss interessiert es mich ein Stückchen weniger, was ich oder andere von mir halten. Stattdessen hab ich den Spaß meines Lebens.

Warum unser Versagen nicht über unsere Zukunft entscheidet

Marion wollte nach ihrem zweiten Pfeil wahrscheinlich am liebsten den Bogen an die Wand hängen und die nächste Tür nach draußen aufsuchen. Auch ich wäre gerne für einen Moment im Erdboden versunken.

Doch wenn ich heute mit etwas Abstand daran zurückdenke, frage ich mich, woher diese natürliche Begabung eigentlich kommen soll, die Marion und ich wie selbstverständlich von uns forderten.

Die Jagd mit Pfeil und Bogen hat sich der Mensch und nicht die Natur ausgedacht. Genauso wie niemand uns das Schreiben eines Romans in die Wiege legt (ich nenne das den Talent-Mythos).

Dann hat der liebe Gott in meinem BMW halt die Sitzheizung vergessen. Und Marion fährt vielleicht eher Trabbi.

Ans Ziel kommen wir trotzdem.

»Wie komm ich am besten den Berg hinan?«
Steig nur hinauf und denk nicht dran!
- Friedrich Nietzsche

Quelle

Nietzsche, F., & Figal, G. (2012). Die fröhliche Wissenschaft (Nachdr.). Reclam. S. 19.

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Ich schreibe regelmäßig über Psychologie, persönliches Wachstum und die Frage, wie wir aufhören, uns selbst im Weg zu stehen.

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3 Tipps, um den inneren Kritiker zu besiegen

1. Die Harry-Potter-Methode.

In Harry Potter und der Gefangene von Azkaban lernt Harry den Riddikulus-Zauberspruch. Damit besiegt er Irrwichte, die die Gestalt dessen annehmen, wovor er sich am meisten fürchtet.

Dasselbe funktioniert mit unserem inneren Kritiker. Bevor du ein neues Hobby lernst, schreib dir auf, was du von dir erwartest. Glaubenssätze sind dann am gefährlichsten, wenn sie unausgesprochen in unseren Köpfen schwirren. Doch indem wir sie aufschreiben, machen wir sie sichtbar und stellen fest, wie irrsinnig manche von ihnen sind.

2. Die Lehrer-Methode.

Stell dir vor, du wärst bereits Profi in dem Hobby, das du gerade lernst, und müsstest es einem Freund oder deinen Kindern beibringen: Was würdest du erwarten? Würdest du verlangen, dass dein Freund jeden Pfeil trifft oder deine Kinder sofort die perfekte Kurzgeschichte schreiben?

Nein? Warum erwartest du es dann von dir?

Vergleiche dich mit der Person, die du gestern warst, nicht mit jemand anderem heute
- Jordan Peterson

Quelle

Peterson, J. B., Doidge, N., & Van Sciver, E. (2018). 12 rules for life: An antidote to chaos. Allen Lane, an imprint of Penguin Books. S. 85.

3. Denken in Mindestanforderungen

Mein erster PC war eine Blechbüchse. Selbst World of Warcraft lief darauf nicht ruckelfrei. Wollte ich mir damals ein neues Computerspiel kaufen, musste ich mir die Mindestanforderungen auf der Rückseite der Verpackung durchlesen und mit der Hardware meines PCs vergleichen.

Meistens lautete die Antwort meines PCs: „Der Computer sagt Nein.“

Doch das Denken in Mindestanforderungen ist gar nicht so übel. Ich weiß, wir sollen nach den Sternen streben und so. Aber vielleicht ist es an der Zeit, unsere Ziele anders zu denken.

Was, wenn du dir nicht vornimmst, jeden Tag 30 Minuten Joggen zu gehen, sondern einfach bloß raus an die frische Luft? Wenn du dir vornimmst, nicht der nächste Robin Hood zu sein, sondern einfach nur zum Anfängerkurs zu erscheinen und mitzumachen?

Was ist der kleinste Sieg, den du trotzdem noch feiern könntest?