Januar, irgendwann nach 7 Uhr. Draußen ist es noch dunkel. Scheinbar bin ich nicht der einzige, der nicht aufstehen will. Auch die Sonne hat keine Lust auf den Tag.

Ich lieg im Bett und starre an die Decke. Zum dritten Mal erinnert mich der Wecker ans Aufstehen. Zum dritten Mal frage ich mich:

Wofür?

Die Frage brennt in der Dunkelheit auf meiner Netzhaut. Statt einer Antwort hör ich Casper in meinem Kopf.

Heute lass' ich den Job
Gott, ich hasse den Trott
Noch so'n paar Tage mehr
Mann ich schwör', dann platzt mir der Kopf

Meine Freundin tritt ins Schlafzimmer. Jeden Tag hüpft sie wie eine Sprungfeder aus dem Bett. Ich bin Blei.

Showtime“, denke ich, ziehe mein Lächeln an wie ein abgewetztes Kostüm und stehe auf.

Ist Produktivität eine gesellschaftstaugliche Lüge?

Seit meiner Jugend höre ich, ich müsse hart arbeiten, wenn ich es im Leben zu etwas bringen will. Hustle Culture schmeckt am besten zur Muttermilch.

Also plane ich meine Tage im Voraus, codiere meinen Terminkalender in verschiedenen Farben, lege mir To-do-Listen an und besuche Workshops, um meinen Output zu steigern.

Fleißig und produktiv,
ewig lebt der deutsche Traum.

Doch egal, was ich probiere, ich bin Blei und bleibe Blei. Mittlerweile grinse ich vor Telefonaten auf der Arbeit in mich hinein. Das Lächeln soll man ja an der Stimme hören.

Aber wie ein Messer dringt immer wieder dieselbe Frage in meinen Kopf:

Wofür?

Mit 30 bin ich definitiv zu jung für 'ne Midlife-Crisis. Ich muss eine Lösung finden und zwar bald.

Wie die Freizeit zum Grind wird

Während ich mich an diesem Tag durch E-Mails quäle, deren Sinn mir wahrscheinlich nicht einmal die Absender erklären können, schmiede ich nebenbei einen Plan.

Wenn mein Job mich nicht glücklich macht, dann muss meine Freizeit eben härter für mich arbeiten. Also öffne ich eine Excel-Tabelle und sortiere darin meine Hobbys in absteigender Reihenfolge nach ihrem Nutzen:

  1. Schreiben
  2. Trainieren
  3. Lesen
  4. Schlagzeug spielen

Erst, wenn ich diese Prioritäten jeden Tag erledigt habe, darf ich es mir erlauben zu zocken, fern zu gucken oder einfach blöd in meinem Sessel zu hocken.

Meine Hobbys sind die Orangen und ich bin die Presse. Ab heute quetsch ich den süßen Saft aus ihnen raus und zwar jeden Milliliter.

Produktivität ist eine Falle

Unbewusst fall ich in ein altes Muster zurück. Mit Anfang 20 begeisterte mich mein Studium ungefähr wie Pappmaché. Deshalb suchte ich nach Erfüllung in der Musik.

Offiziell studierte ich damals BWL. In Wahrheit spielte ich den ganzen Tag lang E-Bass: Wenn Vorlesungen am Morgen ausfielen, wenn ich eine Freistunde hatte und natürlich am Abend, zur Freude meiner Nachbarn gerne mal bis Mitternacht.

Ich notierte jede Minute, um sicherzustellen, dass ich nicht weniger übte als am Tag zuvor. Alles unter 3 Stunden betrachtete ich als Faulheit. Lernte ich ein Lied nicht schnell genug, schlug ich mir aus Frust blaue Flecken auf den Oberschenkel.

Irgendwann entwickelte ich dann ein Nervenproblem im linken Arm. Der Arzt sagte Überbeanspruchung, ich hielt meinen Körper für einen miesen Verräter. Bald konnte ich nicht mehr schmerzfrei spielen. Mein Bass verstaubt seitdem in der Ecke.

Jahre später schnappt dieselbe Falle erneut zu. Meine Freizeit wird zum Zweitjob.

Dann kommt der April.

Durch Kündigung der Produktivität entkommen

Es ist Sonntag. Meine Freundin und ich laufen durch den Stadtpark. Überall keimt der Frühling. Es sprießen die Krokusse aus dem Boden – glaub ich zumindest.

Krokusse sind die einzigen Blumen, die ich kenne. Alles ist ein verdammter Krokus.

Beim Spazieren verziehe ich ständig meine Mundwinkel. Ein Tick, der sich in den letzten Wochen eingeschlichen hat. Vielleicht versteht mein Körper an diesem Frühlingstag bereits, was mein Kopf noch nicht akzeptieren will.

Ich hoffe, dass meine Freundin nichts bemerkt, doch sehe ihren suchenden Blick. Dann platzt es zum ersten Mal aus mir heraus:

Diesen April werde ich kündigen.

Der Rest fällt wie Dominosteine.

Arbeitslosigkeit: Wer sind wir ohne Job?

In der Woche darauf suche ich das Gespräch mit meiner Chefin. Ich unterschreibe einen Aufhebungsvertrag. Meine Ticks verschwinden wie von Zauberhand.

Die restlichen Monate fühlen sich an wie ein Fiebertraum. Zuerst die Aufbruchstimmung, dann immer wieder Zweifel:

Warum kündige ich eigentlich? Ich muss doch nur noch 40 Jahre durchhalten.

Aber mein Entschluss steht und obwohl der Winter so zäh wie Baumharz war, verfliegen die Wochen, je näher mein letzter Arbeitstag rückt.

Dann bin ich plötzlich arbeitslos.

Es ist ein seltsames Gefühl. Ich rieche die Freiheit, aber irre umher wie bei einer Wanderung ohne Landkarte. Eine direkte Anschlussbeschäftigung such ich mir nicht. Ich brauch Zeit zur Orientierung, doch fühle mich orientierungslos wie nie zuvor:

Wer bin ich ohne Job? Welchen Wert besitz ich, wenn ich nicht arbeite?

Im ersten Monat meiner Arbeitslosigkeit will ich die Zeit genießen, doch ich steh noch völlig unter Strom. Jeden Morgen setz ich mich in alter Gewohnheit an den Laptop, damit ich meiner Freundin irgendetwas erzählen kann, wenn sie mich nach Feierabend fragt, was ich tagsüber getrieben hab.

Nur schleichend sinkt der Druck in meinem Kessel und der Zwang, jede Minute aus meinem Tag zu pressen, weicht der Frage, was ich mit all diesen Stunden anfange.

Und plötzlich lieg ich wieder dort, wo alles angefangen hat.

Wie ich wieder Kraft fand

Diesmal ist es November und die Welt ist genauso dunkel wie im Januar. Einen Monat nach meiner Kündigung verkriech ich mich wieder in mein Bett. Ich lese Dune – Der Wüstenplanet. Was man an einem verregneten Dienstag Vormittag halt so macht.

In Dune schreibt Frank Herbert, dass das Leben kein Problem ist, das wir lösen müssen, sondern eine Wirklichkeit, die wir erfahren.

Ich leg das Buch zur Seite und starre an die Decke – immer wieder diese Decke. Doch diesmal lass ich mir Zeit dabei.

Die Hummeln in meinem Hintern spür ich zwar immer noch, aber sie lassen mich lang genug in Ruhe, um festzustellen, dass mich die Decke nie erdrückt hat.

Ich hab mich selbst erdrückt.

Und während ich weiter an die Decke starre, seh ich plötzlich die Antwort auf meine Frage:

Wofür?

Einfach dafür.

Und da höre ich ihn wieder, diesen Casper. Doch diesmal singt er 'ne andere Strophe:

Und heute bin ich aufgewacht
Augen aufgemacht
Sonnenstrahlen im Gesicht, halte die Welt an
Und bin auf und davon

Falls du Ehrlichkeit schätzt, wird dir mein Blog gefallen. Hier teile ich offen, was ich denke, tu, dabei falsch mache und was ich daraus lerne.
Für ein selbstbestimmtes Leben nach unseren Regeln.

Mit meinem Newsletter verpasst du keinen Impuls mehr.

Anmelden

PS: Falls du dir manchmal zu viel Druck machst, gefällt dir vielleicht ein weiterer Artikel von mir. Ausgerechnet während meiner Arbeitslosigkeit half mir ein Videospiel, Clair Obscur, von meinem Leistungsdruck etwas loszulassen.

Quellen

Herbert, F. (2016). Dune—Der Wüstenplanet (J. Schmidt, Übers.; 14. Aufl.). Penguin Random House. S. 57.