Adam und Eva gingen in den Wald, da war es finster und auch so–

Moment, da passt was nicht.

Adam, Eva und der liebe Gott

Adam und Eva lebten im Garten Eden. Zumindest bis sie die Frucht vom Baum der Erkenntnis naschten und damit die erste Todsünde begingen.

In der Folge verbannte Gott die beiden aus dem Garten, verfluchte die Erde unter ihnen und verdammte Adam und Eva zu lebenslanger Arbeit im „Schweiße ihres Angesichts“.

Ach ja, und all ihre Kinder und Kindeskinder und damit auch dich und mich, denn laut der Bibel stammen wir alle von ihnen ab.

Who’s your daddy?

Adam.

Für deine 40-Stunden-Woche kannst du dich also bei seinem Schleckermaul bedanken.

Die Geschichte des Sündenfalls wird dich nicht mehr beeindrucken. Du hast sie schon hundertfach gehört:

  • in der Kirche (falls du dich dort noch blicken lässt)
  • im Religionsunterricht (falls du dort nicht eingeschlafen bist)
  • oder von Manfred in der Fußgängerzone

Du weißt schon, der Kerl mit der lauten Stimme, der immer vom Erlöser spricht, und der das Wort „Schamgefühl“ nicht zu kennen scheint, während er dir mehrsprachige Flyer in die Hand presst.

Keine Sorge, ich bin nicht Manfred. Trotzdem glaube ich, dass du mir zuhören solltest (also bin ich doch ein bisschen Manfred).

Denn dieser Artikel erzählt dir nicht nur vom Sündenfall, sondern von einer Erkenntnis, die sich darin versteckt.

Eine Erkenntnis über nichts weniger als eine der einschneidendsten Entwicklungen des modernen Menschen.

Aber um das zu verstehen, müssen wir zuerst die Ju/’Hoansi kennenlernen.

Ich schreibe gegen den Autopiloten im Leben.
Jede Woche ein Text, um Muster zu brechen.

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Die brutale Vergangenheit der Ju/’Hoansi

Die Ju/’Hoansi sind ein indigenes Volk, das im Kalahari-Becken lebt. Stell dir das Kalahari-Becken wie einen unförmigen Teller vor. Die trockene Wüste liegt im Inneren. 

Geografische Lage der Kalahari-Wüste in Afrika
Das Kalahari-Becken. Quelle.

Die Ju/’Hoansi leben bis heute am nördlichen Tellerrand des Beckens an der Grenze von Namibia und Botswana.

Doch ihre Heimat hat sich verändert.

Bis ins 20. Jahrhundert waren die Ju/’Hoansi eines der letzten Jäger-Sammler-Völker der Welt. Sie lebten vom Land, jagten Tiere und sammelten Früchte, Gemüse und Wurzeln.

Da die Ju/’Hoansi ursprünglich in kleinen Gruppen von nicht mehr als 25 Personen lebten, bot das Kalahari-Becken stets genug Essen, um davon leben zu können. Es war ihr eigener, wenn auch sehr heißer Garten Eden.

Das änderte sich in den 1920er Jahren.

Der Sündenfall der Ju/’Hoansi

Weiße Siedler bevölkerten das Land. Sie kamen mit Schusswaffen und Stacheldraht. Sie teilten den Boden untereinander auf und vertrieben die Ju/’Hoansi aus ihrer Heimat. Das bevorzugte Werkzeug der Siedler war dabei nicht das Wort, sondern die Peitsche.

Doch Viehzucht und Ackerbau in der Kalahari erforderten viele helfende Hände – und die besorgte sich der weiße Mann, indem er die »wilden Buschmänner« jagte, versklavte und erpresste, indem er ihre Kinder zur Geisel nahm.

Wie muss sich das für die Ju/’Hoansi angefühlt haben?

Ein einst freies Volk muss sich plötzlich nach der Peitsche fremder Menschen richten und bleibt bis heute abhängig von Regierungshilfen, weil man ihre Jagd per Gesetz einschränkt und ihr Land in gewinngetriebene Farmen verwandelt hat.

Was hatten die Ju/’Hoansi verbrochen, um dieses Leid zu erfahren? Wie erklärten sie sich ihr Schicksal?

Vielleicht so.

Die Bekehrung der „Wilden“

3 Mitglieder eines indigenen Volkes
Die Ju/'Hoansi.

Als die Siedler kamen, folgten auch die ersten Missionare. Sie wollten die »Wilden« zivilisieren, belehren und bekehren.

Sie erzählten ihnen vom Christentum, von Gott und auch von Adam und Eva. Und vielleicht erschien den Ju/’Hoansi die Erzählung vom Sündenfall wie eine Erklärung für ihr Leid.

Hatten sie selbst eine Todsünde begangen, für die irgendeine höhere Gewalt sie aus ihrem Garten Eden verbannte?

Waren die Ju/’Hoansi fortan dazu verdammt, im Schweiße ihres Angesichts die verfluchte Erde des weißen Mannes zu beackern?

Es heißt, Geschichte wiederholt sich. Was den Ju/’Hoansi durch Siedler und Kolonialisten widerfahren ist, erlebten auch andere Völker – nicht durch dieselben, aber durch die gleichen Menschen.

Es heißt auch, Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich. Was wäre also, wenn in der Entwicklung der Ju/’Hoansi ein brutaler, von außen erzwungener Reim auf die Geschichte der gesamten Menschheit steckt?

Gib diesmal nicht mir, sondern den Ju/'Hoansi einen Kaffee aus:
Die Living Culture Foundation hilft im Kampf gegen Armut und beim Erhalt traditioneller Kulturen in Namibia.

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Der Sündenfall und die Geschichte der Menschheit

Vor rund 12.000 Jahren waren wir alle Jäger und Sammler wie die Ju/’Hoansi.

„Zweieinhalb Millionen Jahre lang ernährten sich die Menschen von Pflanzen und Tieren, die ohne menschliche Eingriffe lebten und sich vermehrten.“ - Yuval Noah Harari (2015, S. 101)

Sesshaft wurden wir erst vor rund 10.000 Jahren, als wir begannen, uns auf die Zucht weniger Tier- und Pflanzenarten wie z.B. Schafe und Weizen zu konzentrieren. Das bezeichnet Yuval Noah Harari als erste landwirtschaftliche Revolution.

Diese neue Form von Arbeit produzierte mehr Nahrung und ermöglichte ein bis dahin einzigartiges Bevölkerungswachstum. Das war auch bitter nötig, denn Ackerbau und Viehzucht verlangten – wie die Ju/’Hoansi 10.000 Jahre später erfahren mussten – vor allem Arbeitskraft.

So entstand eine Abhängigkeit. Je mehr Weizen es gab, desto mehr Arbeitskräfte waren nötig. Doch je mehr Menschen zur Welt kamen, desto mehr Weizen brauchten sie.

Eine Affenart, die lange Zeit ein angenehmes Leben als Jäger und Sammler führte, war innerhalb weniger Generationen an Feldarbeit und Tierzucht gebunden.

Und wie Yuval Noah Harari treffend schlussfolgert, domestizierten wir den Weizen nie. Das Wort „domestizieren“stammt vom lateinischen „domus“ und bedeutet „Haus“.

„Wer lebt eingesperrt in Häusern? Der Mensch, nicht der Weizen.”

Wir domestizierten uns selbst.

Der Mensch als Sklave seines Lebensstils?

Heute ersetzen Maschinen die helfenden Hände in der Landwirtschaft, doch abhängig von Massenproduktion bleiben wir trotzdem, denn eine Rückkehr zum Jäger-Sammler-Dasein würde den Hungertod von Milliarden Menschen weltweit bedeuten.

Wir können nicht zurück.

Modern, aber monoton?

Dieser Artikel wünscht sich auch keine Rückkehr zur „guten alten Zeit“. Nein, der Verfasser dieses Artikels mag fließend warmes Wasser ganz gerne.

Trotzdem glaube ich, dass die Arbeit auf den Feldern „im Schweiße unseres Angesichts“ deutlich monotoner und zeitraubender war als das Leben der Ju/’Hoansi bis ins 20. Jahrhundert.

Um das zu verstehen, schau dir bitte unbedingt dieses Video an:

Im Video siehst du einen San, eine Sammelbezeichnung für verschiedene indigene Völker. Die Ju/’Hoansi sind die größte Untergruppe der San.

Der San im Video versetzt sich bei der Jagd in die Gedankenwelt eines Kudus, um seine Fährte wieder aufzunehmen.

Ich kann mir diesen Stilbruch nicht verkneifen:

WIE ABGEFAHREN IST DAS DENN?!

Wann hat sich Manfred bitte das letzte Mal in die Gedankenwelt eines Hundes versetzt, um zu verstehen, warum ihm der Köter neben seinen Stand gekackt hat?

Auch die Art und Weise, wie der San das tote Tier behandelt, spricht Bände über die Verbundenheit zu seiner Umwelt, die ich bei Hähnchenbrust aus Plastikverpackungen noch nie erlebt habe.

Das Verständnis für Natur und Umgebung der indigenen Völker ist uns seit Beginn des Ackerbaus, spätestens mit dem Umzug in Städte und Büros verloren gegangen.

Vielleicht schlummert es auch nur. Doch so, wie wir die Natur behandeln, fehlt uns seine Abwesenheit.

Auch in meinem letzten Job hab ich diese Form von Verbundenheit mit dem, was ich tue, selten gespürt und ich weiß, dass es vielen Menschen ähnlich geht. Wir leben entkoppelt. Emotional distanziert zu dem, was wir tun.

Weniger ist mehr?

Zudem wissen wir heute, dass frühere Jäger-Sammler-Kulturen nicht täglich gegen den Hungertod kämpften. Auch die Ju/’Hoansi waren Zeit ihres Lebens wohlgenährt und dafür mussten sie, anders als wir, nur 15-20 Stunden „arbeiten“.

Die Mangelernährung der Ju/’Hoansi begann ironischerweise erst, als die Siedler ihnen das Land streitig machten und versuchten, sie zu zivilisieren.

Zwar kennt die Kalahari-Wüste nicht das Übermaß, das wir Deutschen in Rewe und Aldi vorfinden. Doch unser Luxus bindet auch.

Wir arbeiten heute vor allem, um unseren Lebensstandard zu steigern. Um uns zu leisten, was wir haben wollen. Oder besser gesagt:

Um uns zu leisten, was wir zu wollen gelernt haben.

„Menschen […] sind von der Werbung wohlerzogene Konsumenten“ – Richard David Precht (2022, S. 189)

Deshalb erkenne ich in den Ju/’Hoansi keine Primitivlinge. Sie verstehen mehr über die Welt als ich, denn bis vor 100 Jahren hing ihr Überleben von einer genauen Kenntnis ihrer Umgebung ab.

Ich vermute sogar, dass ich von einem vermeintlich „Wilden“ mehr lernen könnte als von jedem Finanzbroker dieser Welt. Vor allem eine Lektion sticht aus ihrem Leben heraus:

Verzicht ist Freiheit.

Wirkliche Menschen

Der Verzicht der Ju/’Hoansi auf Rewe und Aldi ist zwar kein „freiwilliger“, sie kennen es einfach nicht anders, doch trotzdem bedeutet ihr Verzicht Freiheit.

Ungebundenheit. Niemand von ihnen ist das Eigentum seines Eigentums.

Der Name „Ju/’Hoansi“ trifft in diesem Kontext ins Mark, denn er bedeutet „die wirklichen Menschen“.

Wie verrückt ihnen unser Lebensstil vorkommt, zeigt die Dokumentation „Ghostlands“ (gibt es leider nur als DVD zu kaufen). Im Trailer dazu sagt einer der Ju/’Hoansi:

„Die Menschen in [der westlichen Welt] schlafen nicht. Sie sind wie Verrückte. Sie arbeiten den ganzen Tag!”

Dabei unterscheiden wir uns nicht von diesen vermeintlich „Wilden“.

Der Mensch läuft noch auf Windows 98

Durch Sesshaftigkeit, Ackerbau und technologischen Fortschritt erreichten große Teile der Menschheit Wohlstand und immer mehr folgen. Das Leben der Ju/’Hoansi zeigt allerdings auch, was wir dadurch verlieren.

Wir verdrängen heute gerne, dass der moderne Mensch immer noch mit einem alten Betriebssystem durch die Welt läuft.

Nicht iOS, mehr Windows ’98.

10.000 Jahre sind aus Sicht der Evolution ein Katzensprung. Die Jäger-Sammler stecken uns noch immer in den Genen.

Die Jäger-Sammler sind wir und wir sind sie.

Nur weil wir unser Leben in den Städten und Büros heute als normal bezeichnen, ist es noch lange nicht natürlich. Doch bis heute verbringen wir mehr als doppelt so viel Zeit auf unseren Ärschen in Büros wie die Ju/’Hoansi auf der Pirsch.

Ist es deshalb so abwegig, dass die Menschen sich durch den Sündenfall ihre Existenz auf den Feldern und Äckern erklärten? Und welche Bedeutung besitzt der Sündenfall heute noch?

Fühlen sich monotone Jobs, von denen es auch im 21. Jahrhundert noch genug gibt, wie eine Strafe an, weil sie nicht unserer Natur entsprechen?

Erkennen wir in den Büros dieser Welt immer noch den Schatten Gottes, unseren persönlichen Sündenfall?

Dein Job, der Sündenfall und du

Ich erzähle dir die Geschichte der Ju/’Hoansi und des Sündenfalls nicht, damit wir wieder in die Savanne ziehen, sondern damit du und ich zwei Dinge tun:

1. Hinterfragen, was wir brauchen.

In meinem Artikel „Ankunftsfehler sagt nein“ schreibe ich darüber, wie schnell wir uns an Erreichtes gewöhnen. „Immer mehr“ stellt uns nicht zufrieden.

Bevor wir also immer wieder unser Glück in neuen Autos suchen, lass uns an die Ju/’Hoansi denken:

Verzicht ist Freiheit.

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Nie wieder NPC.

2. Hinterfragen, was wir von Arbeit erwarten.

Nietzsche sagte sinngemäß: Gott ist tot, doch wir werden noch lange mit seinem Schatten kämpfen.

Auszug aus Friedrich Nietzsches „Die Fröhliche Wissenschaft“
Ausschnitt aus „Die Fröhliche Wissenschaft“

Behält er Recht (und das tut er erschreckend häufig) und Gott ist wirklich tot, dann ist es vielleicht auch an der Zeit, uns vom Sündenfall zu lösen.

Deshalb frage ich dich:

Fühlt sich das, was du täglich tust, natürlich für dich an? Passt es zu deiner Persönlichkeit?

Bietet dir dein Job Abwechslung, Sinn, vielleicht sogar ein Ventil für die Kreativität, die immer noch in dir schlummert (auch wenn du dafür keine Kudus mehr brauchst).

Fühlst du dich wie ein Ju/’Hoansi, ein wirklicher Mensch?

Oder…

Steckst du noch immer fest in deinem eigenen, persönlichen Sündenfall?

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Quellen:

  • Harari, Y. N. (2015). Sapiens: A brief history of humankind (J. Purcell & H. Watzman, Übers.). Vintage Books.
  • Precht, R. D. (2022). Freiheit für alle: Das Ende der Arbeit wie wir sie kannten (Originalausgabe, 1. Auflage). Goldmann.