Was du in deinen 20ern verbockst, badest du in deinen 30ern wieder aus. Warum ich das weiß? Ich bin 32 und räume immer noch hinter mir auf.

Meine 20er habe ich wie ein NPC gelebt – der non player character, der einem fremden Skript folgt und keine eigenen Entscheidungen trifft. 

Ich war kein Spieler, sondern der Spielball. Und das sind 3 Momente, in denen ich das hätte bemerken können.

In meinem Newsletter geht es um Arbeit, berufliche Neuorientierung und die Frage, wie wir unser Leben selbst gestalten.

Eine Publikation, ein Ziel: Nie wieder NPC.

Da hab ich Bock drauf

Fehler Nummer 1: Triff wichtige Entscheidungen nicht aus Bequemlichkeit

Ich erinnere mich an den Tag, als mir meine Klassenleiterin in der Neunten mein Zeugnis in die Hand drückt:

5 in Altgriechisch, 5 in Physik, 6 in Latein.

Sitzengeblieben.

Weder meine Mutter noch ich können uns vorstellen, wie sich meine Noten durch das Wiederholen eines Schuljahres verbessern sollten.

Wir entscheiden uns für einen Schulwechsel.

Der Neuanfang und seine Folgen

Auf der Wirtschaftsschule verbessern sich meine Noten. Plötzlich denke ich sogar über ein Fachabitur nach.

Genau hier treffe ich die erste Fehlentscheidung.

Schon an der Wirtschaftsschule begeistern mich BWL und Rechnungswesen genauso wenig wie Lateinvokabeln. Doch an der FOS wähle ich den Wirtschaftszweig. Warum?

Es ist der Weg des geringsten Widerstands.

Während manche meiner Mitschüler über Soll an Haben stolpern, kenne ich die Grundlagen bereits.

Doch diese Entscheidung hat Folgen.

Den falschen Weg zu Ende gehen

Zwei Jahre später fällt mein Fachabitur besser aus als die mittlere Reife. Ein Studium ist greifbar. Doch die Wahl eines Studienganges überwältigt mich.

Tausende Schlüssel öffnen mir die Tür in die Zukunft, doch welcher ist der richtige?

Ich entscheide mich für BWL und während meine Kommilitonen das Buchen lernen, verbringe ich meine Freizeit mit Hobbys, die mich wirklich begeistern.

Erneut entscheide ich mich für den Weg des geringsten Widerstands.

Der NPC-Moment, der dich später verfolgen wird

Mein Lebenslauf nach dem Abgang vom Gymnasium ist der konsequente Traum eines Recruiters: Wirtschaftsschule, Wirtschaftszweig, BWL Bachelor, BWL Master – dieser Mann liebt Wirtschaft!

Heute sehe ich: BWL war das falsche Studium.

Denn der Auslöser, dass ich überhaupt im Wirtschaftszweig gelandet bin, waren nicht mein jugendliches Interesse an Wirtschaft, sondern meine Vorliebe für World of Warcraft und meine Abneigung gegenüber Lateinvokabeln.

Meine Studienfrage hat sich mit dem Abgang vom Gymnasium in eine Frage der Bequemlichkeit verwandelt.

Das ist der NPC. Er lässt sich von den Umständen treiben, statt sein Leben aktiv zu gestalten.

Und das, mein lieber Leser, bringt mich zu Fehler #2.

Fehler Nummer 2: Überlass dein Leben nicht der Angst

An einem heißen Sommertag stehe ich in meinem Kinderzimmer. Ich bin damals 15 Jahre alt, halte das Telefon in meiner Hand und spreche mit meinem Vater, während ich aus dem Fenster zu dem kleinen Bach blicke, der sich durch das gelb verfärbte Feld schlängelt.

Wir werden so früh darauf getrimmt, anderen zu entsprechen

Es ist eines dieser Gespräche, bei denen mir mein Vater ins Gewissen redet. Er will mich zu einem Praktikum in den Sommerferien motivieren und sagt, dass ich möglichst früh Arbeitserfahrung sammeln müsse, weil sich das gut im Lebenslauf mache.

Er will damals zwei Dinge von mir: 

  1. Dass ich Polizist werde.
  2. Dass ich Praktika absolviere.

Also bewerbe ich mich mit 15 für mein erstes Praktikum. Wo? 

You guessed it.

Bei der Polizei.

Doch der Schuss geht nach hinten los – zumindest für meinen Vater.

Bei der Polizei lesen wir am Morgen Zeitung und sitzen den Rest des Tages am Straßenrand zur Verkehrskontrolle. Nach der Mittagspause knackt mein Betreuer im Fahrersitz neben mir weg.

So habe ich mir Polizeiarbeit nicht vorgestellt! Wo bleiben die Verfolgungsjagden aus Alarm für Cobra 11?!

Zur allgemeinen Verstimmung meines Vaters lerne ich bei der Polizei lediglich, dass ich nicht Polizist werden will. Und obwohl ihn das ärgert, war das die beste Lektion.

Denn werde ich selbst mal Vater, dann werde ich meinen Kindern das Gleiche raten wie mein Papa:

Macht Praktika. Sammelt Erfahrung.

Aber ich werde ihnen das aus einem anderen Grund ans Herz legen.

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Der Zweck eines Praktikums ist nicht der Lebenslauf

Viele junge Menschen, die sich nach ihrem Studium auf einen Job bewerben, stellen fest, dass sich Unternehmen für ihre vielen Praktika kaum interessieren. Deshalb sage ich:

Scheiß auf deinen Lebenslauf.

Denn der eigentliche Wert eines Praktikums ist nicht, wie es sich im Lebenslauf macht, sondern was es dir über dich verrät. Zu meinen Kindern werde ich deshalb sagen:

„Probiert euch aus, damit ihr später zumindest wisst, was ihr auf gar keinen Fall tun wollt.“

Denn was dir überhaupt nicht gefällt, das spürst du sofort. Und um das herauszufinden, eignen sich deine 20er.

Dann bist du alt genug, um einen Praktikums- oder Arbeitsvertrag zu unterschreiben, ohne dass dir jemand dazwischenredet. Du kannst dein eigenes Geld verdienen.

Gleichzeitig bist du jung genug, um etwas zu riskieren. Nur die wenigsten Recruiter stören sich daran, wenn du in deinen 20ern ein Gap Year machst.

Genau das habe ich in meinen 20ern nie getan. Zwar hatte ich immer irgendeinen Nebenjob, doch nie, um mich auszuprobieren, sondern nur um Geld zu verdienen.

Probier dich aus, solange du kannst

Der Korridor fürs Ausprobieren verengt sich später. Das ist zumindest meine Erfahrung. Erzähle ich heute von meinem Sabbatical in Vorstellungsgesprächen, sehe ich verdutzte Blicke und erhobene Augenbrauen.

32 Jahre alt und schon ein Sabbatical? Fauler Sack!

Dabei hat mich diese Erfahrung mehr geformt als es ein weiteres Jahr in meinem letzten Job je hätte tun können.

Also probier dich aus, solange du kannst. Finde zumindest heraus, wo du auf gar keinen Fall enden willst.

Sich auszuprobieren ist kein Mittel, um den Lebenslauf aufzuhübschen. Es ist auch keine Einladung, Drogen zu nehmen, Kinder!

Doch es ist ein Mittel, um zu sich selbst zu finden.

Der NPC funktioniert, weil es andere von ihm erwarten. Der Spieler sammelt Erfahrung, damit er später weiß, welche Klasse zu ihm passt.

Mein Vater war ein kluger Mann und ich wünsch mir oft, er wäre noch hier. Aber ich glaube auch, dass in seinem Rat, meinen Lebenslauf aufzuwerten, etwas mitschwingt, wovon er sich ein Leben lang nicht trennen konnte:

Er hat sich oft gefragt: „Was sollen denn die anderen denken?“

Und das bringt mich zu Fehler #3.

Fehler Nummer 3: Frag dich nicht nur, was andere von dir erwarten

Vor ungefähr einem Jahr sitze ich am Schreibtisch im Büro. Die kargen Wände zeigen, dass das Büro der Arbeit gehört, nicht dem Leben.

Nervös warte ich auf das Meeting mit meiner Chefin. Sie weiß noch nicht, dass ich mich entschieden habe zu kündigen.

Die Angst vor den Erwartungen anderer

In den wenigen Minuten, in denen ich ein letztes Mal überlege, wie ich mich meiner Chefin erklären will, denke ich an all die anderen Menschen in meinem Leben.

Was sagt mein Vater, dem ein sicherer Job immer wichtig war? Meine Mutter, die selbst schon einmal arbeitslos war und hofft, dass ihr Sohn es besser erwischt? Mein Schwiegervater, dessen Tochter plötzlich jemanden heiraten könnte, der mit Anfang 30 immer noch nicht weiß, wo er hingehört?

Die Microsoft Teams Benachrichtigung reißt mich aus meinen Gedanken. Meine Chefin wartet. Ich logge mich in das Meeting ein.

In den nächsten 30 Minuten erkläre ich ihr, wie ich mich schon seit Monaten fühle. Warum ich den Austritt aus dem Konzern als meine einzige Option betrachte.

Sie bedauert, dass ich gehen will, doch versteht mich. Ein paar Tage später verstehen mich auch meine Arbeitskollegen. Mein Schwiegervater versteht mich.

Ob mich meine Eltern verstehen, weiß ich bis heute nicht, aber sie sagen zumindest nichts. Vielleicht vertrauen sie mir sogar.

Und dabei bemerke ich, dass ich schon in meinen 20ern gewusst habe, dass dieser Job langfristig nicht zu mir passt. Doch aus Angst vor den Erwartungen anderer habe ich mir ein Gefängnis gebaut, das mich länger an ihn gefesselt hat, als es mir guttat.

Nicht jeder denkt so. Später treffe ich auf einige Menschen, die mit dem Kopf schütteln. Doch dabei bemerke ich eine Veränderung an mir, die ich erst heute benennen kann.

Triff Entscheidungen nicht aus Angst vor anderen

Im Kino um die Ecke zeigen sie einmal im Monat einen Filmklassiker – „Best of Cinema“ – und vor ein paar Wochen sehe ich dort einen meiner Lieblingsfilme zum ersten Mal auf der großen Leinwand:

Into The Wild

Darin sagt der Hauptcharakter, Christopher McCandless, es gehe nicht immer darum, stark zu sein, sondern sich manchmal lediglich stark zu fühlen.

Und wenn ich über dieses Zitat heute nachdenke, dann verstehe ich, warum ich die Entscheidung zur Kündigung noch immer für richtig halte.

Denn ich entschied mich für die Kündigung, weil ich sie von mir selbst erwartet hab.

Der NPC wird fremdgesteuert. Doch für das Sabbatical entschied ich mich weder aus Bequemlichkeit wie bei meinem Studium, noch weil es andere von mir erwarten.

Nein, ich traf die Entscheidung sogar trotz meiner Angst vor fremden Erwartungen.

Ich kündigte, weil ich es für richtig hielt – unabhängig davon, ob es richtig war.

Hat mich diese Entscheidung stärker gemacht? Das weiß ich nicht.

Doch es fühlt sich so an.

Wer du warst, definiert nicht, wer du wirst

Das waren die 3 NPC-Momente aus meinen 20ern. Der NPC:

  1. entscheidet sich für Bequemlichkeit.
  2. gestaltet sein Leben nach fremden Erwartungen.
  3. handelt aus Angst.

Angst und Bequemlichkeit sind die Hände des Puppenspielers, die den NPC steuern. Diese Kräfte sehen wir nicht, aber wir lassen uns täglich von ihnen lenken.

Der Spieler hingegen versteht seine 20er, wie Dan Koe sagt, als Tutorial und findet zu der Klasse, dem Spielstil und der Rolle, in der er glänzt.

20-30 Years Old Is The Tutorial Phase, Don't F*ck It Up
avoid 3 things, do 3 things, you may get mad

Vielleicht werde ich mit 40 einen Artikel schreiben, in dem ich erzähle, welche Dummheiten ich in meinen 30ern begangen habe.

Werde ich darin diesen Artikel erwähnen?

Keine Ahnung.

Doch eine Sache weiß ich:

Mit ungefähr 13 Jahren stürzte ich mich zum ersten Mal mit einem Skateboard von einer Halfpipe.

In der Woche darauf ging ich mit einem geschwollenen Knie und Schürfwunden an den Armen zur Schule.

Doch verdammt noch mal war ich stolz darauf, diese Geschichte meinen Freunden zu erzählen. Noch stolzer war ich, als sie sagten:

„Das hätte ich mich nicht getraut.”

Jeder Mensch braucht eine Heldengeschichte. Zumindest eine kleine.

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3 Empfehlungen zum Abschluss

Du willst kein NPC im Leben sein? Dann findest du hier 3 Empfehlungen, die dir dabei helfen.

1. The Pathless Path – Paul Millerd

Wie funktioniert berufliche Neuorientierung ohne Plan? Paul Millerd schreibt in „The Pathless Path“, wie wir unseren eigenen Trampelpfad im Leben finden, selbst wenn Unsicherheit und Zweifel uns auf jedem Schritt begleiten.

Ich empfehle dir das Buch, sofern du dir überlegst, dich beruflich zu verändern. Du findest Paul Millerd auch auf Substack.

2. The Subtle Art of Not Giving a Fuck – Mark Manson

Das Buch half mir bereits in meinen 20ern, langsam die Augen zu öffnen. Anders als der Titel vermuten lässt, sollst du nicht auf alles scheißen, sondern auf das scheißen, was du nicht kontrollieren kannst.

Als Vorgeschmack findest du hier eine Zusammenfassung vom Autor höchstpersönlich:

3. Meine Texte und mein Youtube-Kanal

Unterschiedliche Medien, dasselbe Ziel: Nie wieder NPC im eigenen Leben.

Da ich gerade selbst einen ähnlichen Weg wie Paul Millerd gehe, greife ich in meinen Texten immer wieder die Themen Arbeit, berufliche Neuorientierung und Sinn auf.

Du kannst dich beruflich verändern. Du willst nur nicht.
Alfred Adler und warum 'Kann-nicht' meistens in der 'Will-nicht'-Straße lebt

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Ein letztes Wort, dann ist Schluss

Ich hoffe, dass dir dieser Artikel dabei hilft, deine 20er nicht wie ein NPC zu verbringen. Schreib mir gerne, welchen Fehler du von dir selbst kennst und – das interessiert mich noch viel mehr – wie du dich da rausziehst.

Ich liebe ’ne gute Heldengeschichte.

Falls du keinen öffentlichen Kommentar hinterlassen willst oder Hilfe brauchst, erreichst du mich ganz unverbindlich hier per Mail.

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