Die größte Hürde, die du vor deiner Kündigung überwinden musst, bist du selbst – und so fühlt sich das an.
Stein im Schuh: Das erste Zeichen, dass dich dein Job aufreibt
In vielen Menschen reift der Entschluss zur Kündigung langsam. In der Podcast-Episode „This Is What a Male Identity Crisis Sounds Like“ beschreibt der Ex-Black Rock Angestellte Khe Hy seinen Weg zur Kündigung:
„Es war keine plötzliche Erkenntnis. Es fühlte sich ein bisschen an wie ein Stein im Schuh. Du läufst, aber irgendetwas stimmt nicht. Es fühlt sich unangenehm an.“ (Minute 08:16)
In meinem letzten Job spüre ich dasselbe. Irgendetwas stimmt hier nicht. Seit Wochen arbeitete ich emotional völlig distanziert von meinem Job, nur konnte ich das Gefühl damals noch nicht benennen.
Doch es drückte – genug, um mich daran zu stören.
Das ist der Stein im Schuh. Er ist oft das erste Anzeichen, dass etwas in deinem Job schief läuft oder deine momentane Stelle einfach nicht (mehr) zu dir passt.
Eine Kündigung beginnt oft mit einem inneren Störgefühl, das du ignorierst, weil der Job auf dem Papier gut genug klingt, um mit dem unangenehmen Drücken im Schuh weiterzulaufen.
Das Gefährliche an diesem Stein ist also nicht, dass er weh tut, sondern dass er noch nicht weh genug tut, um stehen zu bleiben und den Schmerz anzuerkennen.
Das letzte Aufbäumen: Der Kampf gegen die innere Kündigung
Einige Zeit später erkenne ich, dass ich nicht nur einen Stein, sondern eine ganze Kiesbank im Schuh spazieren trage. Als würde ich barfuß über Schotter laufen.
Obwohl ich immer deutlicher sehe, dass ich mich beruflich verändern will, traue ich mich nicht. Im Gegenteil: Ich fange an zu klammern (dahinter steckt die Schmerzformel).
Warum erfülle ich nicht einfach meine Pflicht? Warum kann ich nicht wie jeder andere Mensch zur Arbeit fahren, bis ich 70 bin? Warum kann ich nicht so oder so sein, Hauptsache anders?
Der toxische Vorgesetzte, den du gerne im Chefsessel vermutest, nistet manchmal unbemerkt in deinem Kopf.
Ich wehre mich gegen die Veränderung und versuche, meinem Job neues Leben einzuhauchen. Verpflichtete mich zu neuen Projekten. Startete meine eigenen. Fülle meinen Tag mit To-dos, um zu betäuben, was ich nicht spüren will.
Nichts hilft.
Diese verzweifelten Versuche, Gefallen an einem Job zu finden, obwohl du innerlich längst gekündigt hast, bezeichne ich als „letztes Aufbäumen“.
Warum du dich gegen Veränderung wehrst
Das Gehirn mag Veränderung nicht, denn sie erfordert Anpassung. Es bevorzugt Stabilität, die Sicherheit durch Vorhersehbarkeit garantiert.
Also wehrst du dich. Du kratzt, strampelst und schreist. Du redest dir ein, dass alles nicht so schlimm ist:
Sei doch nicht so verdammt undankbar für das, was du hast! Anderen Menschen geht es viel schlechter. Du musst doch nur noch 40 Jahre durchhalten.
Das ist der letzte verzweifelte Versuch deines Gehirns, die Kündigung zu vermeiden. Es will dich vor unvorhersehbarem Chaos schützen.
Doch mittlerweile verstehe ich:
Hinter dem letzten Aufbäumen steckt kein Neuanfang, sondern die immer gleiche Misere.
Angst: Die Unsicherheit über die eigene Zukunft.
Die größte Hürde für Veränderung bist letztlich du selbst – oder sagen wir die Angst, die damit verbunden ist.
Seit deiner Geburt folgst du einem Weg, für den zumindest eine grobe Anleitung existiert: Kindergarten, Schule, Ausbildung oder Studium, dein erster Job. Paul Millerd nennt das den „Default Path“.
Viele bereits etablierte Jobs liefern dir außerdem eine klare Stellenbeschreibung. In größeren Unternehmen existieren sogar akribisch notierte Prozesse, manchmal sogar Kataloge, an die du dich halten musst.
So verinnerlichst du, dass du auf äußere Strukturen (wie Stellen- und Prozessbeschreibungen) angewiesen bist, um überhaupt handlungsfähig zu sein.
Doch sobald du deine gewohnte Umgebung verlässt, hört das Skript des Standardpfades auf zu funktionieren. Kein klarer nächster Schritt, kein definierter Weg ans Ziel.
Du tappst im Dunkeln.
Unsicherheit ist ein realer Schmerz
Ich werde dieses Gefühl nicht schönreden. Unsicherheit verfolgt mich seit dem Tag, an dem ich die Unterschrift unter meinen Aufhebungsvertrag setzte.
Seitdem oszilliere ich ständig zwischen „Ich pack das“- und „Was tu ich hier eigentlich“, als wäre ich ein Atom, das sich nicht auf einen Aggregatzustand festlegen kann.
Diese Unsicherheit ist kein Phantomschmerz. Gehirnscans zeigen, dass der bloße Gedanke an etwas Unangenehmes die Schmerzareale im Gehirn aktiviert.
Wenn du also an die Unsicherheit denkst, die mit einer Kündigung verbunden ist, dann bildest du dir den Schmerz nicht ein.
Also schiebst du den schmerzhaften Gedanken in die hinterste Abstellkammer deines Gehirns und lässt ihn nur zum Essen raus wie Harry Potter. Du ignorierst den Stein im Schuh, solange er noch nicht genug schmerzt.
Und sobald du ihn nicht mehr ignorieren kannst, beißt du die Zähne zusammen, weil du den Gedanken an die Unsicherheit noch weniger erträgst als deinen Job.
Unsicherheit bringt nicht nur Angst, sondern auch Klarheit
Für diese Unsicherheit kann ich dir keine Lösung bieten. Ich habe sie schließlich selbst noch nicht überwunden. Doch eine Sache verstehe ich mittlerweile:
Das Nichts, in das ich nach meiner Kündigung springe, ist beruflich gesehen das Beste, das mir jemals passiert.
Das meine ich absolut ernst.
Zum ersten Mal in meinem Erwachsenenleben spüre ich, dass ich selbst entscheide, wo es hingeht. Wie nach einer langen Wanderung hat mein Kopf endlich eine Bank gefunden, auf der er sich ausruhen und in die Ferne gucken kann.
Früher vermied ich Langeweile wie die Pest. Ich bekämpfte sie mit Youtube, World of Warcraft und Pornografie. Heute stelle ich fest, dass wir der Stille, Leere und auch Orientierungslosigkeit in unserer gehetzten Gesellschaft viel übler nachreden, als sie es verdienen.
Denn wenn du deinem Gehirn nur einmal Raum zum Atmen lässt, wirst du feststellen, dass es dich von allein mit Sinn versorgt.
Der Trick besteht also nicht darin, Unsicherheit zu vermeiden. Indem du sie als Teil deiner Neuausrichtung akzeptierst, zeigt sie dir, dass du dich gerade neu erfindest.
Und genau darum geht es doch hier, oder?
Fazit: Der Mönch, der seinen Schmerz anerkannte
Im Jahr 1969 reist ein junger Amerikaner nach Japan. Sein Name ist Steve Young und er will buddhistischer Mönch werden. Also verordnet ihm der Abt des Klosters, 100 Tage in einer winzigen, unbeheizten Hütte in den Kii-Bergen Japans zu leben.
Doch wie er bald feststellt, besteht Youngs eigentliche Prüfung darin, sich dreimal täglich mit bitterkaltem Wasser zu reinigen.
„Es (war) so kalt, dass das Wasser gefriert, sobald es den Boden berührt, und das Handtuch gefriert in der Hand“. Es war eine „entsetzliche Tortur“.
Quelle
Burkeman, O. (2022). 4000 Wochen: Das Leben ist zu kurz für Zeitmanagement (H. Lutosch, Übers.). Piper. S. 118.
Verzweifelt versucht sich Young von den Schmerzen abzulenken, doch egal, wohin er gedanklich flieht, die Übung bleibt unerträglich.
In seiner Verzweiflung entscheidet er sich für einen Kurswechsel. Er beginnt, sich bewusst auf das Ritual zu konzentrieren und stellt zu seiner Überraschung fest, dass er die Kälte als weniger quälend empfindet, je mehr er seine Aufmerksamkeit darauf richtet.
So versteht er die Lektion der Prüfung:
Für die Vermeidung seiner Schmerzen bestraft ihn sein Körper mit noch mehr Schmerz. Doch indem Young seinen Fokus aktiv auf die Kälte richtet, verringern sich seine Qualen.
Der Trick könnte also darin bestehen, nicht zu fliehen, sondern anzuerkennen. Diese Erkenntnis gilt auch für den Schmerz beruflicher Veränderung und die damit verbundene Unsicherheit:
Solange du den Stein im Schuh ignorierst, besitzt er das Potenzial, deine Haut aufzuscheuern, bis sich die Wunde entzündet.
Doch indem du ihn anerkennst und dich der Unsicherheit stellst, lernst du, mit ihr umzugehen. Besser noch: Du wächst an ihr.
Keine Sorge, ich verordne dir keine Eisbäder oder kalte Duschen. Ich entlasse dich lediglich mit einer Frage:
Wie stark drückt dein Schuh?