Gute Kunst verändert, rüttelt wach und regt zum Nachdenken an. Genau das braucht es, um kein NPC im eigenen Leben zu sein.

Diese 5 Lieder helfen dir, das fremde Skript zu erkennen und bieten dir ordentlich Stoff zum Nachdenken.

Hör sie dir an.

Lies dir die Lyrics durch.

Verinnerliche die Message, indem du mitsingst.

1. Rage Against The Machine – Killing In The Name

Am 17. Dezember 2009 traten Rage Against The Machine live bei der BBC unter der Bedingung auf, dass das Wort „Fuck“ nicht fallen dürfe.

Gar nicht so einfach: Fuck kommt in „Killing In The Name“ 17 Mal vor – inkl. „Motherfucker“ (ja, ich hab nachgezählt).

Doch Fuck dient dem Song nicht bloß als Kraftausdruck. Es ist ein Stilmittel.

Es ist das Wort, das die Emotion, den Verdruss und den Widerstand des Songs trägt und kommt deshalb bis Minute 4:10 überhaupt nicht vor.

Wie Rage Against The Machine das Verbot bei der BBC interpretieren, siehst du im Video, und genau deshalb liebe ich den Auftritt, den Song und die Band.

Fuck you! I won’t do what you tell me!

PS: Später entschuldigt sich die BBC bei allen Hörern, die sich vom Wort „Fuck“ angegriffen fühlten.

„We were expecting it, we asked them not to do it and they did it anyway“
– BBC

Pah!

Eurer Einschaltquote hat es sicherlich geholfen.

2. Cage The Elephant – In One Ear

Ich war 15 Jahre alt, als ich Cage The Elephant durch das Videospiel „Borderlands“ entdeckte. Borderlands spiele ich zwar nicht mehr, aber die Jungs aus Kentucky sind geblieben.

Beim Release ihres ersten Albums 2008 war Sänger Matt Schultz selbst erst 24 Jahre alt. Vielleicht fühlte ich deshalb eine sofortige Verbindung zu den Lyrics und der Musik:

Es war, als hätte mein großer Bruder ein Album nur für mich geschrieben.

Vielleicht ist deshalb das erste Album einer Band auch oft etwas Besonderes: Die Musiker sind noch jünger, roher und ungeformter.

Das hörst du auch dem Lied „In One Ear“ an, mit dem Cage The Elephant das Album eröffnen. Es schreit:

„Mir ist es egal, ob du mich magst. Ich muss dir nicht gefallen.“

Und das war genau der richtige Soundtrack für einen Teenager, der seine Wut nicht benennen konnte.

Here's the moral to the story
We don't do it for the glory
We don't do it for the money
We don't do it for the fame
So all the critics who despise us, go ahead and criticize us
It's your tyranny that drives us, adds the fire to our flames

3. Udo Jürgens – Ein Ehrenwertes Haus

Meine Oma liebte die Musik von Udo Jürgens und dieses Lied hat viel damit zu tun.

Als meine Großeltern nach ihrer ersten gemeinsamen Wohnung suchten, erwartete die Gesellschaft, dass sie verheiratet waren. Denn damals vermietete man nicht an ein Paar, das keinen Trauring trug – zumindest nicht in einem „ehrenwerten Haus“.

Diese Situation spiegelt sich 1:1 in „Ein Ehrenwertes Haus“ von Udo Jürgens:

Weil wir als Paar zusammenleben und noch immer ohne Trauschein sind
Hat man sich gestern hier getroffen und dann hat man abgestimmt
Und die Gemeinschaft aller Mieter schreibt uns nun: „Zieh'n Sie hier aus“
Denn eine wilde Ehe, das passt nicht in dieses ehrenwerte Haus

Solche Überzeugungen wirken später absurd, aber zeigen sich in der Geschichte immer wieder und Udo Jürgens war derjenige, der diese Heuchelei nicht nur in ein Lied packte.

Nein, von ihrer Doppelmoral verpasste er den Deutschen auch noch einen Ohrwurm!

Jedes Mal, wenn ich dieses Lied höre, sehe ich meine Oma wieder – ihre grauen Locken, ihr sanftes Lächeln und die Art, wie sie beim Kochen zur Musik summte.

Doch wenn ich sie sehe, summt sie nicht nur. Sie singt zu Udo Jürgens.

Wenn du mich fragst, diese Heuchelei halt' ich nicht länger aus
Wir packen unsre sieben Sachen und zieh'n fort aus diesem ehrenwerten Haus

Danach legt sie den Song „Mit 66 Jahren“ auf und schwingt sich in den Armen meines Opas durch die Wolken.

4. Knorkator – Eigentum

Ein ehemaliger Schulfreund empfahl mir Knorkatordie meiste Band der Welt, als wir in dem kleinen Waldstück vor unserem Haus Bier tranken.

Wir waren natürlich vollkommen volljährig und die Bäume dienten uns nicht als Versteck!

An den Rest des Tages erinnere ich mich kaum – spontane Amnesie –, doch seitdem höre ich Knorkator und rede über dieses Lied.

Denn kein anderes benennt den goldenen Käfig, den wir uns selbst durch Überkonsum bauen, so klar wie die meiste Band der Welt auf dem „Nächsten Album Aller Zeiten“.

Ich bin das Eigentum von meinem Eigentum
Bin allem hörig, was mir gehört
Ich bin besessen von dem, was ich besitze
Und werd' gefressen von dem, was mich ernährt
Ich bin der Diener von dem, was ich verdiene
Ich bin der Sklave von dem, was ich versklavt
Und allen Dingen über die ich verfüge
Füge ich mich brav

Du willst nicht das Eigentum deines Eigentums sein?
Trenn dich doch und spendier mir einen Kaffee.
Hier kannst du das.

Hier geht's zur Kaffeekasse

5. Linkin Park – Numb

Chester Bennington starb 2017.

Kaum zu glauben, oder?

Chesters Tod veränderte mich. Wegen ihm schrieb ich meine Bachelorarbeit über Depressionen. Ich konnte einfach nicht verstehen, warum er sich das Leben nahm.

Doch mehr als Chesters Tod formte mich sein Leben, formten mich Linkin Park.

Dank meines großen Bruders war Meteora von Linkin Park eines der ersten Alben, die ich jemals hörte. Es gefiel mir so gut, dass ich es mit auf den Weg zur Grundschule nahm.

Dafür musste ich meinen tragbaren CD-Spieler von Sony (der wahrscheinlich eher meinem Bruder gehörte als mir – große Geschwister kennen das Problem) mit einem Clip am Gürtel meiner viel zu großen Jeans befestigen (die wahrscheinlich auch mal meinem Bruder gehörte – kleine Geschwister kennen das Problem).

Der Sony D-E220 – nicht hosentaschenfreundlich

Mit hoher Wahrscheinlichkeit sah ich weniger cool aus, als ich es mir damals vorstellte. Doch es zeigt, wie sehr ich das Album lieben musste, damit ich mich dafür zum Deppen machte.

Auf Meteora befindet sich auch einer der kommerziell erfolgreichsten Songs von Linkin Park:

Numb.

Das Lied erzählt die Geschichte eines Menschen, der sich von den Erwartungen seiner Eltern, vielleicht auch einer ganzen Gesellschaft entfremdet fühlt.

I'm tired of being what you want me to be
Feeling so faithless, lost under the surface
I don't know what you're expecting of me
Put under the pressure of walking in your shoes

Die Person will ausbrechen und ihren eigenen Weg gehen. Auch wenn das bedeutet, dass sie Fehler begehen und andere enttäuschen wird.

And I know
I may end up failing too
But I know
You were just like me with someone disappointed in you

Mit Numb verliehen Linkin Park einer ganzen Generation eine Stimme.

Jeder 30-jährige kennt es.

Doch jetzt kommt der Kicker.

Jedes Mal, wenn Numb spielt, singen wir die Wörter zusammen mit Chester. Doch trotzdem stehen wir hier, Seite an Seite, und haben immer noch Angst davor, unseren eigenen Weg zu gehen. Zu uns zu stehen.

Wir hören Numb nicht. Wir sind numb.

Deshalb frage ich dich:

Was braucht es noch, damit wir uns endlich trauen?

5 Lieder sind nur der erste Schritt.
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