Seit Ende 2024 blogge ich. Mein erster Artikel hieß „Fitness ist einfach.“. In meinem zweiten Beitrag schrieb ich über Fight Club, eines meiner Lieblingsbücher. Danach widmete ich mich Platon.

Diese 3 Artikel zeigen, wie es in meinem Kopf aussieht. Meine Gedanken sind verstreut wie kleine Steine am Strand und meine Interessen verhalten sich wie Ebbe und Flut:

Sie kommen, sie gehen und ich weiß nie, welche Steine sie anspülen.

Kurz nachdem ich meinen Blog online nahm, wollte ich die Steine, die ich fand, mit anderen Menschen teilen. Also richtete ich mir mit 30 Jahren zum ersten Mal in meinem Erwachsenenleben Social Media ein (Tinder zählt nicht).

Erst Linkedin, dann Instagram, Facebook und Threads. Das volle Programm.

Schnell füllte sich mein Feed mit Menschen, die mir sagten, ich müsse eine Nische finden. Wer online einen Laden öffnet, benötigt nicht nur Social Media als Straßenschild, sondern auch ein klares Produktsortiment, damit der Kunde weiß, was er kaufen kann.

Also fragte ich mich, wofür ich online bekannt sein möchte. Wie finde ich meine Nische? Die Suche begann.

Anfang 2025 war ich noch Ausbildungskoordinator. Immer wieder beobachtete ich die Probleme meiner Auszubildenden in der Berufsschule und begann mich für das Thema „Lernen lernen“ zu interessieren.

Ich arbeitete mich in die Theorie ein. Es entstanden Artikel wie:

Es fühlte sich gut an. Das Thema begleitete mich über Monate. Ich hatte meine Nische gefunden, dachte ich.

Doch immer wieder spülte die Flut neue interessante Steine an: Granit, Bernstein und Unakit. Deep Work, Künstliche Intelligenz, Persönlichkeit. 

Lernpsychologie sah auf einmal wie Kalkstein aus: blass, alltäglich, uninteressant. Spätestens mit der Kündigung meines Jobs als Ausbilder warf ich sie zurück ins Meer.

Und so war ich plötzlich wieder nischenlos.

Doch schon bald spülte die Flut einen neuen Stein an Land: Gamification. Designe dein Leben wie ein Videospiel und werde zum aktiven Helden deiner Reise.

Als alter World of Warcraft Veteran konnte ich meine Begeisterung kaum zügeln. In meinem ersten Monthly Fuck Up schrieb ich:

Diese Vorstellung motiviert mich so sehr, dass ich sie mit anderen teilen und Menschen helfen möchte, ihr Leben mehr wie ein Spiel zu gestalten. Nicht kindisch, sondern psychologisch fundiert. Echtes Gamedesign ohne Bullshit.

Das war kein leeres Geschwätz. Ich fühlte es wirklich und richtete meine gesamte Homepage auf dieses Thema aus. Ich entwickelte ein Levelsystem für Hobbys, tüftelte einen gamifizierten Trainingsplan aus und brütete über ersten Produktideen, mit denen ich Geld verdienen wollte.

Doch während ich emsig an Artikeln und Produktideen arbeitete, entdeckte ich das Buch „Storyworthy“ von Matthew Dicks und entwickelte (wie könnte es anders sein) sofort ein Interesse an Storytelling.

Ich begann, persönliche Geschichten über mein Leben zu schreiben wie in „Die Produktivitätslüge“ und wollte sie auf der Bühne vortragen. Der Stein funkelte vielversprechend.

In Obsidian, meinem Schreibprogramm, liegen seitdem 7 in großen Teilen fertige Artikel und rund 12 umfangreiche Notizen zum Thema Gamification, die ich zu Beiträgen und Produktideen formen wollte. Gesamtumfang rund 12.000 Wörter (ich hab gezählt), was ungefähr einer Stunde Lesedauer entspricht. 

Jedes Mal, wenn ich diese Entwürfe sehe, drückt ihr Gewicht auf meine Schultern, als verdoppelte sich für einen kurzen Moment die Schwerkraft.

Ich befürchte, ich werde diese Projekte nie fertigstellen.

Und so bin ich wieder nischenlos. Die Ebbe hat mich auf offene See hinausgezogen und ich treibe in einem Meer voller Content orientierungslos vor mich hin.

Was ist eigentlich diese Nische und wie findet man sein gedankliches zu Hause? Was bedeutet „zu Hause“ überhaupt, wenn jemand ständig weiterzieht?

Finde deine Nische“ klingt wie der Rat eines Elternteils: Nachvollziehbar, vernünftig, aber irgendwie auch langweilig. Mir fällt es schwer zu verstehen, wie Menschen einen Weg für ihr Leben festlegen, den sie die nächsten 40 Jahre gehen.

Mir gelingt das nicht.

Deshalb bin ich zu der Erkenntnis gekommen, dass ich meine Inhalte nicht nach meinen Interessen ausrichten darf. Wer weiß, welche Steine ich morgen am Strand entdecke?

Meine beständigste Fähigkeit ist meine Unbeständigkeit. Die größte Sicherheit ist meine Unsicherheit. Die einzige Konstante in meinem Leben ist die Neugier auf das Leben selbst.

Deshalb probiere ich in den nächsten Wochen etwas, das mir Angst bereitet und von dem mir jeder Content Creator abraten würde: Ich verwerfe meine Nische.

Ich werde zwar auch in Zukunft über meine Interessen schreiben – ich kann gar nicht anders –, doch ich werde aufhören, meine Neugier in eine Kiste zu packen, die ich anderen Menschen erklären kann.

Letztendlich weiß ich selbst nicht, was das alles bedeutet. Sokrates hatte recht. Ich weiß lediglich, dass ich nichts weiß.

Und so bleiben die ehrlichen Einblicke in meine Gedanken und Erfahrungen das Einzige, das ich dir hier in Zukunft wirklich bieten kann. Denn die machen mich letztendlich zu dem, wer ich bin.

Vielleicht ist das die einzige Nische, über die ich wirklich schreiben kann.

Gefällt dir dieser Artikel? Hier meldest du dich für meinen kostenlosen Newsletter an und erhältst in Zukunft alle Artikel bequem in deinen Posteingang:

Anmelden