Lüge und Wahrheit sind tief in unserer Sprache verwurzelt. Jedes Kind kennt folgende Sätze:
Du sollst nicht lügen.
Lügen haben kurze Beine.
Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht.
Während die Lüge als Sünde gilt, stellt die Wahrheit eine Tugend dar. Sie gilt als Grundlage für ein gutes Leben. Doch die Wahrheit hat auch eine Schattenseite. Sie ist oft unbequem, manchmal sogar gefährlich.
Jemand, der über die Gefahr der Wahrheit bestens Bescheid weiß, heißt Sokrates und er gilt bis heute als einer der einflussreichsten Philosophen unserer Zeit. In diesem Artikel erfährst du, was du von Sokrates lernen kannst.
Inhaltsverzeichnis
- Die Geschichte des Sokrates
- Was du von Sokrates lernen kannst.
- Die Wahrheit ist nicht situationsabhängig.
- Wahrheit schafft Vertrauen. Falschheit verspielt es.
- Wahrheit ist die Grundlage für persönliches Wachstum.
- Die Wahrheit ist ein Lernprozess.
- Anregungen für den Alltag
- Quellen
Die Geschichte des Sokrates
Im Jahr 399 vor Christus steht Sokrates als Angeklagter vor Gericht. Ihm wird vorgeworfen, die Jugend durch seine Lehren zu verführen und gottlos zu leben.
Sokrates hält daraufhin eine Verteidigungsrede, die uns Platon in seinem Werk Apologie überliefert. Zur Anklage steht nichts geringeres als das Leben:
Im Alter von 70 Jahren droht Sokrates die Todesstrafe.
Doch wie konnte es überhaupt so weit kommen?
Leider ist nicht allzu viel über das frühe Leben des Sokrates bekannt. Allgemein wissen wir über ihn vor allem das, was Platon in seinen Dialogen schreibt.
Aus Platons Überlieferung geht hervor, dass Sokrates von einem Orakelspruch erfährt. Das Orakel offenbart ihm, dass niemand weiser sei als er.
In unserer Zeit klingt das Ganze etwas seltsam, doch für die alten Griechen ist das Orakel sozusagen das Mundstück der Götter. Die Prophezeiung ist also ernst zu nehmen.
Doch Sokrates versteht den Spruch des Orakels nicht. Laut einem seiner zentralen Leitsätze weiß er lediglich, dass er nichts weiß. So sagt Sokrates in seiner Rede:
Jemand, der weiß, dass er nichts weiß, ist weiser als jemand der meint zu wissen
- Platon, Apologie, 21d
Sokrates, der sich dessen bewusst ist, dass er nichts weiß, soll also weiser sein als alle anderen Menschen?
Sokrates zweifelt an der Prophezeiung. Deshalb macht er sich auf, um den Orakelspruch zu prüfen. Er möchte herausfinden, ob es jemanden gibt, der weiser ist als er.
Dabei trifft er auf die unterschiedlichsten Personen - Staatsmänner, Dichter, Handwerker -, deren Weisheit er durch seine ganz eigene Methode prüft.
Zu seinem Verdruss muss er feststellen, dass viele Menschen oft meinen, etwas zu wissen, in Wirklichkeit aber weitaus weniger begreifen, als ihnen bewusst ist. Sie sehen nicht, wie viel es zu wissen gibt und wie wenig sie davon verstehen. Sie sind verblendet. Diese Erkenntnis hatte damals keinen Namen. Heute nennt man sie den Dunning-Kruger-Effekt.
Doch Sokrates bleibt beharrlich. Ähnlich wie Sporen bei einem Pferd eingesetzt werden können, um es anzutreiben, so sieht er sich in seiner Suche nach Weisheit und Wahrheit als Sporn der Gesellschaft.
Er weist die Menschen unbeugsam auf ihre Mängel hin, hält der griechischen Gesellschaft den Spiegel vor und kritisiert die Besessenheit auf Materialismus, Geld und Status.
Doch indem Sokrates die Unzulänglichkeiten seiner Gesprächspartner offenbart, macht er sich schnell unbeliebt. Es fällt ihnen schwer, sich ihre Makel einzugestehen und so entwickeln sie eine Abneigung gegen ihn und sein Vorgehen.
Dieser Unbeliebtheit ist sich auch Sokrates bewusst. In seiner Verteidigungsrede prophezeit er, dass er vor Gericht nicht den Argumenten der Kläger, sondern seinem üblen Ruf unterliegen werde.
Warum aber hört Sokrates nicht auf, die Menschen zu verärgern?
Das liegt am Spruch des Orakels. Er sieht seine Suche nach Weisheit und Wahrheit als göttlichen Auftrag und ist davon überzeugt, dass er nicht nachgeben darf, auch wenn Risiken mit seiner Prüfung verbunden sind.
Die Wahrheit zählt für ihn als eines der höchsten Güter der Menschheit. Sie muss ausgesprochen werden. Davon ist Sokrates überzeugt:
Solange ich noch atme und es vermag, werde ich nicht aufhören,
nach Weisheit zu suchen und euch zu ermahnen
- Platon, Apologie, 29d
Selbst in Anbetracht seines Todes rückt Sokrates nicht von seinem Streben ab. Es ist ihm sogar wichtiger als der Tod. Denn über den Tod und ein mögliches Leben danach, so Sokrates, wissen wir nichts.
Doch ein schlechtes Leben zu führen ist ein bekanntes Übel, vor dem es sich zu fürchten gilt. Die Auswüchse eines solchen Lebens sind nämlich bereits auf der Erde zu beobachten.
Sokrates zieht den Tod für die Wahrheit einem Leben in Verblendung vor.
Am Ende des Prozesses bewahrheitet sich die Prophezeiung, Sokrates werde dem Hass der Menschen unterliegen. Mit einer knappen Mehrheit verurteilen ihn die Richter zum Tod.
Die Chance zur Flucht, die ihm seine Anhänger nahe legen, ergreift er nicht. Stattdessen trinkt er am Tage seines Todes den mit Gift gefüllten Schierlingsbecher.
Sokrates geht dem Tod mutig entgegen und bleibt bis zum Schluss seiner Wahrheit treu. Aus dieser Geschichte kannst du viel von Sokrates lernen.
Was du von Sokrates lernen kannst.
Die Wahrheit ist das Fundament.
Die Wahrheit zu sagen fällt uns oft schwer - manchmal sogar schwerer als eine Lüge. Wenn sie unangenehm ist und die Menschen sie nicht hören wollen, kannst du dich, wie Sokrates, sogar unbeliebt machen, wenn du sie aussprichst.
In meinem Job habe ich Meetings erlebt, in denen sich niemand traut die Wahrheit zu sagen - auch ich nicht. Selbst in geschützten Räumen ist es manchmal schwierig, eine unbequeme Wahrheit auszusprechen.
Doch wenn wir uns schon in geschützten Räumen nicht trauen, offen zu äußern, was wir denken, wie sollen wir dann die Wahrheit sagen, wenn es wirklich zählt?
Selbst in Anbetracht ihrer Risiken bleibt die Wahrheit das Fundament unserer Gesellschaft.
Der Mensch ist ein soziales Wesen. Sein evolutionärer Erfolg ist nicht das Resultat körperlicher Überlegenheit, denn er ist weder besonders flink noch kräftig. Eine gewöhnliche Hauskatze rennt schneller als die meisten Menschen.
Es ist viel mehr die Fähigkeit, sich in Gruppen zu organisieren und zusammenzuarbeiten, die den Menschen an die Spitze befördert hat.
Sprache ist hierfür ein entscheidender Faktor. Durch sie kann der Mensch nicht nur Gefahren kommunizieren, sondern sich auch über andere austauschen.
Doch wenn wir die Wahrheit verzerren, wie können wir dann einander vertrauen und zusammenarbeiten? Die Lüge beeinträchtigt nicht nur eines unserer verlässlichsten Werkzeuge zum Überleben, sondern öffnet die Tür zur Manipulation.
Sokrates war sich dessen bewusst. Vom Streben nach Wahrheit und Weisheit war er derart überzeugt, dass er bereit war, dafür zu sterben:
Seid gewiß, daß ich auf keinen Fall anders handeln werde,
und müßte ich noch so oft sterben
- Platon, Apologie, 30b
So wie die Sprache das Fundament des menschlichen Erfolgs ist, bleibt die Wahrheit die Voraussetzung für zwischenmenschliche Beziehungen.
Die Wahrheit ist nicht situationsabhängig.
Manchmal entscheidet die Situation darüber, wie ehrlich wir sind. In meinem Beruf führe ich regelmäßig Gespräche als Arbeitgebervertreter.
Dabei begegne ich Menschen, die mir teilweise mit brutaler Ehrlichkeit Dinge aus ihrem Leben offenbaren, nur um mir wenige Sätze später ins Gesicht zu lügen.
Es kommt mir manchmal so vor, als würden Menschen zur Wahrheit greifen, wenn sie sich Nachgiebigkeit erhoffen, und zur Lüge, wenn sie eine Strafe befürchten.
Dabei sind es ausgerechnet diese kleinen, unnötigen Lügen, die jemanden an der Wahrheit der gesamten Geschichte zweifeln lassen.
Wo hört die Wahrheit auf? Wo fängt die Lüge an?
Eine Sache habe ich aus solchen Situationen gelernt:
Du kannst dir deine gesamte Glaubwürdigkeit in einem einzigen Moment der Charakterschwäche verspielen.
Die Wahrheit ist kein Reservespieler, den du einwechselst, wenn deine Geschichte bröckelt. Die Wahrheit ist das Fundament. Sie ist der Nährboden für alle Früchte, die dein Leben trägt.
Wenn dein Fundament wackelt, finden andere Menschen keinen Halt darauf. Und irgendwann fällt das gesamte Kartenhaus zusammen.
Wahrheit schafft Vertrauen. Falschheit verspielt es.
Andere Menschen verlassen sich nicht nur auf das, was du sagst, sondern auch auf das, was du tust.
Du nimmst in deinem Leben verschiedene Rollen ein. Da bist du als Arbeitnehmer, als Vorgesetzter, als Ehepartner oder als Elternteil.
Mit diesen Rollen sind verschiedene Verpflichtungen verbunden. Die Menschen um dich herum verlassen sich darauf, dass du ihnen nachkommst. Leichtsinnigerweise spielen wir oft mit diesem Vertrauen.
Hast du dich schon mal dabei erwischt, vorzugeben, etwas zu verstehen oder zu können, obwohl du keinen blassen Schimmer hast oder höchstens ein gefährliches Halbwissen besitzt?
Viele Menschen wollen sich das, was sie nicht können, nicht eingestehen. Das ist gefährlich. Stellt dein Gegenüber nämlich fest, dass du nur vorgibst etwas zu können, wird er in Zukunft an deiner Kompetenz zweifeln. Er verliert das Vertrauen, dass du in der Lage bist, deinen Verpflichtungen nachzukommen.
Durch einen derartigen Schwindel kannst du eine Beziehung völlig ruinieren. Deine Vorgesetzten, Arbeitskollegen, Kunden, aber auch deine Familie beginnt an dir zu zweifeln.
Wenn du stattdessen ehrlich mit den Dingen umgehst, die du nicht kannst, dann wissen andere Menschen, was sie von dir erwarten können.
Wahrheit schafft Vertrauen. Falschheit hingegen verspielt es.
Wahrheit ist die Grundlage für persönliches Wachstum.
Die Sätze "Ich weiß es nicht" oder "Ich kann es nicht" sehen einfach aus, sind jedoch oft schwer zuzugeben.
Dabei brechen uns beide Sätze keinen Zacken aus der Krone. Im Gegenteil:
Jedes "Ich weiß es nicht" ist - mit der richtigen Einstellung - lediglich ein "Ich weiß es noch nicht".
Ich bin davon überzeugt, dass du alles lernen kannst, wenn du dich engagierst. Hierfür musst du dir jedoch zunächst eingestehen, dass du etwas nicht weißt.
Wenn du nicht zugeben kannst, dass dein Eimer Löcher hat, wer soll sie dann stopfen?
Die Wahrheit ist eine Voraussetzung für Fortschritt und damit die Grundlage für persönliches Wachstum.
Die Wahrheit ist ein Lernprozess.
Die Wahrheit auszusprechen ist ein kontinuierlicher Lernprozess. Auch ich bemerke immer wieder dieses unbehagliche Bauchgefühl, wenn ich eine klare Position vertrete, die auf Widerstand stößt.
Die soziale Natur des Menschen führt nicht nur zu seinen ausgebildeten Sprachfertigkeiten, sondern auch zu seinem Verlangen, anderen zu gefallen.
Das Zusammenleben in Gruppen sichert das Überleben in der Natur. Von Kindesbeinen an sind wir auf Erwachsene angewiesen. Im Vergleich zu anderen Tieren benötigen Menschenkinder Jahre bis sie selbstständig leben können. Die Angst vor der Ausgrenzung aus der Gemeinschaft ist somit tief mit der Angst vor dem Tod verbunden1.
Genau deswegen hadern wir manchmal so sehr mit einer unangenehmen Wahrheit. Die Angst vor sozialen Sanktionen steckt in unseren Genen.
Die Wahrheit auszusprechen ist deshalb ein Lernprozess. Es fühlt sich oft unnatürlich an. Doch so wie du einen Muskel strapazierst, damit er wächst, musst du auch deinen Charakter fordern, damit er stärker wird.
Lügen hingegen verhindern Fortschritt. Deshalb haben sie vermutlich auch kurze Beine, wie das Sprichwort besagt. Mit ihnen lässt es sich schlecht fortschreiten.
Wahrheit bedeutet Wachstum und wenn Wahrheit erlernbar ist, dann ist auch persönliches Wachstum erlernbar.
Anregungen für den Alltag
Zum Abschluss möchte ich dir noch ein paar Tipps auf den Weg geben.
Wenn du etwas nicht weißt oder nicht kannst, dann gib es zu. Die Menschen werden deine Ehrlichkeit schätzen, denn auf ihr können sie bauen. Dein Ego wird es überleben, wenn du zugibst, dass du etwas nicht weißt. Dein Ruf hingegen könnte an einer Lüge zugrunde gehen.
Sokrates war bekannt dafür, dass er lieber Unwissenheit annahm als Wissen vorzugeben. Wenn du dir also einmal unsicher bist, ob du etwas wirklich verstanden hast, dann geh im Zweifel vom Gegenteil aus und schau noch mal genauer hin.
Wenn du dich in einer Situation befindest, in der niemand den Elefanten im Raum benennen will, dann tritt nach vorne. Meine Erfahrung zeigt, dass deine Mitmenschen deinen Mut mindestens genauso schätzen wie deine Ehrlichkeit. Tun sie es nicht, dann sind sie weder an Wahrheit noch an Wachstum interessiert.
Es gibt natürlich auch Situationen, in denen die Wahrheit unangebracht sein kann. Eine Lüge kann dich oder andere Menschen sogar schützen. Doch nur weil es Ausnahmen gibt, solltest du nicht von der Wahrheit als Regel abweichen.
Niemand verlangt von dir, dass du für deine Wahrheit stirbst. Bei den meisten unserer alltäglichen Situationen ist der Einsatz, um den wir spielen, viel geringer. Doch nimm dir die Geschichte des Sokrates ruhig als Beispiel. Wenn er sogar im Prozess um sein Leben bei der Wahrheit bleibt, kannst du es dann nicht auch im Alltag?
Die Wahrheit ist nicht umsonst eine Tugend. Schlussendlich sind es die guten, ehrlichen Menschen, an die wir uns als Gesellschaft erinnern wollen. So ist es auch bei Sokrates. Durch seine Ehrlichkeit machte er sich unsterblich. Während seine Ankläger in der Geschichte untergegangen sind, bleibt die Erinnerung an Sokrates bis heute erhalten.
Quellen
1 Wehrle, M. (2021). Den Netten beißen die Hunde. Mosaik. S. 22ff.