Der urige Blumenladen bei mir nebenan ist seit ein paar Wochen zu. Übernommen hat Blume 2000. Pflanzen kriegt man dort genauso. Charme hat der Laden allerdings eingebüßt. Blume 2000 sieht mehr nach Lagerverkauf aus.

Die Bäcker sind industrielle Ketten. Der Einzelhandel weicht einheitlichen Versandhäusern. Und auch Tattoos gibt es dank großer Ketten wie Kleopatra Ink bereits als Massenware.

Ein Standard steht letztendlich für einheitliche Qualität. Das ist gut. Doch wie viel Platz bleibt dabei noch für Einzigartigkeit? Und können wir dabei unsere Kreativität verlieren?

Inhaltsverzeichnis

  1. Definition Kreativität
  2. Kreativität ist menschlich
  3. Die Auslagerung der Kreativität
  4. Das Kryptonit der Kreativität
  5. Die Content-Falle
  6. Quellen

Kreativität ist ein Begriff, der häufig Künstlern und Freigeistern vorenthalten zu sein scheint. Doch was ist das überhaupt? Ausgerechnet in der Musikbranche fand ich letztes Jahr eine ungewöhnliche Antwort auf diese Frage.

Definition Kreativität

Rick Rubin ist einer der bekanntesten Musikproduzenten der Welt. Er arbeitete unter anderem mit den Red Hot Chili Peppers, Linkin Park und Johnny Cash. Dabei produzierte er einige meiner absoluten Lieblingsalben.

Rubin ist wahrlich ein kreativer Kopf. Das spiegelt sich auch in seinem Schreiben wider. In seinem Buch "kreativ. Die Kunst zu sein" definiert er den Begriff Kreativität.

"Etwas zu erschaffen bedeutet
etwas ins Sein zu bringen,
das vorher noch nicht da war."
- Rick Rubin1

Bei Kreativität handelt es sich um die Kapazität eines Menschen, neue Lösungen, Gedanken oder Objekte zu erzeugen, die vorher noch nicht da waren.

Anders als man es von einem Musikproduzenten jedoch erwarten könnte, versteht Rubin weitaus mehr unter kreativem Handeln als die Erschaffung neuer Musik.

Kreativität ist menschlich

Die Lösung alltäglicher Probleme, das Führen von Gesprächen, die Einrichtung einer Wohnung oder auch die Umgehung eines Staus auf dem Heimweg dienen Rubin als Beispiele für kreatives Handeln.

Kreativität, so Rubin, ist keine seltene Fähigkeit. Sie ist nicht schwer zugänglich. Sie ist auch nicht ausschließlich den Künstlern vorenthalten.

Stattdessen ist sie ein grundlegender Aspekt des Menschseins. Wir alle sind täglich auf unterschiedliche Art und Weise kreativ. Wir alle erschaffen regelmäßig Neues. Kreativität und Menschsein gehen für Rubin Hand in Hand2.

Nehmen wir an, Rubins These, Kreativität sei ein grundlegender Aspekt unserer Menschlichkeit, ist wahr. Befindet sich diese Fähigkeit im 21. Jahrhundert in Bedrängnis?

Die Auslagerung der Kreativität

Viele Probleme, in deren Lösung Rubin einen Einsatz von Kreativität erkennt, lassen sich heute technologisch umgehen. Knifflige E-Mails, emotionale Dankkarten oder öffentliche Reden lassen sich durch den passenden Prompt in Sekundenschnelle mit künstlicher Intelligenz generieren.

Auch die Musikbranche, in der Rubin als Ikone gilt, richtet sich immer mehr nach technologischen Parametern. Das Hörverhalten wird durch Algorithmen gesteuert und auch Musik selbst lässt sich wahrscheinlich bald vollständig durch Computer produzieren.

Wir sind von Technologie umgeben. Sie ist zu jeder Tageszeit greifbar. Sie hat auf alles eine Antwort. Sie hat für jedes Problem eine passende App. Doch sie hat auch Nachteile.

Das Kryptonit der Kreativität

Das immense Angebot technologischer Lösungen erzeugt ein digitales Dauerfeuer, das wir aufgrund der leichten Zugänglichkeit, die Smartphones, Tablets und Laptops bieten, jederzeit auf uns einprasseln lassen. So gewöhnen wir uns an kontinuierliche Stimulation.

Wir sind permanent beschäftigt. Manchmal sogar mit mehreren Aufgaben gleichzeitig (mehr über die Nachteile der Beschäftigung gibt's hier: „Multitasking Illusion“). Wir kommen selten zur Ruhe. Wir sind nie wirklich mit uns allein. Selbst wenn wir die einzige Person im Raum sind, öffnet uns die Technologie jederzeit das Tor zur Welt. Genau darin liegt die Krux.

"Creativity […] is directly produced by the gaps"
- Thomas Hylland Eriksen3

Kreativität entsteht in den Lücken unserer Tätigkeit - durch Phasen der Ruhe, der Untätigkeit, der Langeweile und Kontemplation. Unser Gehirn benötigt Zeit, um Eindrücke verarbeiten und damit umgehen zu können.

Nur der Anteil der Untätigkeit an der Tätigkeit selbst, so der Philosoph Byung-Chul Han, erlaubt kreatives Handeln4. Um es in den Worten Thoreaus zu formulieren:

"Gedanken benötigen Raum, um auf offene See fahren […] zu können, bevor sie Kurs auf den Hafen nehmen"
- Henry David Thoreau5

Doch Reizüberflutung und Ablenkung zerstören diesen Raum. Durch den selbstauferlegten Zwang, ständig beschäftigt sein zu müssen, vernichten wir die Voraussetzungen, durch die Neues überhaupt erst entstehen kann.

Statt unserem Kopf zu vertrauen, uns mit Sinn zu versorgen, verlassen wir uns auf die Technologie. Das Smartphone wird zur Sinnproduktionsmaschine. Damit schaden wir unserer Kreativität. Wir geben unseren Gedanken zu wenig Raum, um auf offene See zu fahren.

Die Content-Falle

Ich bin kein Luddit. Ich bin nicht technophob. Ich erkenne das enorme Potenzial, das Technologie für unsere Zukunft innehält. Doch ich sehe auch, dass man den Umgang mit ihr lernen muss.

Das Internet kann eine unerschöpfliche Quelle für Inspiration sein. Es scheint mir jedoch, dass viele Menschen die Tiefe dieses Wassers falsch einschätzen. Sie ertrinken in Content.

Doch das Internet ist nicht die einzige Quelle, aus der wir Inspiration schöpfen können. Überall in uns und um uns herum schwirren Ideen und Gedanken.

Der Job des Künstlers ist es, diese kreativen Impulse im Alltag aufzunehmen. Dafür muss er sie jedoch erst einmal bemerken. Er braucht, wie Rubin sagt, fein eingestellte Antennen6.

Doch die Digitalisierung unterwirft unsere Wahrnehmung einem radikalen Wandel. Sie überflutet unsere Eingangskanäle mit Informationen und Reizen.

"Wir sind benommen vom Kommunikations- und Informationsrausch. Der Tsunami der Information entwickelt destruktive Kräfte."
- Byung-Chul Han7

Zu diesen destruktiven Kräften könnte auch eine Beeinträchtigung unserer Fähigkeit gehören, klare Gedanken zu fassen und kreativ mit ihnen umzugehen, vielleicht sogar ein Verlust unserer individuellen Stimme.

Wenn Rubin also Recht hat und Kreativität ein grundlegender Aspekt menschlichen Handelns ist, dann könnten wir unsere Kreativität verlieren. Wir lagern sie an den technologischen Fortschritt aus.

Und dadurch könnten wir einen enorm wichtigen Aspekt unserer Menschlichkeit verlieren.


Quellen