Hast du manchmal das Gefühl, dass dein Gehirn überläuft? Erinnerst du dich heute nicht mehr an Dinge, die neulich noch relevant erschienen? Du bist nicht allein. Willkommen im Zeitalter der Informationsflut.
Doch was, wenn das Vergessen gar nicht so schlimm ist, wie es sich anfühlt?
Informationsflut: Wie viel dein Gehirn leistet.
Der spanische Journalist und Medienwissenschaftler Ignacio Ramonet berechnete bereits Ende der 1990er Jahre, dass seit Mitte des 20. Jahrhunderts mehr Informationen als während der gesamten letzten 5000 Jahre produziert wurden.
Quelle
Eriksen, T. H. (2001). Tyranny of the moment: Fast and slow time in the information age. S. 71.
Addiert man die Informationen aus TV, Radio und Büchern zusammen, dann konsumierten Menschen im Jahr 1986 ca. 40 Zeitungen à 85 Seiten jeden Tag. Bis 2007 hatte sich diese Zahl auf über 174 tägliche Zeitungen bereits mehr als verdoppelt.
Quelle
Hari, J. (2021). Stolen focus (First edition). Crown. S. 40.
Diese Reizüberflutung rollt seitdem unaufhaltsam auf uns zu. Im Jahr 2007 stellte Steve Jobs übrigens das erste iPhone vor. Wie sich die Informationsüberflutung seitdem entwickelt hat, beschreibe ich genauer im verlinkten Artikel.
Der Sozialanthropologe Thomas Hylland Eriksen bezeichnet die moderne Gesellschaft als Informationsgesellschaft. Informationen sind das flüssige Gold des 20. Jahrhunderts.
Was macht das mit uns? Eine mögliche Folge, die Eriksen in seinem Buch aufzählt, ist die Beeinträchtigung unseres Erinnerungsvermögen
Stacking: Warum du immer mehr vergisst
Angesichts ihrer begrenzten zeitlichen Kapazitäten versuchen Menschen mehr Aufgaben und Informationen gleichzeitig zu bewältigen. Dadurch beginnen sie ihre Aktivitäten übereinander zu „stapeln“:
Jeder individuellen Aufgabe oder Information wird ein immer kleiner werdendes Zeitfenster gewidmet. Somit kann immer mehr im gleichen Zeitraum erledigt werden.
Quelle
Eriksen, T. H. (2001). S. 110.
Doch da wir unser Gehirn mit immer neuen Reizen beschallen, fehlt ihm die notwendige Zeit, um Erinnerungen zu festigen. In der Lernforschung bezeichnet man diesen Prozess der Festigung als Konsolidierung.
Konsolidierung stärkt die neuronale Verknüpfung und ermöglicht es dir, leichter auf Wissen zuzugreifen und es besser mit anderen Themen vernetzen zu können. Dieser Prozess ist ausschlaggebend, wenn du dir etwas langfristig merken willst.
Quelle
Brown, P. C., Roediger, H. L., & McDaniel, M. A. (2019). Das merk ich mir! Erfolgreich lernen und für immer behalten mit der Make-it-stick-Methode (I. Brodersen, Übers.; Deutsche Erstausgabe). Goldmann. S. 30f.
Doch zur Konsolidierung benötigt das Gehirn Zeit. Informationen zu verarbeiten kann Stunden, manchmal sogar Tage dauern. Das ist Zeit, die wir in unserem hektischen Alltag oft nicht haben.
Um der Informationsflut zu begegnen, multitasken wir wie verrückt und springen von einem Thema zum nächsten. Doch so verrückt sich der Fokus immer stärker auf Informationsverarbeitung statt Informationsspeicherung.
Durch die ständige Verarbeitung und Einsortierung der vielen Informationen sowie dem ewigen Wechsel zwischen verschiedenen Aufgaben, überreizen wir die mentalen Kapazitäten, die wir für das Erzeugen von Erinnerung benötigen.
Wir sind benommen vom Kommunikations- und Informationsrausch. Der Tsunami der Information entwickelt destruktive Kräfte.
– Byung-Chul Han
Quelle
Han, B.-C. (2021). Infokratie: Digitalisierung und die Krise der Demokratie (Erste Auflage). Matthes & Seitz Berlin. S. 22.
Kurzum: Reizüberflutung führt zu kognitiver Überlastung. Das Resultat: Wir merken uns weniger. Wir vergessen vieles.
Doch in der Informationsflut steckt auch eine Chance: Vergessen ist ärgerlich – keine Frage. Beim Lernen ist es dein größter Feind. Innerhalb kürzester Zeit vergessen Menschen bis zu 70 % der gelernten Inhalte.
Quelle
Brown, P. C., Roediger, H. L., & McDaniel, M. A. (2019). S. 40.
Doch was ist, wenn das Vergessen gar nicht das Problem ist? Was ist, wenn es uns im Kampf gegen die Informationsflut sogar hilft?
Vergessen als Schutzmechanismus
In Anbetracht der enormen Menge an Informationen, mit der du dich tagtäglich konfrontiert siehst, ist es gut, wenn das Gehirn Inhalte vergisst, die keine langfristige Relevanz besitzen.
Stell dir vor, du würdest dich an jede einzelne Information, an jedes Bit erinnern. Was wäre das für ein Chaos in deinem Kopf?
Das Gehirn ist sehr selektiv, was das Erinnern betrifft. Es behält, was unmittelbar wichtig erscheint. Alles andere wird aussortiert oder schlicht nicht wahrgenommen.
Vergessen als Chance: So formst du aktiv dein Gedächtnis
Dadurch kann das Vergessen auch zur Chance werden. Für wichtige Inhalte, die du dir wirklich merken willst, musst du aktiv werden. Vor allem in Bürojobs ist es oft schwierig, direkt zu erkennen, was langfristig wichtig ist.
Zum einen sind die Informationen in der Regel nicht überlebensnotwendig und zum anderen ist es im Zeitalter von E-Mails und Chats einfach zu viel, was täglich auf dich einprasselt.
Deshalb musst du dein Gehirn unterstützen. Du musst ihm signalisieren, welche Informationen langfristig gespeichert werden sollen, indem du es immer wieder mit ihnen konfrontierst.
Das Vergessen ist nicht nur ein Ärgernis. Es ist eine Chance. Es gibt dir die Möglichkeit, deine Erinnerung zu beeinflussen. Du kannst dein Gehirn mit den Informationen füttern, die es speichern soll und es auf diese Weise formen.
Gleichzeitig kannst du dem Prozess des Vergessens entgegenwirken, indem du selbst darüber entscheidest, welche Informationen es sich merkt.
So wie du entscheidest, ob du deinen Körper mit Gemüse oder Pommes versorgst, besitzt du auch ein Mitspracherecht, ob du deinem Gehirn Weisheit oder sinnlose Unterhaltung zuführst und an was du dich davon später erinnern wirst.
Entscheidest du dich für das digitale Äquivalent von Sägemehl und Zuckerwasser oder greifst du zu komplexen Kohlehydraten, die dein Gehirn langfristig gesund halten?
Dein Gehirn ist ein Projekt – nicht irgendeines, sondern dein ganz persönliches. Es ist einzigartig. Zwei Bildhauer können einen Marmorblock bearbeiten. Doch ihre Individualität, Vision und Anstrengung können den Stein zu völlig unterschiedlichen Kunstwerken formen.
Wie wird dein Kunstwerk am Ende aussehen?
Vergessen akzeptieren, Erinnern aktiv gestalten
Wenn du das nächste Mal feststellst, dass du etwas vergessen hast, halte einen Moment inne und frage dich: War mir die Information wirklich wichtig? Habe ich mich überhaupt bemüht, mir sie zu merken? Wenn nicht, dann ärgere dich nicht über das Vergessen.
Stell dir vor, dein Kind zerbricht eine Tasse. Wie wirst du reagieren? Wirst du dich aufregen? Wenn du das tust, dann geht nicht nur die Tasse zu Bruch, sondern auch deine innere Ruhe. Betrachte die Scherben als Preis, den du für Gleichmut zahlen musst.
Quelle
Epiktet (2024). Das kleine Handbüchlein der Moral. Reclams Universal-Bibliothek. S. 18f.
Wenn du Wein verschüttest oder dein Essen missrät, dann reg dich nicht auf. Du hast den Preis für Gleichmut bereits bezahlt. Opfere nicht auch noch deine innere Ruhe. Nur ein Narr zahlt freiwillig den doppelten Preis.
Genauso ist das auch mit dem Vergessen. Ein Mensch, der besser werden will, wird Fehler machen. Ein Mensch, der Geld verdienen möchte, wird auch mal etwas verlieren. Und ein Mensch, der sich etwas merken möchte, wird vergessen. Es ist unausweichlich. Das Vergessen ist der Preis, den du für Wachstum zahlen musst.
Also ärger dich nicht. Übernimm stattdessen Verantwortung für deinen Lernprozess. Wenn du überzeugt bist, dass eine Information wichtig ist, dann musst du aktiv werden.
Das Vergessen kannst du nicht kontrollieren. Das Erinnern hingegen schon.
Du willst mehr Kontrolle über das, was in deinem Kopf bleibt?
Hier schreib ich regelmäßig, wie wir in der Informationsüberflutung den Verstand behalten – ohne Rauschen, ohne Algorithmus.
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