Als kleiner Junge trank ich an manchen Wochenenden literweise Cola. Wenn ich das heute jemandem erzähle, fragen sie mich entsetzt:

Wie konnten deine Eltern nur so fahrlässig sein?

Die Wahrheit ist simpel: Mein Vater sorgte sich sehr wohl um mich. Er kannte das Getränk eben aus der Werbung und es schmeckte uns.

Sicherlich hätte er ahnen können, dass meine Vorliebe für Cola hauptsächlich in dem Kilo Zucker pro Liter begründet war.

Doch er wollte mir definitiv nicht schaden. Im Gegenteil: Er wollte mir etwas Gutes tun.

Inhaltsverzeichnis

  1. Wissen reicht nicht.
  2. Überall Versuchungen
  3. Der Mythos Willenskraft
  4. Die Dosis macht das Gift.
  5. Die Schuldfrage
  6. Eine all(zu)tägliche Geschichte
  7. Unfaires Spiel
  8. Quellen

Wissen reicht nicht.

Viele Erwachsene kennen heute die Auswirkungen von Softdrinks und Junkfood auf die Gesundheit.

Doch obwohl sie besser informiert sind, fällt es ihnen nicht unbedingt leichter, bessere Entscheidungen zu treffen.

In der Fußgängerzone sehe ich regelmäßig Kinder mit Energydrinks in der Hand, finanziert von den Eltern, die daneben stehen und sich wundern, warum ihr Sohn plötzlich aufdreht.

Vielleicht ändern sich manche Dinge also nie und die Cola von damals ist der Energydrink von heute.

Vielleicht sind wir aber auch informierter und manipulierter denn je.

Denn was sich definitiv nicht geändert hat, ist, dass Konzerne und ihre Marketingabteilungen die Menschen von Kindesbeinen an mit bunten Farben und knalligen Aufschriften ködern.

Meine Nichte steht z.B. auf „Paw Patrol“. Das sind diese kleinen Hunde in Polizei- und Feuerwehruniform, mit denen zurzeit alles bedruckt wird, was Kinder tragen können. Und passend zur Serie gibt's Kuchen, Kekse und Müsli in allen Sorten.

So können Kinder keinerlei Abwehrkräfte gegen Werbemanipulation entwickeln. Und spätestens ab dem Kindergartenalter lernen sie, was sie zu wollen haben.

Doch diesen gezielten Kampagnen fallen nicht nur kleine Kinder zum Opfer. Sie begleiten auch Erwachsene wie ein hartnäckiger Tinnitus durch den Alltag.

Überall Versuchungen

In Supermärkten verlocken uns farbenprächtige Dosen zum Kauf, weil die Influencer genau verstehen, dass das Äußere ihres Energydrinks das einzige Alleinstellungsmerkmal ist.

Fastfoodketten platzieren ihre Restaurants strategisch an jeder Hauptverkehrsader wie eine Radnetzspinne und warten darauf, dass die natürliche Strömung ihnen ihre Beute ins Netz treibt.

Und dank unserer Smartphones müssen sich Werbeagenturen nicht mehr auf Plakate und Fernsehen begrenzen, sondern erhalten auch Eintritt ins Bad und ins Schlafzimmer.

Alles ist käuflich. Alles ist zugänglich. Und dieser Luxus ist tückisch.

Frank Herbert schreibt in Dune:

Die Nähe von etwas, wonach es uns verlangt, verleitet uns zu übermäßigem Genießen.“

Kurzum: Zugänglichkeit verleitet.

Das Chipssortiment stellt uns bei jedem Einkauf vor die quälende Frage: lieber klassisch mit Paprika oder doch etwas Exotisches wie Nacho Cheese oder Chakalaka?

Dein Smartphone vibriert, klingelt und bimmelt währenddessen die ganze Zeit. Es ist ein bisschen wie Mike Tyson. Erst knabbert es dir das Ohr ab und dann befördert es dich ins Delirium.

Und selbst wenn es mal zehn Minuten am Stück die Klappe hält, lockt es dich mit dem kostenlosen Zugriff auf die große weite Welt der modernen Unterhaltungskultur.

Und weil wir gerade schon von kostenlosem Zugriff sprechen: Ein einfaches „Sicherlich bin ich über 18 Jahre alt“ öffnet jedem kleinen Kind die Tür zu Millionen Stunden an Pornografie.

Noch bevor unsere Kinder also wissen, wie sich ein echter Kuss anfühlt, können sie sich Analsex in Dauerschleife reinziehen. Das nenne ich Fortschritt.

Der Mythos Willenskraft

Alles ist jederzeit und überall verfügbar. Und wir? Wie wehren wir uns gegen dieses ständige Bombardement?

Mit Willenskraft. Mit Disziplin.

Lächerlich.

Kentucky Fried Chicken, TikTok und Tittenbilder fressen deine Disziplin zum Frühstück. Unter so einem konstanten Leistungsdruck verkrümelt sich deine Willenskraft schneller als dein letzter One-Night-Stand.

Stell dir Willenskraft wie einen Deich vor. Die Versuchungen sind das Meer auf der anderen Seite. Und an jedem neuen Tag beginnt das Spiel der Naturgewalten von vorne.

Sobald du aufwachst, kentert die Tide:

  • Der Blick auf dein Smartphone, während du noch im Bett liegst.
  • Der Podcast, der schon beim Anziehen im Bad schallt.
  • Die TikTok Videos, die dich beim Frühstück begleiten.

Anders als in der Natur dauert es heutzutage nur wenige Minuten, bis das Meer der Ablenkungen Hochwasser erreicht. Und der Deich deiner Willenskraft versucht verzweifelt das Überlaufen zu verhindern.

Großkonzerne und Techunternehmen sind in diesem Spiel alles andere als hilfreich. Durch gezielte Werbung und geschickte Algorithmen platzieren sie zu allem Überfluss einen überdimensionalen Feuerwehrschlauch auf der anderen Seite, der die Wassermassen antreibt.

Es ist, als reichte man einem Ertrinkenden ein Glas Wasser oder als hätten dir deine Eltern damals Schwimmflügel angezogen, nur um dir ein Loch rein zu stechen.

Egal, wie viel Willenskraft du besitzt, irgendwann wird der Deich den Wassermassen weichen.

Spätestens, wenn du nach einem anstrengenden Arbeitstag nach Hause kommst, du müde und erschöpft bist und einfach nur ein bisschen abschalten willst, da bröckelt sie.

Schon sitzt du mit der Chipstüte auf der Couch, schaust mit einem Auge fern und mit dem anderen auf deinen social feed.

Es ist übrigens kein Zufall, dass der „feed“ auf Social Media „füttern“ bedeutet. Menschen sorgen sich um den Speck auf ihren Hüften, aber machen sich keine Gedanken darüber, dass ihr Hirn vor lauter TikTok adipös wird.

Die Dosis macht das Gift.

Nur um es klarzustellen: Ich esse Burger, Pizza und Schokolade wie jeder andere. Du könntest sogar argumentieren, ich sei ein besonders hoffnungsloser Fall, weil ich auf threads unterwegs bin.

Das Problem ist nicht die Nutzung, sondern die Übernutzung. Das „übermäßige Genießen“, wie es Frank Herbert nannte.

4 Stückchen Schokolade – schön und gut. 4 Tafeln – problematisch. 30 Minuten Social Media – stärkt das Netzwerk. 3 Stunden – schmoren das Netzwerk in deinem Kopf.

Und wenn du ab und zu mal auf Pornografie zurückgreifst, sei's drum. Aber irgendwann wird das Ding doch wund.

Die Dosis macht das Gift. Doch die allgegenwärtige Verfügbarkeit und der ständige Anreiz zum Zugreifen verwandeln unproblematisches Verhalten in einen Giftcocktail.

Der Deich läuft über und du säufst ab.

Während wir in der westlichen Welt dank gesteigertem Wohlstand nicht mehr unseren Grundbedürfnissen hinterherrennen müssen, haben Großkonzerne einen Weg gefunden, uns mit unseren Wünschen zu versklaven.

Wir suchen Kontakte und werden mit billigem Dopamin überschüttet. Auf der Suche nach Individualität verlieren wir uns online in Fast Fashion. Und statt der Intimität, die wir uns wünschen, bekommen wir Furrys, Futas und Fußfetisch in Endlosschleife.

Und so ertrinken wir allmählich im Überfluss.

Die Schuldfrage

Doch wer kann an diesen endlosen Versuchungen etwas ändern?

Die Konzerne, die seit Jahren psychologische Tricks nutzen, um ihre Geschäftsmodelle zu optimieren, werden wohl kaum ihren Kurs zum Wohle des Nutzers ändern.

Aufmerksamkeit ist ihre Währung und deine Lebenszeit füllt ihre Taschen mit Geld.

Doch wer steht dann in der Verantwortung?

Als 13-jähriger Junge entdeckte ich World of Warcraft. Das Spiel verschluckte mich vom ersten Log-in an und ist mit hoher Wahrscheinlichkeit die beste Erklärung für meinen frühzeitig einsetzenden schulischen Ruin.

Die Entwickler platzierten damals auf dem Ladebildschirm des Spiels gut gemeinte Ratschläge:

Man sollte alles in Maßen genießen (sogar World of Warcraft)!

WoW oder: warum Willenskraft scheitert.

Aber gut gemeint ist bekanntlich nicht immer gut gemacht. Und wenn dein Produkt eines der besten und unwiderstehlichsten Spiele seiner Zeit ist, was interessiert es dich als Entwickler, ob deine Nutzer Maß halten?

Und genau das ist die Logik der Aufmerksamkeitsökonomie: Entwickle Produkte, sodass sie möglichst lange die Augen auf den Bildschirm fesseln. Selbst Tricks aus Glücksspielen gehören dabei zum guten Ton, denn Engagement bedeutet Dollars.

Und wenn der Nutzer die Kontrolle über sein Verhalten verliert, darf er sich anhören, er sei doch selbst für seine Bildschirmzeit verantwortlich.

Das gleiche Prinzip, das mich damals an die Welt von Azeroth fesselte, gilt übrigens auch im Supermarkt.

Der „Glückspunkt“ ist kein anatomisches Merkmal einer Frau, nach dem Männer verzweifelt suchen, sondern bezeichnet die ideale Mischung aus Zucker, Salz und Fett, die das Belohnungssystem des Gehirns optimal aktiviert.

Hinter Lebensmitteln steckt eine Wissenschaft, die den Kunden zum wiederholten Konsum anregen soll. Aber die Verantwortung für den Speck auf deinen Hüften, sagen sie dir, trägst letztendlich du.

Und diese Ansicht ist nicht völlig falsch. Natürlich tragen wir alle Verantwortung für unser Verhalten.

Und so war auch ich früher der strikten Meinung, jeder Mensch sei doch selbst dafür verantwortlich, wie viele Marsriegel er sich zwischen die Kiemen schiebt. Du wirst ja schließlich nicht von Magerquark dick.

Heute sehe ich das etwas differenzierter. Stell dir folgende Situation vor, denn sie könnte dir bekannt vorkommen:

Eine all(zu)tägliche Geschichte

Es ist 15 Uhr. Du sitzt in deinem Bürostuhl und atmest endlich einmal durch. Nur fünf Minuten. Weiß Gott, du hast es dir verdient.

Da es im Unternehmen momentan alles andere als rosig aussieht, warst du heute bei einigen angespannten Terminen anwesend. Zwischendrin musstest du lästige To-dos und ein paar komplexe Kundenanfragen bearbeiten.

Wann ist eigentlich Feierabend?, fragst du dich. Und die Uhr auf deinem Bildschirm antwortet prompt: Noch lange nicht, du faules Stück.

Und während deine Gedanken zum ersten Mal an diesem Tag etwas Ruhe finden, da hörst du sie, diese altbekannte Stimme. Dieser „Freund“, der immer nur das „Beste“ für dich will.

Und er sagt zu dir: „_Du brauchst jetzt irgendwas. Nur 'ne Kleinigkeit, aber irgendwas Positives muss dieser Tag doch an sich haben.“

Und dann fällt es dir ein.

Dieses kleine Körblein, das dir dein Chef neulich aus der unvorstellbaren Güte seines Herzens für deine vielen Überstunden ins Zimmer gestellt hat.

Kein Obstkorb, nein. Er will ja nur das Beste für dich. Und so beginnen deine Gedanken unaufhörlich wie ein Karussell mit Kurzschluss um diesen kleinen Naschkorb zu kreisen.

Darin liegen unzählige, höchstwahrscheinlich abgelaufene, aber bestimmt immer noch sehr köstliche Schokoriegel in Miniaturform. Und du?

Du widerstehst.

Für den Strandkörper, versteht sich, und arbeitest weiter.

Als du um 17 Uhr endlich deinen Laptop zuklappst, damit dich die Welt – oder zumindest diese lästigen Kunden – wenigstens bis morgen am Arsch lecken können, läufst du wie in Trance den gewohnten Weg zur U-Bahn.

Und da wartet sie schon auf dich.

Eine Armada an Automaten, gefüllt mit diesen unwiderstehlichen NicNacs, von denen du genau weißt, dass sie nur zwei Euro kosten, weil du diesen Kampf in den letzten Jahren schon unzählige Male ausgeführt und unzählige Male verloren hast. Aber nicht heute.

Du widerstehst.

Wie ein Reh auf der Flucht springst du in die nächste U-Bahn. Hier bist du sicher – denkst du.

Du ziehst dein Smartphone aus der Hosentasche und öffnest Instagram. Nichtsahnend, dass der Algorithmus schon längst weiß, was du jetzt brauchst.

Er serviert dir eine makabere Melange aus Fitnessshorts und Essensrezepten. Genau die richtige Giftmischung, um dir deine Faulheit nach Feierabend und deine Lust auf ungesunde Snacks vorzuwerfen.

In diesem mentalen Nebel vergeht die Fahrt wie im Flug. Endstation. Frustrierter als zuvor steckst du dein Smartphone in die rechte Hosentasche und steigst aus.

Jetzt nur noch schnell zur Rewe. Zum Bäcker. Dann hast du's geschafft.

Doch als wärst du nicht schon verzweifelt genug, fällt dir im Supermarkt auf, dass sich alle Puddingsorten dieser Welt, die sich die Menschheit in über 300.000 Jahren brillanter Evolution ausdenken konnte, wie durch eine finstere Fügung des Schicksals auf genau deiner Augenhöhe befinden.

Du widerstehst.

Gehst zum Bäcker. Die Nussschnecke rekelt sich um Aufmerksamkeit ringend vor deinen Augen wie Heidi Klum für Intimissimi. Was wolltest du eigentlich hier?

Ach ja, richtig, Roggenbrot. Das ist doch viel leckerer als eine Nussschnecke. Und diese Nussschnecke und ihre Tochter aus der Werbung sind doch eh peinlich.

Du widerstehst.

Nur noch dieses letzte Mal. Du kaufst das verheißungsvolle Roggenbrot und gehst stolzer Brust nach Hause. Wieder einen Tag überstanden.

Doch zu Hause wartet sie auf dich – die Liebe deines Lebens. Und sie sagt zu dir:

Schaaatz, mir ist kalt. Ich hab Lust auf was Warmes. Soll ich uns 'nen Pudding kochen?'

Und du denkst: Scheiße. Jetzt haben sie mich. Aber wie sollte ich diesen flehenden Welpenaugen widerstehen?

Unfaires Spiel

So oder so ähnlich geht es vielen Menschen heutzutage. Sie widerstehen und widerstehen und widerstehen – den ganzen Tag. Sie müssen widerstehen, denn das haben sie sich nicht ausgesucht.

Ich glaube, dass viele Menschen nicht undiszipliniert sind, sondern einfach müde und überspannt von diesen kontinuierlichen Reizen.

Und irgendwann, wenn der Deich bricht und das Wasser sie überschwemmt, dann zeigen die Finger der Industrie auf sie.

Wenn ein Mensch ertrinkt und alle anderen dabei zusehen, auch wenn sie helfen könnten, dann nenne ich das grausam.

Aber wenn Konzerne Kinder mit zuckrigen Getränken locken und Apps wie digitale Kasinos gestalten und uns am Ende die Schuld für unser Verhalten geben, dann nennen sie das Geschäftsmodell.

Früher dachte ich, jeder sei selbst für seinen Konsum verantwortlich und das stimmt immer noch – bis zu einem gewissen Grad.

Heute weiß ich, dass das Spiel nicht ganz fair ist. Die Techunternehmen, die Werbe- und auch die Lebensmittelindustrie – sie alle spielen mit gezinkten Karten.

Doch wer das Spiel durchschaut, verliert zumindest nicht mehr jede Hand.

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PS: Besser als sich auf Willenskraft zu verlassen, funktionieren Gewohnheiten. Falls du dabei etwas Unterstützung brauchst, helfen dir diese 3 Artikel:

  1. Vergiss Disziplin: Wie Routinen dich wirklich erfolgreich machen
  2. 4 Regeln für mehr Fokus in deinem Alltag.
  3. Chaos im Kopf? Digitalen Stress durch analoge Planung besiegen.

Und falls du mehr darüber erfahren willst, wie Techunternehmen dir deine Aufmerksamkeit stehlen und deine Willenskraft untergraben:

  • Der Journalist Johann Hari hat darüber ein ganzes Buch mit dem Titel „Abgelenkt“ geschrieben.
  • Der Experte und ehemalige Google-Mitarbeiter Tristan Harris hat deshalb sogar die Organisation „Center for Human Technology“ mit ins Leben gerufen.

Quellen

Herbert, F. (2016). Dune—Der Wüstenplanet (J. Schmidt, Übers.; 14. Aufl.). Penguin Random House.