Manche Menschen laufen gebückt durch's Leben. Sie wollen nicht auffallen. Sie wollen ihre Ruhe.
Ich kenne das. Am Ende meines ersten Praktikums in der Personalabteilung empfahl mir mein Betreuer:
"Tue Gutes und rede darüber. Du machst gute Arbeit, also zeig sie anderen."
Bis heute fällt mir das schwer. Ich erledige lieber meine Arbeit als über sie zu reden. In der Regel führt das auch zu guten Ergebnissen. Also denke ich mir: Lass die Arbeit für sich sprechen.
Doch hin und wieder überrascht es mich, dass Menschen in meinem Arbeitsumfeld gar nicht wissen, was ich alles schaffe. Selbst wenn du gute Arbeit leistest, spricht sie nicht automatisch für dich, als wäre sie mundfaul.
Deshalb fühlten sich die ersten Social Media Beiträge so seltsam an. Es war unangenehm, mich der Welt zu präsentieren. Mit all den Fehlern, die ich in mir trage. Als befürchtete ich, ein Fremder könne meine Makel sehen, indem er meine Beiträge liest oder Fotos von mir sieht.
Genau deshalb polieren wir unseren Onlineauftritt wie der stolze Nachbar seinen Mercedes am Sonntag. Wir zeigen, wie wir wahrgenommen werden wollen und nicht, wie wir tatsächlich sind.
Doch so war ich nie. Als Hobbymusiker mochte ich meine Instrumente immer am liebsten, wenn sie ihre ersten Macken trugen. Die Schramme vom letzten Auftritt. Der Kratzer, weil man unvorsichtig war, der jetzt aber irgendwie mit dazugehört.
Wenn etwas kaputt ist, nimmt mir das eine große Last. Der erste Schaden ist angerichtet. Was soll jetzt noch passieren?
Über mich selbst denke ich oft ganz genauso. Da ich seit meiner Jugend schon einen Knacks weg habe, nimmt mir das den Druck, als Erwachsener perfekt sein zu müssen. Was schon beschädigt ist, muss nicht mehr versuchen, unbeschadet durchs Leben zu tanzen.
Vielleicht ergab es damals aus genau diesem Grund Sinn für mich, mir selbst weh zu tun. Wenn ich anderen Menschen zuvorkomme, können sie mir nichts mehr anhaben.
Bis heute trage ich eine Narbe an der rechten Seite meines Bauches. Als Teenager schnitt ich mir dort mit einem Messer die Haut auf. Als hätte ich nach etwas gesucht, was mir zu Hause fehlte. Irgendein Licht, das diesen Schatten aus meinem Leben vertreibt.
Gefunden habe ich nichts. Eine Erklärung für den Hass, den ein Mensch auf dich als Kind hat, findest du nicht in einer Wunde. Nicht einmal Schmerzen findest du dort. Nur Blut. Seltsam.
In meiner Jugend zog ich mich gerne zurück. Das fing irgendwann mit 13 an, als ich World of Warcraft und das world wide web für mich entdeckte. Das Internet als Auffangstation für einen Jugendlichen, der nicht wusste, wo er hingehört.
Youtube, World of Warcraft und Internetpornografie. Ein einziger Dopaminrausch. Wahrscheinlich der giftigste Cocktail, den die digitale Welt einem jungen Mann mischen kann. Pure Betäubung.
Das Internet malt mit Neonfarben. Dagegen wirkt die Realität ernüchternd wie eine Bleistiftzeichnung. Kein Wunder also, dass ich das Interesse am echten Leben verlor.
Da hatte ich es also nun, mein verborgenes Dasein in der Onlinewelt. Bis ins Studium blieb ich ein ziemlich zurückgezogener Mensch. Anfang 20 waren meine Vitamin D Werte so im Keller, dass mich mein Arzt mit einem MS-Patienten verglich.
Wenn ich ehrlich bin, hat sich bis heute nur wenig daran geändert. An die frische Luft gehe ich zwar regelmäßig, doch abgesehen von meiner Familie pflege ich kaum tiefgründige Kontakte. Bloß keine Beziehungen eingehen. Du könntest noch etwas für andere Menschen empfinden. Und dann bist du ihnen verpflichtet.
Doch dieses verborgene Dasein ist auch eine Last. Du entziehst dir selbst die Wertschätzung, die andere so mühelos einfordern, indem sie sich zeigen. Eine Wertschätzung, die auch du erfahren möchtest.
Doch um sie zu erhalten, müsstest du dich zeigen und dafür bist du - nennen wir das Kind doch beim Namen - zu feige. So nimmst du dir eine grundlegend menschliche Erfahrung. Und das ist langfristig kein schönes Dasein.
Wenn du gebückt durch's Leben gehst, kriegst du irgendwann Rückenschmerzen. Und diese Schmerzen kriegst du nicht durch ein paar Sportübungen weg. Sie sitzen im Kopf. Und dort pocht der Schmerz besonders beharrlich.
Je kleiner du dich machst, desto eher übersehen dich die anderen. Denn wenn du versuchst, nicht aufzufallen, wirst du irgendwann tatsächlich unsichtbar für die Gesellschaft.
Dagegen gibt es nur ein einziges Heilmittel:
Zeig dich. Deine Persönlichkeit. Mit all ihren Fehlern. Hör auf sie für die Öffentlichkeit zu polieren. Das glaubt dir sowieso niemand.
Zeig dich. Deine Ergebnisse. Deine Leistungen. Deinen Fortschritt. Zeig dich der Welt. Geh ihr erhobenen Hauptes entgegen. Wenn's sein muss, auch auf Zehenspitzen, damit dich jeder sieht.
Zeig dich. Nicht nur, wenn du es willst, sondern vor allem dann, wenn du dir nichts schlimmeres vorstellen könntest.
Brust raus. Volle Kraft nach vorne. Zeig dich!
Ich verspreche dir, auch ich werde es weiterhin tun.
Indianerehrenwort.
Don't worry, even if things end up a bit
Too heavy, we'll all float on, alright
- Float on by Modest Mouse