Eine Woche vor seinem Tod sagte mein Vater zum ersten Mal in meinem Leben zu mir: „Markus, mir geht's nicht gut.“
Gut gemeinter Rat
Mein Vater riet mir stets, ich müsse nicht immer stark sein. Wenn ich im Winter mal wieder in einen See sprang, lächelte er über meinen unbeholfenen Tapferkeitsbeweis.
Antwortete ich hingegen am Telefon, mir gehe es gut wie immer, dann erinnerte er mich, ich dürfe auch Gefühle zeigen. Dürfe zugeben, wenn der Schuh drückt.
Doch obwohl er mich dazu ermutigte, offen mit meinen Gefühlen umzugehen, konnte er sich selbst diese vermeintliche Schwäche nie zugestehen.
Zwar erzählte er mir von seiner schweren Vergangenheit: von seiner Kindheit in der Nachkriegszeit, seiner Jugend im Heim und den bitteren Trennungen in seinem Leben.
Doch ich erinnere mich nicht, dass er jemals zu mir sagte, es ginge ihm im Hier und Jetzt schlecht.
Und deshalb war ich baff, als er zugab: „Mir geht's nicht gut.“
Typisch Papa, denke ich mir heute. Es brauchte eine Operation und darauf eine Lungenentzündung, bis er mir gegenüber Schwäche zeigte.
Als er es tat, konnte ich endlich einmal den Spieß umdrehen. Nicht er musste jetzt als Vater für mich da sein, sondern ich als Sohn für ihn.
Und auch wenn es schwerfällt, fühlt es sich trotzdem gut an: Stark sein für diejenigen, die es schon so oft für uns waren. Ein kalter See ist dafür nur die Aufwärmübung.
Atemnot
Als wir später gemeinsam auf den Krankenwagen warteten, weil mein Vater an der Luft zu ersticken schien, da sagte er völlig außer Atem:
„So schwach kennst du mich gar nicht“, als müsse er sich für sein Sterben schämen.
Und ich dachte: „Ja, Papa, so kenne ich dich gar nicht. Du musstest ja immer stark sein für uns.“
Und mein Vater war stark. Daran besteht für mich kein Zweifel.
Aber vielleicht ist auch Schwäche zeigen eine Stärke.
Wahre Stärke.
Im Alltag sagen wir vieles, um unsere Fassade zu wahren: „Alles gut“, „Alles beim Alten“ und in Franken auch gerne mal „Passt schon“.
Und ich versteh's. Es wäre zu anstrengend, jedem Fremden unser Herz auszuschütten.
Aber was, wenn wir uns durch jedes „Alles gut“ und jedes „Passt schon“ ein Stückchen mehr antrainieren, unsere echten Gefühle zu vertuschen – auch gegenüber den Menschen, von denen wir uns Hilfe wünschen?
Unsere Emotionen sind keine schlechten Gewohnheiten.
Du darfst zugeben, wenn es dir nicht gut geht.
Du darfst Schwäche zeigen.
Nicht „Alles ist gut“, sondern „Mir geht's schlecht“.
Nicht „Passt schon“, sondern „Ich brauch Hilfe“.
Wenn du nie sagst, wie du dich wirklich fühlst, wie soll dir jemals jemand helfen?
Vielleicht sage ich das auch eher zu mir als zu dir.
Weiß Gott, auch ich muss das noch lernen.
Der Apfel fällt anscheinend wirklich nicht weit vom Stamm.
Auch wenn der Baum bereits vergangen ist.
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Falls dir mein Artikel „Schwäche zeigen“ gefallen hat, findest du einen weiteren Impuls hier: Albus Dumbledore über Alter und Jugend – Kurzimpuls #1
Und falls du dich näher mit dem Thema „Verletzlichkeit“ auseinandersetzen willst, empfehle ich dir den TED-Talk „The power of vulnerability“ von René Brown.
Sei gut zu dir.