Stell dir vor, jemand bricht bei dir ein, während du zu Hause bist. Wie reagierst du? Bittest du ihn herein? Bietest du ihm Kaffee und Kuchen an?

Im digitalen Alltag tun wir genau das: Benachrichtigungen, E-Mails und zahllose Ablenkungen treten ein, wann immer sie wollen. Da wir aber anderes zu tun haben, gewöhnen wir uns an, diese Ablenkungen nebenbei zu bearbeiten.

Wir multitasken wie Profis und denken, das ist normal. Aber was, wenn diese Gastfreundschaft gegenüber digitalen Ablenkungen uns schadet?

In diesem Artikel geht es um die Multitasking Illusion und wie du die Tür für unerwünschte Aufmerksamkeitsdiebe schließen kannst.

Inhaltsverzeichnis

  1. Unser digitales Schlaraffenland
  2. Meine persönliche digitale Story
  3. Der multitaskende Autopilot
  4. Der Mensch – ein geborener Multitasker?
  5. Multitasking: Oft nur die halbe Wahrheit
  6. Multitasking vs. Multifokussierung
  7. Die Nachteile der Multifokussierung
  8. Zwischenfazit: Die Multitasking Illusion
  9. 3 Strategien gegen die Multitasking Illusion
    1. 1. Eine Sache nach der anderen
    2. 2. Cold Turkey: Verzicht
    3. 3. Bessere Verhaltensweisen etablieren
  10. Cleanin' out my closet

Unser digitales Schlaraffenland

Die digitale Welt gleicht einem Informationsbankett. Im Netz kursieren mehr Informationen, als wir konsumieren können. Nie war die Medienlandschaft so vielfältig.

Dieses digitale Schlaraffenland kann eine Quelle der Inspiration sein. Doch es hat auch eine Kehrseite. Wir beschallen uns an einem Tag mit mehr Informationen, als unsere Vorfahren in einem Leben verarbeiteten.

Der spanische Medienwissenschaftler Ignacio Ramonet berechnete, dass wir innerhalb der 50 Jahre seit Mitte des 20. Jahrhunderts mehr Informationen produzierten, als während der gesamten letzten 5000 Jahre1.

Dieses Meer an Möglichkeiten führt zu einem Ozean verpasster Chancen. Junge Menschen kennen dafür einen passenden Begriff: FOMO, die Fear Of Missing Out, bezeichnet die Angst, etwas zu verpassen. Wir können das digitale Überangebot nicht realisieren und das bereitet uns Kummer.

Digitales FOMO ist ein Problem. Die Angst, etwas zu verpassen, blutet in die Realität über. Wir hören auf, den echten Moment zu genießen.

Laut einer Studie aus dem Jahr 2015 zeigen viele Smartphone-Nutzer eindeutiges Suchtverhalten. Dies äußert sich in Unbehagen und gedanklicher Fixierung auf das Endgerät, wenn es nicht verfügbar ist2.

Vielleicht gehörst du zu der Gruppe, die ihren digitalen Konsum im Griff hat. Vielleicht tut dir aber auch ein Realitätscheck gut. Guck doch mal auf deine Bildschirmzeit am Handy. Merkst du überhaupt, wie oft du zum Smartphone greifst?

Meine persönliche digitale Story

Wie leicht man in diesen Strudel aus Ablenkung gerät, weiß ich. Auch ich muss mich wie alle anderen in dieser digitalen Welt zurechtfinden. Schon in meiner Jugend verbrachte ich unzählige Stunden in World Of Warcraft.

Selbst mit 30 Jahren fällt es mir schwer, diesen Reizen zu widerstehen. Youtube ist bis heute mein guilty pleasure - ein Mitbringsel aus meiner Jugend. Lange redete ich mir ein, dass Youtube meine Neugier befriedigte. Dabei war es pure Betäubung.

Auch vom Handyzwang bin ich nicht frei. Als ich dieses Jahr anfing, Aktienkurse zu verfolgen, veränderte sich mein Nutzungsverhalten. Jedes Hoch an der Börse ein Jubelruf. Jedes Tief eine bittere Ernüchterung. Ich kam mir vor wie ein Glücksspielsüchtiger.

Mittlerweile hab ich das wieder im Griff. Doch es hat mir vor Augen geführt, wie schnell man in solche ungesunden Verhaltensweisen zurückfallen kann. Diese Einbrecher sind schlau. Sie treten dir nicht die Tür ein. Sie schleichen sich herein. Du bemerkst sie nicht.

Was mir aber vor allem auffällt, ist, dass ich früher selten nur eine, sondern gerne auch mal zwei Sachen gleichzeitig machte. Während ich Youtube guckte, scrollte ich am Handy oder shoppte in einem separaten Tab auf Amazon. Ein Reiz war selten genug.

Dieses ständige Wechseln zwischen verschiedenen Aktivitäten ist ein klassisches Beispiel für Multitasking – ein Mechanismus, der oft unbewusst abläuft. Aber wie funktioniert Multitasking und warum ist es problematisch?

Der multitaskende Autopilot

Wenn die To-dos überhandnehmen, versuchen Menschen möglichst viele Dinge gleichzeitig zu erledigen. Das ergibt erst mal Sinn: Je mehr du gleichzeitig machst, desto mehr kannst du erledigen… oder?

Multitasking bezeichnet die Ausführung von mindestens zwei Tätigkeiten innerhalb derselben Zeiteinheit - wie ein Computer, der mehrere Prozesse gleichzeitig ausführt.

Studien weisen darauf hin, dass vor allem digitale Medien Multitasking fördern: Aktivitäten, die vorher physisch oder zeitlich getrennt voneinander stattgefunden haben, fallen digital zusammen3. In einem Meeting in Präsenz E-Mails zu bearbeiten, ist unhöflich. Findet das Meeting hingegen online statt, ist es gängige Praxis.

Computer und Smartphones vereinen viele Technologien in einem Gerät. Das birgt jedoch auch Herausforderungen. Ihre Leistungsfähigkeit erlaubt es, eine Vielzahl an Anwendungen gleichzeitig auszuüben. Und das tun wir dann auch. Ohne darüber nachzudenken. Die Möglichkeit heiligt die Mittel.

Warum ist das so verführerisch? Jede neue Benachrichtigung, jeder Wechsel löst einen kleinen Dopamin-Kick im Gehirn aus, der uns dazu verleitet, dieses Verhalten zu wiederholen. So wird Multitasking zu einem festen Bestandteil unserer Arbeitsweise. Doch tut uns das gut?

Der Mensch – ein geborener Multitasker?

Dass Menschen gute Multitasker sind, steht im heutigen Diskurs unter scharfer Kritik. Wissenschaftliche Untersuchungen ergeben, dass das Gehirn ständig zwischen den Aufgaben umschaltet, statt sie gleichzeitig auszuführen4.

Dieser Wechsel verbraucht kognitive Kapazitäten wie Aufmerksamkeit. Das führt langfristig zu mentaler Erschöpfung. Die durch Multitasking entstehende Belastung hat sogar einen Namen: task switch costs, also Kosten des Aufgabenwechsels.

Stell dir vor, du liest gerade ein anspruchsvolles Buch. Plötzlich setzt sich jemand neben dich und verblättert dir ständig die Seiten. Immer wieder musst du Zeit und Mühe investieren, um den letzten Absatz wiederzufinden. Nach einer halben Stunde klappst du frustriert das Buch zu.

Das sind die task switch costs. Genau so fühlt es sich für dein Gehirn an, wenn du ständig zwischen verschiedenen Aufgaben hin und her wechselst. Und das machen wir in der digitalen Welt den ganzen Tag.

Das Problem: Der ständige Wechsel ist von außen nicht zu erkennen. Was wir nicht sehen, bleibt oft unbemerkt. So entsteht der Eindruck, dass wir mehrere Dinge gleichzeitig tun, doch in Wirklichkeit wechseln wir im Eiltempo zwischen verschiedenen Tätigkeiten hin und her.

Multitasking: Oft nur die halbe Wahrheit

Multitasking ist ein gutes Beispiel für das Wort des Jahres 2006 in den USA. Truthiness beschreibt eine subjektive Wahrheit, die einem Bauchgefühl und nicht den Fakten entspricht5.

Wir glauben an unsere Fähigkeit, uns auf mehrere Dinge gleichzeitig konzentrieren zu können. Dieser Glaube ist falsch: Multitasking ist keine effektive Methode, um mehr zu erledigen. Es ist eine effektive Methode, um weniger zu erledigen. Genau das ist die Multitasking Illusion.

Da wir die negativen Effekte des Multitaskings nicht sehen können, überschätzen wir unsere Fähigkeit dazu. Das ist ein klassischer Fall des Dunning-Kruger-Effekt: Wenn du denkst, du wärst produktiv, wie sollst du dann begreifen, dass du in Wirklichkeit unproduktiv bist?

Multitasking vs. Multifokussierung

Berechtigterweise wenden Kritiker bei der Diskussion bzgl. Multitasking ein, dass Menschen durchaus in der Lage sind, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun. Wir können z.B. Kochen und dabei einem Podcast zu folgen.

Wichtig ist daher eine Unterscheidung zwischen Multitasking und Multifokussierung. Mehrere Dinge gleichzeitig zu tun ist möglich, solange nicht beide Tätigkeiten aktive Aufmerksamkeit erfordern. Eine der beiden Aktivitäten muss auf Autopilot laufen6.

Du kannst Kochen und Podcast hören. Wenn das Nudelwasser aber überkocht, kriegst du vom Podcast nichts mehr mit.

Nicht das Multitasking selbst ist der Feind […], sondern die Tatsache, dass wir vorgeben, uns auf mehrere Sachen gleichzeitig konzentrieren zu können
- Greg McKeown7

Das ist eine wichtige Unterscheidung. Multifokussierung führt zu task switch costs. Und die kommen uns teuer zu stehen:

Die Nachteile der Multifokussierung8

  • Geringeres Arbeitstempo: Die vielen Wechsel zwischen verschiedenen Aufgaben kosten Zeit, denn das Gehirn muss jedes Mal seinen Fokus neu ausrichten.
  • Höhere Fehleranfälligkeit: Durch den anspruchsvollen Wechsel gehen auf dem Weg Informationen verloren. So schleichen sich leichter Fehler ein, von kleineren Tippfehlern bis hin zu vergessenen Angaben.
  • Eingeschränkte Kreativität: Das Gehirn benötigt ablenkungsfreie Zeit, um Informationen zu festigen und Zusammenhänge herzustellen. Kreativität entsteht in den Lücken - und Lücken sind rar, wenn du dauernd beschäftigt bist.
  • Schwächeres Gedächtnis: Der Wechsel zwischen verschiedenen Aufgaben verbraucht mentale Kapazitäten, die für die Bildung von Erinnerungen notwendig sind. Worum ging es in diesem Meeting noch mal?
  • Verminderte Aufmerksamkeit: Häufiges Multitasking kann die langfristige Konzentrationsfähigkeit schwächen. Du gewöhnst dein Gehirn an die Suche nach dem nächsten Dopamin-Kick (ein Effekt, der einem Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom ähneln kann)9.
  • Veränderung des Gehirns: Je häufiger jemand verschiedene Medien gleichzeitig konsumiert, desto weniger Hirnzellen finden sich im anterioren cingulären Cortex. Dieser Teil des Gehirns ist für Aufmerksamkeit und Impulskontrolle zuständig10.

Wenn du also deine Zeit damit verbringst, viel zwischen Aufgaben zu wechseln, dann deutet die Forschung darauf hin, dass du langsamer wirst, mehr Fehler machst, weniger kreativ bist und dir weniger merkst. Zusätzlich gewöhnst du dein Gehirn an Konzentrationsmangel.

Multitasking ist nichts anderes als die Gelegenheit, mehrere Dinge gleichzeitig zu vermasseln. - Steve Uzzell11

Zwischenfazit: Die Multitasking Illusion

Menschen sind keine guten Multitasker bzw. Multifokussierer. Doch was ist die bessere Alternative? Solltest du nun dein Smartphone wegwerfen, den Stecker rausreißen und in den Wald ziehen?

Nein. Keine Sorge. Ich denke, das Hauptproblem ist nicht die Technologie, sondern unser Fokus auf sie. Unsere Autopilot-Lösung funktioniert nicht. Also: Wie können wir es besser machen?

Die EINE Sache, von der du mehr brauchst.
Die Ansprüche an unsere Zeit treiben unseren Autopiloten dazu, sich auf möglichst viele Dinge gleichzeitig zu fokussieren. Doch das funktioniert nicht. Die EINE Sache, von der wir alle profitieren, ist: Fokus.

Henry David Thoreau sagte einst:

Einfachheit, Einfachheit, Einfachheit! Ich sage, kümmere dich um zwei oder drei Angelegenheiten, nicht um hundert oder tausend. - Henry David Thoreau12

Thoreau erkannte bereits vor fast 200 Jahren in den Menschen ein enormes Bedürfnis, möglichst viel auf einmal zu erledigen. Thoreau wusste:

Die Lösung für die Ansprüche an unsere Zeit liegt im Kern in einer einfachen Sache: Fokus. Reduktion auf das Wesentliche.

Dabei geht es nicht darum, dir im Leben nur noch eine Sache zu erlauben. Auch Thoreau spricht von mehreren Dingen (zwei oder drei). Familie, Job, Hobbys, da kommt schnell einiges zusammen.

Der springende Punkt ist, den Dingen in deinem Leben deine volle Aufmerksamkeit zu schenken, wenn du dich um sie kümmerst:

  • Wenn ich beruflich zu einer unserer Werkstätten fahre, dann versuche ich, an diesem Tag voll und ganz für die Probleme vor Ort da zu sein. Meinem Posteingang gefällt das nicht. Meinen Kollegen schon.
  • Wenn ich mich mit Familie treffe, dann habe ich mein Smartphone manchmal gar nicht erst dabei oder nutze es nicht. Für wichtige Menschen bleibe ich präsent.
  • Wenn ich an diesen Artikeln schreibe, dann ist mein E-Mail-Programm geschlossen und alle Benachrichtigungen sind deaktiviert. Mein Handy liegt außer Sichtweite.

Auf meiner Reise durch die digitale Welt habe ich festgestellt, dass derartige kleine Kniffe bereits einen großen Unterschied machen.

Was ich allerdings auch bemerkte, ist, dass meine Ablenkung unter anderem das Resultat einer fehlenden Vision war. Wenn du nicht weißt, wo du hinwillst, scheint jeder Pfad der Richtige zu sein. Dann bist du anfällig für Ablenkungen, die dich vom Weg abbringen.

Aus meiner Sicht braucht es also beides: Bessere Verhaltensweisen und eine übergeordnete Vision. Während eine Vision dir langfristig Orientierung schenkt und somit Ablenkungen vorbeugt – ein Thema für einen anderen Artikel –, möchte ich dir heute bereits konkrete Strategien zeigen, mit denen du im Alltag deinen Fokus stärken kannst.


3 Strategien gegen die Multitasking Illusion

1. Eine Sache nach der anderen

Du darfst dich auf mehrere Dinge in deinem Leben konzentrieren. Die Ausführung ist das Entscheidende. Tu eins nach dem anderen. Widme einer Sache deine volle Aufmerksamkeit. Multitasking ist nicht die Lösung für deine Probleme. Es könnte sie sogar verstärken.

Ich bin anfällig für Ablenkung. Ich lasse mich leicht für neue Reize begeistern. Als ich Hörbücher und Podcasts entdeckte, hatte ich immer etwas auf den Ohren. Ich war überzeugt, dass ich auf diese Weise noch mehr Wissen in meinen Tag quetschen kann. Aber wie viel ist davon hängengeblieben?

Mein Tipp ist, dir regelmäßig am Tag folgende Frage zu stellen: Konzentriere ich mich gerade nur auf EINE Sache? Wenn du dann feststellst, dass das nicht der Fall ist, frage dich: Welche EINE Sache ist gerade wirklich wichtig?

Klar, das funktioniert nicht immer. Wenn du gerade mit deinem Partner telefonierst, aber dein Kind im Auge behalten musst, wird Monotasking zur Herausforderung. Aber vielleicht gelingt es dir, die ein oder andere Ablenkung in deinem Leben zu eliminieren.

Musst du wirklich auf Insta scrollen, während du dir am Abend deine Serie ansiehst? Wozu machst du den Fernseher überhaupt an, wenn Social Media gerade wichtiger ist?

Ich hatte lange Zeit das Gefühl, konstant Beschallung zu brauchen. Musik beim Joggen, Hörbücher im Fitnessstudio, Meditationsmusik beim Lesen und Schreiben. In Terminen E-Mails bearbeiten und auf Chats reagieren, in der Mittagspause Youtube gucken.

Am Ende des Tages fühlte ich mich ausgelaugt. Nach einiger Zeit bin ich zu dem Ergebnis gekommen, dass dieses Verhalten nicht nötig ist. Nein, dass es mir nicht gut tut. Wenn ich nebenbei E-Mails oder Chats beantworte, höre ich dem Meeting nicht mehr zu. Das erzeugt Stress. Jetzt habe ich schon wieder den Anschluss verloren.

Beim Joggen kann ich die Ruhe mittlerweile genießen. Keine Podcasts, keine Musik. Ich konzentriere mich nur auf meine Umgebung. Das klingt langweilig. Ist es auch oft. Aber dadurch wird mein Kopf frei und ich werde wieder aufnahmefähig. Manchmal komme ich sogar auf richtig gute Ideen. Wie Haruki Murakami mal über das Laufen schrieb:

Ganz gleich, wie banal und alltäglich eine Tätigkeit sein mag, wenn man sie nur lange genug ausübt, bekommt sie etwas Meditatives oder Kontemplatives.
- Haruki Murakami13

Der Fokus auf eine Sache öffnet dir die Tür zu tieferer Konzentration, Kontemplation, Flow-Effekten, hochwertigeren Ergebnissen und letztlich mehr Zufriedenheit. Denn:

Wenn du Großes leisten willst, brauchst du Zeit zum Nachdenken. (…) Du musst dich von jeder Form externer Information fernhalten, die die wichtige Arbeit deines Unterbewusstseins unterbrechen könnte. Da viele Menschen immer beschäftigt sind, verstehen sie diesen Luxus nicht.
- Dan Koe

2. Cold Turkey: Verzicht

Mir fällt Impulskontrolle schwer. Ich brauche daher oft radikale Lösungen. Hier kommt Verzicht ins Spiel.

Manchmal tut es mir gut, einfach alles auszuschalten, wegzulegen oder sogar zu verbieten. Keine Optionen, keine schlechten Entscheidungen.

Klar, das funktioniert nicht für jedermann. Wenn du dein Verhalten besser kontrollieren kannst als ich, reichen dir vielleicht gewisse Einschränkungen.

Nimm dir z.B. vor, in der nächsten Onlinebesprechung anwesend zu bleiben und nicht in deine E-Mails zu gucken. Stell dafür alle Benachrichtigungen und Pop-ups aus. Mir persönlich hilft es auch, die Kamera anzulassen. Dann fühle ich mich beobachtet.

Anderes Beispiel: Wenn ich auf ein Konzert gehe, filme ich nicht mit. Ich zahle für diese Eindrücke viel Geld. Die Künstler bemühen sich, mir eine gute Show zu liefern. Videos finde ich zu jedem Konzert auf Youtube, wenn ich es will. Diese Einschränkung hilft mir, anwesend zu bleiben.

Vielleicht hilft es dir, medienfreie Zeiten einzuführen. Welche Zeit reservierst du dir täglich für produktives Arbeiten? In dieser Zeit schließt du Messenger, E-Mail-Programm und machst dein Handy auf lautlos. Das Gleiche kannst du auch privat umsetzen. Ab 20:00 Uhr gibt es z.B. keine Bildschirme mehr. Das hilft auch beim Schlafen.

Probier es direkt aus: Schalte für die nächste Stunde alle Benachrichtigungen an deinem Handy und Computer aus - am besten machst du dir den Flugmodus zur Gewohnheit. Diese eine kleine Änderung kann viel bewirken. Und dann sag mir: Wie fühlt sich das an?

Wenn du so wie ich bist, brauchst du vielleicht für eine kurze Zeit noch radikalere Methoden. Am Anfang des Jahres habe ich mir einen Monat Youtube verboten. Meine Freundin hat die Seite auf meinem Laptop gesperrt. Nur sie besaß das Passwort.

So ein digitaler Detox kann hilfreich sein. Er versetzt dein Gehirn wieder in den Normalzustand. Vertrau deinem Kopf, dass er dich mit Sinn versorgt, statt dich nur auf die Technologie zu verlassen. Gib deinen Gedanken Raum, um auf offene See zu fahren.

Wenn du das nächste Mal auf deinem Sofa sitzt und nicht weißt, was du tun sollst, dann tu einfach: Nichts. Revolutionärer Gedanke, oder?

Töte nicht das erste Anzeichen von Langeweile mit deinem Smartphone. Halte das Gefühl aus. Das ist eine gute Übung.

Du wirst überrascht sein: Wenn du dein Gehirn in Ruhe lässt, belohnt es dich manchmal mit ein paar richtig guten Ideen. Oder du kriegst spontan Lust, dein altes Hobby wieder aufzunehmen.

Wer weiß, vielleicht bemerkst du schon bald, wie schön es ist, in diesem Hier und Jetzt. Durch ein bisschen Verzicht könnte sich sogar so etwas wie JOMO einstellen - die Joy Of Missing Out.

3. Bessere Verhaltensweisen etablieren

Da wir uns oft im Autopilot befinden, wenn wir Medien nutzen, ergibt es Sinn, das eigene Verhalten aktiv zu hinterfragen. Wir wollen aus diesem Autopilot ausbrechen.

Genau das empfiehlt Cal Newport in seinem Buch Digitaler Minimalismus (klare Leseempfehlung!):

  • Mach dir eine Liste all deiner Verhaltensweisen. Dazu gehören Hobbys genauso wie die Technologien bzw. Anwendungen, die du regelmäßig nutzt. Singen, Sport, Netflix, Spotify, Smartphone, Kindle, iPad (usw.). Schreib dir alles auf.
  • Dann überlegst du dir, was optional ist und was nicht. Für mich stand z.B. fest, dass ich das Schreiben am PC, nur weil es sich um einen Bildschirm handelt, nicht einschränken will.
  • Zum Schluss blickst du auf deine Liste. Das, was optional ist, eliminierst du für 30 Tage. Das, was du nicht einschränken möchtest, bleibt erhalten. Für alles andere formulierst du Regeln, z.B. Netflix nutze ich nur noch für eine Folge mit meinem Partner am Abend oder Mein Smartphone nutze ich ab 20:00 Uhr nicht mehr.

Meine Liste sah z.B. so aus:

  • Youtube: Zur Unterhaltung nur am Samstag für Jan Böhmermann. Wenn ich Interesse an einem Thema habe, schreibe ich es mir in ein Notizbuch. Wenn es mich am nächsten Tag noch reizt, gucke ich ein einziges Video dazu.
  • Netflix: Nur einmal die Woche (im sozialen Kontext mit dem Partner zusammen).
  • Steam Deck: Optional, einen Monat lang keine Nutzung.
  • MP3-Player (kein Spaß, ich benutze sowas noch): Unbegrenzte Nutzung für Musik, keine Einschränkung.
  • Schlagzeug spielen: Unbegrenzt, mindestens vier Mal pro Woche. Einsatz meines iPads für Lehrvideos in Ordnung.
  • Macbook: Für Schreiben uneingeschränkt. Youtube-Blocker aktivieren usw.

Betrachte deine neuen Verhaltensweisen als einen iterativen Prozess. Dein erster Entwurf wird wahrscheinlich nicht funktionieren. Das ist ok. Scheitere. Versuch es erneut. Dann scheitere besser.

Für Social Media kannst du dir z.B. einen digitalen Check-in erlauben. Einmal in der Woche loggst du dich am PC in deine Accounts ein und bringst dich auf den neuesten Stand. Du gibst dir eine Stunde. Stell dir einen Wecker! Die dazugehörigen Apps löscht du dafür von deinem Handy.

Nun hast du einen Plan. Du hast dir über deine Gewohnheiten Gedanken gemacht. Das ist ein großer Schritt nach vorne. Mehr als viele andere Menschen machen.

Wichtig: Gewohnheiten sind hartnäckig. Im Schnitt braucht es 66 Tage, um neue Muster aufzubauen - manchmal auch länger14. Nimm dir also nicht zu viel vor (mehr über Gewohnheiten erfährst du in meinem Artikel: Vergiss Disziplin: Wie Routinen dich wirklich erfolgreich machen.)

Cleanin' out my closet

Ab und zu tut es gut, seinen Kleiderschrank auszuräumen. Klamotten, die einem nicht mehr passen oder gefallen, bleiben oft jahrelang hängen und behindern die Sicht. Wenn wir dann mal aussortieren, fühlen wir uns frei im Kopf.

So ist das auch mit unserem Verhalten. Ein einziges zeitfressendes Verhalten ist in der Regel kein Problem. Es kann sogar Genuss sein. Doch wie ein Kleiderschrank füllt sich auch unser Leben schnell mit einer Vielzahl an Dingen, die uns die Sicht versperren.

Wenn also das nächste Mal irgendeine Technologie die Tür in deiner Oberstube einrennt, dann frag sie, was sie da zu suchen hat. Denk darüber nach, ob du dich gerade nicht lieber auf etwas anderes fokussieren möchtest.

Wenn du einem Einbrecher nicht einfach so Kaffee und Kuchen anbietest, warum lässt du dir dann von so vielen Technologien die Zeit rauben?


Quellen: