Ein Schachgroßmeister merkt sich 32 Figuren in fünf Sekunden. Du und ich scheitern an einer Telefonnummer. Der Grund? Kein Superhirn, sondern eine Fähigkeit, die jeder lernen kann.

In meinen letzten beiden Artikeln hast du erfahren, wie Profis üben und wie du Homöostase nutzt, um dir Fähigkeiten anzueignen.

Doch wie genau verändert sich unser Denken, wenn wir uns neue Fähigkeiten aneignen? Was passiert in deinem Kopf?

In diesem Artikel geht es um die Software, die einen Experten von einem Anfänger unterscheidet. Ihr Fundament ist die unermüdliche Maschine in deinem Kopf.

Und mit der beschäftigen wir uns zuerst.

Inhaltsverzeichnis

  1. Der Geschichtenerzähler in deinem Kopf
  2. Wie wir Muster nutzen
  3. Das Geheimnis der Schachgroßmeister
  4. Mentale Repräsentation: Die Landkarte in deinem Kopf
  5. Die kognitive Abkürzung: Warum Profis so mühelos wirken
  6. Mentale Repräsentationen in der Praxis
  7. Wie du beginnst, deine eigenen mentalen Karten zu zeichnen
  8. Von der Information zur Repräsentation
  9. Dein Werkzeugkasten: 4 Fragen für tieferes Verständnis
  10. Hör auf zu pauken, fang an zu vernetzen!

Der Geschichtenerzähler in deinem Kopf

Natürlich sinkt der Aktienkurs, sobald du in ein Unternehmen investierst. Du bist schon dein ganzes Leben lang ein Pechvogel, oder?

Und was war eigentlich mit diesem Stirnrunzeln deines Chefs heute Morgen bei der Besprechung? Das war kein Zufall. Der mag dich nicht!

In deinem Kopf sitzt eine Maschine, die kontinuierlich versucht, sich die Welt zu erklären. Dein Gehirn besitzt einen unstillbaren Hunger nach Narrativen. Narrative sind nichts anderes als Muster in Form von Erzählungen.

Unser Gehirn liebt Muster. Anders als Zufälle helfen dir Narrative, die Umwelt zu verstehen. Doch dieser Drang zur Mustererkennung hat seinen Preis.

Wie wir Muster nutzen

Stell dir vor, jemand setzt sich in der U-Bahn neben dich und beginnt zu telefonieren. Plötzlich kannst du dich nicht mehr auf das Buch in deinen Händen konzentrieren. Warum? Tipp: Es ist nicht nur die Lautstärke.

Wenn jemand neben dir telefoniert, verfügt dein Gehirn zunächst nur über die Hälfte der Informationen. Doch daraus entsteht kein Narrativ. Worum geht es in dem Gespräch? Was könnte die andere Person sagen?

Der fehlende Kontext stört dein Gehirn mehr als die Lautstärke des Telefonats1. Dein Hunger nach Narrativen ist also so groß, dass er dich manchmal ablenken kann.

Außerdem verleitet dich die Kontextmaschine in deinem Kopf zu einer Vielzahl an vorschnellen Urteilen. Sie flüstert dir ins Ohr, dass die Person in der Schlange vor dir Hip-Hop hören muss, weil ihre Hose so tief sitzt. Oder dass jemand eine exzentrische Künstlerin ist, weil sie sich die Haare blau färbt.

Doch dieser Drang zur Mustererkennung ist auch eine Stärke. Erzählungen helfen uns dabei, das eigene Leben zu erklären. Du ziehst Schlussfolgerungen aus deiner Vergangenheit, um dein gegenwärtiges Handeln zu bestimmen und um somit zu beeinflussen, wer du in der Zukunft sein wirst.

Muster helfen dir, die Welt zu verstehen. Sie ein Stück weit zu kontrollieren und dich auf die Zukunft vorzubereiten. Damit steigen deine Überlebenschancen und das vermittelt ein Gefühl von Sicherheit.

Außerdem lassen sich Muster sehr leicht merken. Und diesen Vorteil nutzen Profis auf geniale Art und Weise.

Das Geheimnis der Schachgroßmeister

Schachprofis können sich die Positionen der Spielfiguren auf einem Brett innerhalb kürzester Zeit einprägen und zu einem späteren Zeitpunkt exakt wiedergeben.

In einer bekannten Studie zeigten Forscher Schachspielern unterschiedlicher Spielstärke (vom Anfänger bis zum Großmeister) für nur fünf Sekunden eine komplexe Stellung aus einer echten Partie.

Danach mussten die Spieler die Stellung aus dem Gedächtnis auf einem leeren Brett nachbauen. Das Ergebnis? Die Großmeister konnten sich an fast alle Positionen fehlerfrei erinnern. Anfänger nur an eine Handvoll2. Doch warum funktioniert das Gedächtnis der Großmeister so viel besser?

Der Clou der Studie: Ordnete man die Schachfiguren völlig wahllos an, sodass sie im Kontext der Spielregeln keinen Sinn ergaben, verloren die Großmeister ihre beeindruckenden Fähigkeiten. Ihr Vorteil gegenüber den Amateuren löste sich in Luft auf.

Die Schlussfolgerung: Die Gedächtnisleistung der Großmeister funktionierte nur im Kontext der Regeln3. Wie kann das sein?

Mentale Repräsentation: Die Landkarte in deinem Kopf

Der Grund, warum das Gedächtnis der Großmeister mal wie ein Supercomputer und mal wie ein Rechenschieber funktioniert, liegt in etwas, das der Psychologe Anders Ericsson in seinem Buch Peak als mentale Repräsentation bezeichnet.

Wenn du etwas lernst, legt sich dein Gehirn dazu eine neuronale Karte an. Diese Karte enthält alle Informationen, über die du zu einem bestimmten Thema aktiv verfügst. Je mehr du über etwas weißt oder je besser deine Fähigkeiten z.B. beim Schach sind, desto ausgeprägter ist deine mentale Karte.

Stell es dir wie die Karte in einem Videospiel vor. Wenn du dich zum ersten Mal mit einem neuen Charakter einloggst, erkennst du auf der Karte meistens nur deine unmittelbare Umgebung. Der Rest der Karte liegt im Verborgenen.

Doch je mehr Gebiete du erkundest, desto detailreicher wird deine Vorstellung der Welt. Der Nebel lüftet sich. Genau das passiert in deinem Kopf, wenn du etwas Neues lernst.

Auf biologischer Ebene passiert folgendes: Dein Gehirn nutzt Neuronen, um Signale zu übertragen. Wissen und Fähigkeiten entstehen durch die Verbindungen verschiedener Neuronen über sogenannte Synapsen4.

So bilden sich neuronale Netzwerke. Und zu bestimmten Fähigkeiten entwickelst du spezifische Neuronencluster. In ihnen ist dein gesamtes Wissen zu einem Thema enthalten. Und das nennt sich dann mentale Repräsentation. Sie ist die Software deiner Kontextmaschine.

Die mentale Repräsentation eines Schachprofis reicht von den Grundregeln des Spiels bis hin zu ausgeklügelten Zügen. Ein Großmeister sieht mehr als nur Holzfiguren auf einem Brett.

Er erkennt Muster wie das "italienische Spiel" oder die "sizilianische Verteidigung". Daraus entsteht eine Geschichte aus Strategie, Chancen und Herausforderungen.

Die kognitive Abkürzung: Warum Profis so mühelos wirken

Mentale Repräsentationen funktionieren äußerst effizient. Die meisten Menschen können sich spontan nicht mehr als sieben aufeinanderfolgende Zahlen merken. Das bedeutet, sie kommen schon bei einer Telefonnummer ins Straucheln.

Währenddessen sind Schachprofis in der Lage, sich innerhalb kürzester Zeit die Komplexität einer ganzen Schachpartie einzuprägen. Doch wenn sich dieselben Schachprofis eine Telefonnummer merken sollen, greifen auch sie zu Stift und Papier. Wieso?

Während du für das spontane Speichern einer Handynummer dein Kurzzeitgedächtnis nutzt, sind die Muster, auf die ein Schachspieler zugreift, um sich ein Spielfeld zu merken, im Langzeitgedächtnis verortet.

Eine mentale Repräsentation erlaubt es dir, die Begrenzungen deines Kurzzeitgedächtnisses zu umgehen, indem du auf bereits angelegte Informationen in deinem Langzeitgedächtnis zugreifst. Das macht sie so effizient.

Was von außen wie eine außergewöhnliche Gedächtnisleistung aussieht, ist in Wahrheit eine kognitive Abkürzung. Der Schachspieler kann in Sekundenschnelle auf ein ganzes Arsenal an Informationen und Erfahrungen zugreifen und somit schneller verarbeiten, was sich spontan ereignet5.

Mentale Repräsentationen in der Praxis

Wenn ein Musiker ein bewegendes Solo improvisiert, ein Turner eine anspruchsvolle Routine vorführt oder Eminem Punchlines in einem Freestyle improvisiert, dann greifen sie alle auf ausgeklügelte neuronale Netzwerke zurück, die sie sich über Jahre hinweg antrainiert haben.

Eminem entwickelte seine Leidenschaft für Rap dank seines Onkels Ronny schon im Alter von 12 Jahren und absorbierte bald alles, was damit in Verbindung stand.

Berichten zufolge füllte er Notizbücher mit endlosen Listen von Reimpaaren. Er studierte Wörterbücher und analysierte den Klang und Rhythmus neuer Wörter6.

Mit 14 schrieb er bereits eigene Texte und nahm an ersten Freestlye Battles teil, wodurch er seine Sprachfertigkeiten konsequent ausbaute7.

Anders ausgedrückt: Der Weg zum Rapzenit begann mit einigen kleinen Schritten, die Eminem unermüdlich zu einer ausgefeilten mentalen Repräsentation ausbaute.

Die Hauptarbeit leisten die Profis nicht im Moment der Vorführung ihrer Fähigkeiten, sondern im Verborgenen. Im Proberaum. Im stillen Kämmerlein. Dort, wo niemand ihre Anstrengung sieht.

Nicht Talent unterscheidet Profis von Amateuren, sondern ihre mentalen Repräsentationen. Sie sind die Blaupausen für wahres Können und erlauben den Experten zu reagieren, bevor der Amateur das Problem überhaupt erst erkannt hat.

Je besser die mentale Repräsentation, desto stärker die Vernetzung und desto leichter der Abruf. Je leichter der Abruf, desto müheloser die Anwendung.

Wie du beginnst, deine eigenen mentalen Karten zu zeichnen

Diese Erkenntnisse kannst du auch auf dein Lernen anwenden. Während Talent ein exklusiver Club ist, zu dem nicht jeder Zugang besitzt, sind mentale Repräsentationen eher wie eine öffentliche Bibliothek. Du musst nur von ihnen wissen, um sie zu nutzen.

Du kannst zu jeder Zeit damit anfangen, dir ein neues mentales Modell anzueignen. Stell dir z.B. vor, du willst die Funktionsweise eines Benzinmotors verstehen.

Wenn du dir einfach nur eine Liste von Teilen merkst (Zündkerze, Kolben, Zylinder), sind das erst mal nur Informationen ohne Zusammenhang. Der effektivere Weg ist, nach der Geschichte zu fragen: Was passiert?

Du beginnst beim Funken (Zündkerze), der eine kleine Explosion auslöst, die das Kraftstoff-Luft-Gemisch entzündet und den Kolben nach unten drückt.

Du schaust dir an, wie eine Bewegung zur nächsten führt. So entsteht aus den Einzelteilen eine Geschichte. Du zeichnest eine erste mentale Karte.`

Das erste Buch oder Video zu einem neuen Thema erschließt sich dir vielleicht noch nicht. Doch wenn du dran bleibst, erkennst du bald die wichtigsten Begriffe und verstehst erste Zusammenhänge.

Je mehr du über etwas lernst, desto detailgetreuer wird deine Karte und desto besser findest du dich zurecht.

Von der Information zur Repräsentation

Um wirklich vom Wissen über mentale Repräsentationen zu profitieren, ist es wichtig, dein Lernziel neu zu definieren. Stell dir ab heute das Lernen nicht mehr als etwas isoliertes vor.

Als junger Musiker brachte man mir bei, was eine C-Dur-Tonleiter ist. Ich übte sie und wusste überhaupt nichts damit anzufangen.

Das Problem: Ich konnte sie vorspielen, aber nicht anwenden. Das Wissen über eine Tonleiter erhält erst eine Bedeutung, wenn du weißt, zu welchem Akkord du damit improvisieren kannst.

Denk daran: Dein Gehirn mag Muster und Narrative. Informationen alleine ergeben wenig Sinn. Sie erhalten erst Bedeutung, wenn du sie in einen Kontext einbettest und mit deiner Erfahrung oder bereits Gelerntem verschmilzt.

Wir verstehen nur das, was wir in Beziehung setzen können zu etwas, was wir schon verstanden haben - Rolf Dobelli8

Dein Werkzeugkasten: 4 Fragen für tieferes Verständnis

Wenn du dir eine mentale Repräsentation aufbauen willst, dann lerne nicht nur auswendig, sondern vernetze das Gelernte miteinander. Stelle dir z.B. folgende Fragen beim Lernen und Üben:

  • Was bringt mir das? (Fokus auf Vernetzung statt auf Fakten)
  • Was weiß ich bereits darüber? (An Vorwissen anknüpfen)
  • Was verbinde ich damit? (Beispiele als mentale Anker nutzen)
  • Wie kann ich das anwenden? (Immer nach dem Kontext fragen)

Beginne am besten direkt bei diesem Artikel:

Was bringt dir das Wissen über mentale Repräsentationen?
Es lädt dich dazu ein, dir in ein neues Thema anzueignen, da du verstehst, dass du dir zu allem eine neue Repräsentation aneignen kannst, statt dich zu fragen, ob du begabt oder intelligent genug bist.

Was weißt du bereits über mentale Repräsentationen?
Wenn du z.B. meinen Artikel "Der Motor der Veränderung" gelesen hast, weißt du, dass dein Gehirn plastisch ist und sich formen lässt. Wenn du zusätzlich noch meinen Artikel "Richtig Üben" kennst, weißt du, dass bewusstes Üben die beste Methode ist, um sich neue Fähigkeiten anzueignen.

Jetzt hast du eine Verbindung hergestellt: Durch bewusstes Üben kannst du dir die Plastizität deines Gehirns zunutze machen und es formen, um dir neue mentale Repräsentationen anzueignen.

Was verbindest du damit?
Wenn du in Zukunft an mentale Repräsentationen denkst, erinnerst du dich vielleicht an die Schachprofis, Musiker und Turner oder wie Eminem zu einem der besten Rapper aller Zeiten wurde.

Wie kannst du das Wissen über mentale Repräsentationen anwenden?
Wenn du das nächste Mal lernst, versuch nicht einfach nur die Information abzuspeichern oder auswendig zu lernen. Frage dich stets: In welchem Kontext ergibt diese Information Sinn? Mit was kann ich sie vernetzen?

Hör auf zu pauken, fang an zu vernetzen!

Wenn du mentale Modelle verstehst, erkennst du, dass das Ziel des Lernens nicht die Ansammlung von Informationen ist, sondern ihre Vernetzung zu einer einer zusammenhängenden Geschichte

Je stärker Wissen in deinem Kopf vernetzt ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dich daran zu erinnern.

Ergo: Je besser die Vernetzung, desto leichter der Abruf. Je leichter der Abruf, desto müheloser die Anwendung.

Also: Hör auf Informationen zu sammeln. Fang an zu vernetzen.

Jetzt verstehst du die Software, die Profis von Amateuren unterscheidet. Doch immer wieder begegnen mir viele Mythen, die Lernanfänger davon abhalten, sich Expertise aufzubauen.

Der Grund? Mythen, die das Thema Lernen prägen. Im nächsten Artikel räume ich daher mit ein paar Ausreden auf: Der 10.000-Stunden-Regel und unserer Vorstellung von Talent.


Quellen