
„Dir fehlt das Sitzfleisch!“
„Du hast einfach kein Talent!“
„Du wirst es nie zu etwas bringen!“
Diese Urteile trafen meine Lehrer, als ich mit 15 schulisch versagte. Die Frage war damals nicht, wie gut ich sein könnte, sondern wie viel schlimmer meine Noten noch werden.
Das Urteil war eindeutig: Der Junge ist intellektuell unfähig. Er besitzt kein Talent. Ist zu doof für die Schule… oder?
Die Zeit, die mir fürs Pauken fehlte, investierte ich lieber in mein Instrument. Denn jedes Mal, wenn ich übte, konnte ich den Fortschritt sehen und hören.
Meine Finger bewegten sich flinker. Die Saiten hörten auf zu scheppern und selbst Dritte konnten erkennen, dass diese Kackophonie, die ich von mir gab, doch tatsächlich ein Lied war.
Meine musikalische Bildung funktionierte deutlich besser als meine schulische. Ich verschmolz mit meinem Instrument. Es war purer Flow.
Mein Basslehrer war begeistert. Er ließ mich vor dem Leiter der Musikschule vorspielen. Sie bezeichneten mich als talentiert.
Während ich schulisch versagte, gab es musikalisch kein Halten mehr. Ich war Teil zweier völlig verschiedener Welten.
Meine Lateinlehrer hielten mich für zu doof. Mein Basslehrer hielt mich für ein Genie.
Man könnte sagen: Ich war strunzdumm und hochbegabt zugleich. Je nachdem, wem man glaubte.
Die Pointe? Sie alle lagen falsch. Ich war weder zu doof für das eine, noch talentiert für das andere.
Mit zwei 5ern und einer 6 (!) flog ich vom Gymnasium. Schulwechsel. Neuanfang. Und auf einmal klickte es.
Endlich kapierte ich, dass nicht mein Kopf mir im Weg stand, sondern meine Einstellung. Und wenn ich will, dann kann sogar ich gute Noten schreiben.
Nur zwei Jahre später war ich Jahrgangsstufenbester. In meinem Studium hatte ich kontinuierlich einen 1er-Schnitt („verdammter Angeber!“).
Heute lerne ich jeden Tag. Vor der Arbeit und nach Feierabend. Wenn's schneit und wenn's regnet. Mit Pullover im Winter und im Sommer auch mal nackt.
Hochbegabt? Fehlanzeige. Aber intellektuell begeistert? Ja, verdammt.
Und mein musikalisches Talent? Begnadeter Bassist bin ich nicht geworden. Musikalisches Talent besitze ich auch nicht.
Seit 1,5 Jahren lerne ich Schlagzeug. Mit meinem "Talent" eine leichte Sache, oder?
Falsch gedacht. 30 Minuten Schlagzeug am Tag und mein Kopf raucht. Welcher Sadist hat sich eigentlich ausgedacht, dass man dieses verdammte Ding mit vier Gliedmaßen spielen muss?
Die Ironie an dem ganzen Schlamassel:
Das Lernen, das mir meine Lehrer damals absprachen, fällt mir heute deutlich leichter als das Schlagzeug spielen, für das ich eigentlich musikalisches Talent besitzen sollte!
Meine Lehrer lagen falsch, aber wie sollten sie auch richtig liegen? Sie sahen lediglich das Ergebnis meines Handelns. Und wie willst du beurteilen, was du nicht sehen kannst, weil es noch nicht eingetreten ist?
Meine Jugend zeigt, dass wir zu schnell Urteile über Dinge treffen, die wir nicht wissen können.
Die Lektionen aus meiner Erfahrung?
Erstens, die Bereitschaft zur Veränderung
ist auch ihre Voraussetzung.
Wer will, der wird, vor allem wenn er kann.
Wer nicht will, wird nicht, auch wenn er kann.
Und wer will, aber nicht kann, wird oft trotzdem was. Egal, was die Lehrer sagen.
Zweitens, das Verhalten in der Gegenwart ist oft unser bester, aber nicht unser einziger Anhaltspunkt.
Beurteile andere Menschen also nicht nur anhand ihrer Qualifikationen oder ihres gezeigten Verhaltens, sondern auch anhand ihres Strebens nach Veränderung.
Und jetzt frage ich dich:
Hat dir schon mal jemand gesagt, dass du etwas nicht können wirst? Und hast du dieser Person das Gegenteil bewiesen? Schreib es mir!