Das Telefon klingelt. Das Smartphone vibriert. Das E-Mail-Programm bimmelt und die Aufgabe, auf die du dich konzentrieren wolltest, gerät in Vergessenheit. Zumindest bis sie dir nach Feierabend wie ein eingeschnappter Ehepartner vorwirft: „Wie konntest du mich bloß versetzen?!

Dieses ständige Multitasking ermüdet. Warum das so ist und wie du dir die Nachteile des Multitaskings durch Interleaving beim Lernen zunutze machen kannst, erfährst du in diesem Artikel.

Inhaltsverzeichnis.

  1. Die Illusion des Multitaskings
  2. „Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie…“
  3. Warum Aufgabenwechsel nicht immer schädlich sind.
  4. Die Kosten des „Interleaving“
  5. Warum Interleaving funktioniert.
  6. Warum die Nachteile des Interleavings wünschenswert sind (und die des Multitaskings nicht).
  7. Interleaving erwünscht. Multitasking erhält Hausverbot.
  8. Mein lächerlich einfacher Tipp für gezieltes Interleaving
  9. Quellen

Die Illusion des Multitaskings

Obwohl es von außen wirkt, als könnten Menschen multitasken, also mehrere Aufgaben zeitgleich bearbeiten, wechselt das Gehirn in Wahrheit in einer Tour zwischen den verschiedenen Problemen wie bei einem Spiel von „1,2 oder 3“ auf KiKA.

Diese ständigen Wechsel ermüden. Stell dir vor, du liest gerade ein anspruchsvolles Buch. Plötzlich setzt sich jemand neben dich und verblättert dir ständig die Seiten. Immer wieder musst du dich zum letzten Absatz zurück kämpfen. Wie lange wird es dauern, bis du das Buch frustriert zuklappst?

Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie…

Jede zusätzliche Aufgabe, auf die du dich zeitgleich zu konzentrieren versuchst, gleicht einer Person, die dir die Seiten in einem Buch verblättert. Diese Mikrowechsel strengen an und ziehen ein paar üble Nebenwirkungen nach sich:

  • Geringeres Arbeitstempo: Die ständige Neuorientierung zwischen verschiedenen Aufgaben kostet Zeit.
  • Höhere Fehleranfälligkeit: Auf dem Weg von Aufgabe A zu B gehen Informationen verloren. So schleichen sich leichter Fehler ein, von unaufmerksamen Tippfehlern bis hin zu vergessenen Angaben.
  • Schwächeres Gedächtnis: Der Wechsel verbraucht mentale Kapazitäten, die für die Bildung von Erinnerungen notwendig sind. Worum ging es in diesem Meeting noch mal?
  • Verminderte Konzentration: Du gewöhnst dein Gehirn an die Suche nach dem nächsten Dopamin-Kick (ein Effekt, der einem Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom ähneln kann).

In der wissenschaftlichen Literatur findest du dafür den Begriff „Kosten des Aufgabenwechsels“ („task switch costs“). Aufmerksamkeit ähnelt einer Währung. Für jeden Wechsel zahlst du einen Preis. Und wenn der Geldbeutel leer ist, kannst du dir keine Eiscreme mehr leisten.

Multitasking gleicht einer Illusion und ist der Grund, warum sich kognitive Arbeit manchmal so erschöpfend anfühlt (mehr dazu in meinem Artikel „Die Multitasking-Illusion“).

Warum Aufgabenwechsel nicht immer schädlich sind.

Obwohl Multitasking einige Nebenwirkungen mit sich bringt, kannst du die Idee der Themenwechsel zu deinem Vorteil nutzen – und zwar beim Lernen. Das grundlegende Konzept heißt dabei „Interleaving“. Die Idee:

Statt dir ein einziges Thema stundenlang in die Rübe zu hämmern, bis es dir aus den Ohren quillt, wechselst du bewusst zwischen verschiedenen Studiengebieten. Heißt: Statt zwei Stunden am Stück lernst du Mathe für 25 Minuten und widmest dich nach einer kurzen Pause dem Fach Biologie.

Dasselbe Prinzip funktioniert auch innerhalb eines Themengebietes. Unterricht zu meiner Schulzeit funktionierte meist nach Schema F: Der Lehrer präsentiert ein Themengebiet und danach hieß es üben, üben, üben. Der Gedanke: Viel hilft viel. Doch bei dieser Vorgehensweise schaltet das Gehirn gerne mal ab.

Zu Hause empfehle ich dir deshalb ein anderes Vorgehen. Stell dir vor du übst Kopfrechnen. Statt eine Stunde lang Addition zu üben, kannst du Subtraktionen, Multiplikationen und Divisionen einschieben. So muss dein Gehirn immer wieder aufs Neue überlegen, welche Lösungsmethode die richtige ist.

Warum das Interleaving funktioniert, erkläre ich dir gleich. Vorab solltest du jedoch noch wissen, worauf du dich einlässt, denn Interleaving bringt auch einen Nachteil mit sich.

Die Kosten des „Interleaving

Ähnlich wie beim Multitasking führt auch das Interleaving zu mentalen Kosten. In diesem Falle heißen sie „context switch costs“, also „Kosten des Themenwechsels“ (nicht mit den „task switch costs“ verwechseln). Der Grund?

Solange du dich innerhalb eines Themengebietes bewegst, sagen wir Geschichte, aktiviert dein Gehirn den mentalen „Geschichte-Modus“. Wie bei einem Spinnennetz verbindet dein Gehirn Informationen zum Thema Geschichte zu einem mentalen Modell.

Wenn du jedoch nach 25 Minuten zu Mathe wechselst, muss dein Gehirn in einen anderen Gang schalten wie beim Autofahren, um auf deinen „Mathe-Modus“ zuzugreifen. Doch die Mathekenntnisse, die du jetzt brauchst, hängen nicht mit deinem Geschichtswissen zusammen.

Dein Gehirn muss sich neu ausrichten. Das kostet Zeit und ist anstrengend. Und genau darin liegen die Kosten des Interleaving versteckt: Wenn du Themen miteinander vermischt, werden deine Lernerfolge aus kurzfristiger Sicht darunter leiden, denn der Wechsel verbraucht mentale Ressourcen.

Du könntest z.B. bemerken, dass die geschichtlichen Fakten zu Beginn nicht so gut hängen bleiben. Und wenn du beim Mathepauken verschiedene Rechenarten miteinander vermischst, rechnest du insgesamt langsamer oder begehst einfache Fehler, weil du z.B. addierst, wenn du multiplizieren solltest.

Trotzdem empfehlen Lernwissenschaftler das Interleaving. Der Begriff begegnet dir in der Literatur an jeder Ecke wie ein aufdringlicher Staubsaugervertreter. Doch wieso ist das so, wenn der Lernerfolg darunter leidet?

Warum Interleaving funktioniert.

Der anfängliche Leistungsabfall stellt die größte Hürde beim Interleaving dar, denn er fühlt sich ineffektiv an. Die meisten Menschen denken, dass Lernen einfach sein muss. Das ist ein Trugschluss. Deine kurzfristige Leistung hängt nicht mit deinem langfristigen Lernerfolg zusammen. Je mehr Anstrengung du investieren musst, desto mehr bleibt in der Zukunft hängen.

Lernwissenschaftler unterscheiden zwischen kurzfristig und langfristig erfolgreichen Lernmethoden. So ungern ich das auch zugebe, aber das Bulimielernen am Tag vor der Prüfung ist effektiv – kurzfristig. Deshalb neigen so viele Menschen zum Extrempauken am Tag vor der Prüfung. Kurzfristige Anstrengung, unmittelbares Resultat.

Das Problem: Der Großteil des Gelernten geht nach deinem Lernsprint wieder verloren. Für Themen, die du dir langfristig merken willst, gleicht das einer Katastrophe. Innerhalb kürzester Zeit verpufft das Gelernte wie Sommerregen auf heißem Asphalt.

Nachhaltige Lernmethoden erhöhen daher die Wahrscheinlichkeit, dass du dich ein Leben lang an bestimmte Informationen erinnerst. Und genau dafür eignet sich das Interleaving.

Die Stärken des Interleaving sind vielseitig. Zum einen verhindert ein Themenwechsel, dass dein Gehirn in den Autopilot schaltet. Das ähnelt dem Auto fahren. Im dritten Gang durch die Gegend zu kurven wird schnell langweilig. Irgendwann hörst du die Zikaden in deinem Kopf zirpen. Wenn du allerdings mal in den zweiten Gang schaltest, um zu überholen, gewinnt die Fahrt wieder an Reiz.

Für das Lernen bedeutet ein Themenwechsel verstärkte Gehirnaktivität. Der Autopilot bleibt aus und du behältst die volle Kontrolle. Du musst aufmerksam bleiben, weil du nicht weißt, wann du in den nächsten Gang schalten musst. Das kommt deinem Lernerfolg zugute.

Gleichzeitig fördert Interleaving einen häufigeren Wissensabruf. Wenn du zwei Stunden am Tag nur mit Mathe verbringst, vergisst dein Gehirn gerne mal die anderen Themen. So wie sich auf deiner Weihnachtsdeko Staub ansammelt, weil du sie nur einmal im Jahr aus dem Keller holst.

Indem du beim Lernen regelmäßig Themen wechselst, kramst du immer wieder Wissen aus unterschiedlichen Bereichen hervor. Das ist anstrengend, stärkt jedoch den Abruf und somit die neuronalen Verbindungen in deinem Gehirn.

So erinnerst du dich leichter an bereits Gelerntes. Je leichter der Abruf, desto einfacher fällt dir die Anwendung, du erlebst weniger Stress in der Prüfung und erzielst ein besseres Ergebnis.

Warum die Nachteile des Interleavings wünschenswert sind (und die des Multitaskings nicht).

Sowohl beim Multitasking als auch beim Interleaving entstehen Kontextwechsel, die Nebenwirkungen in Form von „switch costs“ mit sich bringen. Doch obwohl die Begriffe sehr ähnlich klingen, besteht ein großer Unterschied zwischen den Kosten des Interleavings und des Multitaskings.

Kurzum: Bei den Kosten des Multitaskings sprechen wir von unerwünschten Erschwernissen, bei denen des Interleavings von wünschenswerten Erschwernissen. Aber warum?

Beim Multitasking versuchst du mehrere Feuer gleichzeitig zu löschen. Doch weil du keinem Brand deine volle Aufmerksamkeit schenkst und den Wasserstrahl zu stark aufteilst, fackelt dir am Ende das ganze Gebäude ab.

Multitasking beansprucht dein Kurzzeitgedächtnis enorm. Das Kurzzeitgedächtnis heißt im Englischen „working memory“, also Arbeitsspeicher, und dieser Begriff trifft den Nagel auf den Kopf. Denn wie der Arbeitsspeicher bei einem Computer können auch Menschen nur eine bestimmte Anzahl an Informationen gleichzeitig behalten.

Das ist wie beim Jonglieren. Menschen können sich in etwa vier Informationen gleichzeitig merken. Ab der fünften Information fallen ihnen die Bälle aus der Hand.

Multitasking ist der Versuch, fünf Bälle auf einmal in die Luft zu werfen, obwohl du nur vier fangen kannst. Du versuchst mit mehr Bällen zu jonglieren, als es dein Arbeitsspeicher erlaubt. Das Resultat: Dir gehen Informationen verloren, du begehst Fehler und wirst langsamer.

Beim Interleaving verhält sich das anders. Hier führst du zwar gezielt Themenwechsel und damit auch einen Wechsel deiner Aufmerksamkeit herbei, bleibst aber, wenn auch für kurze Zeit, bei einer einzigen Sache. So kann dein Gehirn die Aufgabe abschließen, wodurch das Problem nicht in deinem Arbeitsspeicher festhängt. Dadurch verbesserst du die Fähigkeit deines Gehirns, zwischen den verschiedenen „Lernmodi“ umzuschalten.

Während Multitasking also zu Nebenwirkungen führt, die deine Arbeitsergebnisse in der Gegenwart verschlechtern, stellt die zusätzliche Anstrengung für dein Gehirn beim Interleaving eine „wünschenswerte Erschwernis“ dar. Statt vier Bälle auf einmal in die Luft zu werfen, kommt Rhythmus in die Übung und du fängst an zu jonglieren.

Gleichzeitig erlaubst du deinem Gehirn nicht in den Autopilot zu schalten, da du es schon bei der nächsten Abzweigung mit einem neuen Thema überrascht. Das verhindert, dass Langeweile aufkommt. Und genau aus diesem Grund sind die Erschwernisse des Interleaving erwünscht.

Interleaving erwünscht. Multitasking erhält Hausverbot.

Zusammengefasst bedeutet das: Bei der Arbeit, bei der deine Arbeitsergebnisse zählen, solltest du die Finger von häufigen Aufmerksamkeitswechseln lassen. Multitasking beeinträchtigt die Qualität deiner Ergebnisse.

Beim Lernen hingegen kannst du Kontextwechsel gezielt nutzen, um deinen Erfolg langfristig zu vergrößern, solange du nicht versuchst, Themen gleichzeitig zu verarbeiten.

Interleaving bedeutet: Lernen, zwischen Thema A und B umzuschalten. Multitasking hingegen bedeutet: Thema A und B gleichzeitig lernen. Und das geht in die Hose.

Zusatztipp: Verzichte deshalb unbedingt auf dein Smartphone beim Arbeiten oder Lernen. Das gleichzeitige Bearbeiten von Chatnachrichten und deiner eigentlichen Aufgabe führt zu den oben beschriebenen Nebenwirkungen.

Mein lächerlich einfacher Tipp für gezieltes Interleaving

Am einfachsten integrierst du Interleaving übrigens mit themenübergreifenden Karteikarten. Warum nicht mal Geschichte und Französischvokabeln miteinander vermischen?

Zu Beginn fühlt sich das seltsam an, denn jede Karteikarte zwingt dein Gehirn, einen anderen mentalen Modus zu laden. Doch das Training lohnt sich, denn in einer Prüfung erlaubt dir diese gedankliche Flexibilität, schneller auf Wissen zuzugreifen.

Dasselbe gilt innerhalb eines Faches. Statt nur die Formeln für verschiedene Flächenberechnungen abzufragen, vermische deine Karteikarten so, dass zwischendrin auch wichtige Formeln zur Prozent- oder Nullpunktberechnung vorkommen.

Lass dich nicht entmutigen. Die ersten Erschwernisse signalisieren, dass sich dein Gehirn anstrengt und versucht, aus den verschiedenen Informationen einen übergeordneten Sinn zu erzeugen. Genau nach dieser Anstrengung suchst du beim Lernen. Langfristig gesehen bleibt dadurch mehr hängen.

Was du allerdings vermeiden solltest: Zwei Karteikarten gleichzeitig beantworten, denn damit tappst du wieder in die Multitasking-Falle. Und falls du dich jetzt fragst, „Wer macht denn sowas?“, dann sag ich dir: Es gibt auch Menschen, die E-Mails bearbeiten, während sie telefonieren.

Wer macht denn sowas? ;)

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Quellen

  • Bannister, F., & Remenyi, D. (2009). Multitasking: The Uncertain Impact of Technology on Knowledge Workers and Managers.
  • vgl. Hari, J. (2021). Stolen focus (First edition). Crown. S.
  • Naish, J. (2010). Genug: Wie Sie der Welt des Überflusses entkommen (Vollst. Taschenbuchausg., 1. Aufl). Bastei Lübbe Taschenbuch.
  • Oakley, B. A. (2014). A mind for numbers: How to excel at math and science (even if you flunked algebra). Jeremy P. Tarcher/Penguin.