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# Für wen funktionierst du eigentlich? (mit Nietzsche, Hesse und B.-C. Han)
- URL: https://www.markusdotzler.de/ich-funktioniere-nur-noch/
- Published: 2026-09-06T07:00:03.000Z
- Updated: 2026-09-06T07:00:03.000Z
- Description: Cui bono?
- Author: Markus Dotzler
- Tags: Arbeit & Sinn, Philosophie, Wachstum

Fühlst du dich gegenüber der Gesellschaft verpflichtet, einen Job zu behalten, der zwar eine Funktion, aber nicht **dich** erfüllt?

Nietzsche beäugte diese Selbstlosigkeit skeptisch. In Aphorismus 21 der „[Fröhlichen Wissenschaft](https://www.markusdotzler.de/readings/nietzsche-froehliche-wissenschaft-interpretation/)“ fragt er, wer **wirklich** von dieser Aufopferung profitiert.

Wie Marcus Tullius Cicero einst fragte: *Cui bono?* Wem nutzt das?

Nietzsches Antwort: Dem Nächsten. Den Anderen. Der Gesellschaft.

*Nicht unbedingt dir.*

### Aphorismus 21: An die Lehrer der Selbstlosigkeit

> *„Man nennt die Tugenden eines Menschen gut, nicht in Hinsicht auf die Wirkungen, welche sie für ihn selber haben, sondern in Hinsicht auf die Wirkungen, welche wir von ihnen für uns und die Gesellschaft voraussetzen“* – Nietzsche

Lobt die Gesellschaft dein Pflichtbewusstsein, weil sie selbst davon profitiert? Hebt deine Chefin deine Gewissenhaftigkeit hervor, weil ihr dein Fleiß mehr nutzt als dir?

Nietzsche dreht den Aufruf zur Selbstlosigkeit auf den Kopf: Wer zur Selbstlosigkeit aufruft, um von ihr zu profitieren, handelt nicht besonders selbstlos, oder?

Das erinnert mich an Hermann Hesses *„Unterm Rad“*.

## Hesses „**Unterm Rad**“: Nietzsches Aphorismus am Beispiel Hans Giebenrath

Der Hauptcharakter in Hesses *„Unterm Rad“* heißt Hans Giebenrath. Er ist ein vorbildlicher Junge. Fleißig, schlau, gewissenhaft. Nietzsche würde ihn als »**braver Mensch**« bezeichnen.

Hans’ Vater und Lehrer üben einen ungeheuren Druck auf den Jungen aus. Ich werde dir das Buch nicht spoilern, nur folgendes Zitat zum Ende des Buches:

> „\[Giebenrath\] kam sich so gebrochen und elend vor, als müsse er nun eine Ewigkeit ruhen, schlafen, sich schämen.“ – Hermann Hesse

Hans Giebenraths Umfeld betrachtet den Jungen als **Gemeingut**. Der Vater sucht im Erfolg des Sohnes die eigene Selbstverwirklichung. Die Lehrer sehen den Jungen als Beleg ihrer eigenen Genialität. Das ganze Dorf setzt Hoffnung in Hans nach dem Motto: „**Er ist einer von uns!**“

Doch was der Junge will?

Das interessiert niemanden.

> *„Gelingt die Erziehung, so ist jede Tugend des Einzelnen eine öffentliche Nützlichkeit“* – Nietzsche

Weißt du, was auch eine öffentliche Nützlichkeit ist?  
Dieser Text.

Und mit 3 Tassen Kaffee im Blut tippe ich neue Texte schneller als ein gedopter Lance Armstrong.

[Hier geht's zur Kaffeekasse ](https://ko-fi.com/markusdotzler?ref=markusdotzler.de) 

### Hans Giebenrath – ein Opfer der Gesellschaft?

Giebenrath ist das perfekte Beispiel für Nietzsches Argumentation: ein Junge, den die Gesellschaft für seine Tugenden lobt. Doch diese Tugenden dienen anderen, nicht Hans selbst.

> *„Für das ganze Grosse der Gesellschaft ist auch der Verlust des besten Einzelnen nur ein kleines Opfer! Schlimm, dass das Opfer Noth thut! Viel schlimmer freilich, wenn der Einzelne anders denken und seine Erhaltung und Entwickelung wichtiger nehmen sollte, als seine Arbeit im Dienste der Gesellschaft!“* – Nietzsche

Ich hoffe, du erkennst die Ironie in Nietzsches letztem Satz.

Vielleicht stellst du an diesem Punkt fest, dass ein Teil deiner [Unzufriedenheit im Job](https://www.markusdotzler.de/unzufrieden-im-job-nicht-kuendigen/), sogar im Leben selbst, darauf zurückzuführen ist, dass du für alle anderen funktionierst, außer für dich selbst.

Vielleicht sagst du aber auch: Nein, ich bin kein Hans Giebenrath. Mein Leistungsstreben hängt weder von der Gesellschaft noch von verinnerlichten Glaubensansätzen meiner Lehrer, Eltern oder Vorgesetzten ab. 

Doch ist das so?

## Funktionieren ohne Chef: Warum du dich selbst ausbeutest (Byung-Chul Han)

Du bist nicht Hans Giebenrath. Doch der Philosoph Byung-Chul Han würde heute argumentieren, dass du die „*äußeren Umstände*“, die Hans Giebenrath zusetzten, nicht mehr brauchst.

***Du hast sie längst verinnerlicht.***

In der „*Müdigkeitsgesellschaft*“ argumentiert B.C.-Han, dass wir heute in einer Leistungsgesellschaft leben, die ohne Kontrolle von außen funktioniert. Sie braucht diese Zwänge nicht mehr, denn sie lebt vom *„alles ist möglich“*.

**Du musst es nur wollen!**

In dieser Gesellschaft braucht es keinen kontrollierenden Chef, der dich antreibt. Du bist dein eigener Antreiber.

[Du optimierst dich](https://www.markusdotzler.de/produktivitaetsluege/) und deine Prozesse, um dein Potenzial zu verwirklichen.

Du denkst, du tust das für dich. Doch in Wahrheit hat sich der Zwang, den Vater und Lehrer dem jungen Hans noch von außen zufügten, längst in dein Inneres verschoben.

> Du bist Opfer und Täter zugleich.

Der toxische Vorgesetzte sitzt heute längst in deinem Kopf. Dir wurde [Selbstausbeutung als Selbstverwirklichung](https://www.markusdotzler.de/warum-hustle-culture-toxisch-ist/) verkauft.

Und du hast den Drops gelutscht.

Also frag ich dich wie bereits zu Beginn:

Also frag ich dich, wie bereits zu Beginn: Cui bono? Wem nutzt dein Funktionieren?

Bauen dein Fleiß, deine Zuverlässigkeit, dein Pflichtgefühl – deine Tugenden – dich selbst auf oder verzehren sie dich?

## Ist es Egoismus, sich aus der Leistungskultur auszuklinken?

Vielleicht hast du mehr fremde Zwänge verinnerlicht, als du glauben willst. Doch möchtest du aus diesem System aussteigen, werfen dir manche Mitmenschen deinen Versuch als Egoismus vor die Füße.

Menschen in deinem Umfeld werden dir sagen: *„Denk doch nicht bloß an dich! Wenn das jeder macht, braucht es keine Gesellschaft mehr.“*

Doch ist der Austritt aus der Leistungskultur wirklich Egoismus?

Wenn wir jeden Menschen, der sich gegen die Anforderungen der Leistungsgesellschaft stellt, als egoistisch bezeichnen, nur weil er sich selbst erhalten will, sind wir damit nicht Teil des Problems?

Die Schafe nennen Selbstfürsorge egoistisch, weil sie nicht dem Wohl der Herde dient. Doch nur weil etwas dem Einzelnen dient, muss es der Herde noch lange nicht schaden. 

Selbstfürsorge ist kein Egoismus. Nein, Selbstfürsorge ist – vielleicht vor allem heute – Selbsterhaltung.

## Berufliche Erfüllung ist Selbstfürsorge – kein Egoismus

Für Nietzsche steckt in der Selbsterhaltung kein Egoismus. In einem späteren Werk, Zarathustra, schreibt Nietzsche sogar, man müsse reich an sich selbst sein, um anderen schenken zu können.

> ***Doch wie sollst du reich an dir selbst werden, solange du dich ausbeutest?***

Dein Wunsch, von deiner Kreativität zu leben oder [berufliche Erfüllung](https://www.markusdotzler.de/berufliche-erfuellung-ist-kein-luxus/) zu finden, ist nicht egoistisch. Er ist nicht gierig, selbst wenn du damit gegen den Strom schwimmst.

> „Man muß sich selber lieben lernen \[…\] mit einer heilen und gesunden Liebe: daß man es bei sich selber aushalte und nicht umherschweife. – Nietzsche

Aphorismus 21 zeigt, dass die Aufopferung, die andere als Tugend an dir loben, dir selbst Schaden zufügen kann.

Das nicht länger zuzulassen ist kein Egoismus, sondern der erste Schritt, um reich an dir selbst zu werden.

Also falls du dich momentan für einen Job, vielleicht sogar für eine private Rolle aufopferst, weil andere deine Selbstlosigkeit so an dir schätzen:

*Cui bono?*

****Und jetzt?**

Wenn du beim Lesen gemerkt hast, dass du für alle funktionierst ****außer für dich**, fängt dich mein Newsletter auf: keine Optimierungs-Hacks, keine Guru-Versprechen.

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