Bis zur neunten Klasse war ich ein schlechter Schüler. Schon in der Sechsten schrieb ich die erste 6. Früh übt sich, oder?

In der neunten Klasse blieb ich dann mit Fahnen und Trompeten sitzen. Zwei 5er, ein 6er - tolle Bilanz für ein Jahr Schule.

Das Problem war nicht, dass mir der nötige Grips fehlte (rede ich mir zumindest gerne ein). Mein Kopf war kein Vakuum. Er war gefüllt mit den typischen Unsicherheiten eines Teenagers.

Stabilität war zu Hause nicht vorhanden.
Warum sollte also mein Verhalten stabil sein?
Meine schlechten Noten waren ein Symptom, nicht die Ursache meiner Ängste.

Ich erinnere mich noch heute daran, wie eine meiner Lehrerinnen damals zu mir sagte, ich werde es im Leben zu nichts bringen. Das beschäftigte mich. Ist das so?

Bringen es manche Menschen zu etwas und andere nicht?
Werden wir mit diesem Potenzial geboren?
Können wir nichts daran ändern?

Diesen Fragen möchte ich in diesem Artikel nachgehen.

Inhaltsverzeichnis

  1. Eine kleine Reise über den großen Kanal
  2. Messbare Veränderung
  3. Plastizität in der kindlichen Entwicklung
  4. Plastizität im Erwachsenenalter - oder: Sehen mit der Zunge?
  5. Lebenslanges Lernen - kein Klischee, sondern eine Möglichkeit
  6. Fixed Mindset vs. Growth Mindset
  7. Was Erwachsene manchmal vergessen.
  8. Quellen

Eine kleine Reise über den großen Kanal

Vor einigen Jahren machte ich einen Kurztrip nach London mit meinem Bruder.
Der Urlaub war super.
Der Verkehr weniger.

London ist bekannt für sein unübersichtliches Straßennetz. Die Stau-Hauptstadt Europas.

Eine fehlende Gitterstruktur, viele verwinkelte Straßen und ständige Veränderungen durch Baustellen und Umleitungen stellen selbst moderne GPS-Systeme vor eine Herausforderung.

Als Tourist interessiert dich das nicht, wenn du dich durch die Stadt chauffieren lässt. Aber was wäre, wenn du in London nicht derjenige bist, der chauffiert wird, sondern der chauffiert?

Wer in London eine Taxilizenz erhalten will, muss einen der härtesten Tests der Welt bestehen. Dieser trägt den ehrfürchtig anmutenden Namen The Knowledge.

Von den angehenden Taxifahrern wird erwartet, dass sie aus einem wirren Netz von über 25.000 Straßen und unzähligen Sehenswürdigkeiten eine mentale Karte spinnen.

Stell dir vor, du müsstest dich in einem Ameisenhaufen zurechtfinden und jederzeit zielsicher die beste Route von A nach B aus dem Gedächtnis abrufen können.

Das Wissen, das sich die Taxifahrer aneignen, erfordert eine außergewöhnliche Gedächtnis- und Navigationsleistung. Kein Wunder also, dass sie schon bald das Interesse von Neurowissenschaftlern wie Eleanor Maguire weckten.

Maguire war insbesondere an einem bestimmten Hirnareal interessiert, dem Hippocampus. Er ist entscheidend für viele kognitive Prozesse:

  • Lernen und Gedächtnis: Er spielt eine zentrale Rolle für das Bilden und Festigen neuer Erinnerungen und deren Überführung vom Kurz- ins Langzeitgedächtnis.
  • Räumliche Navigation: Er ist hauptverantwortlich für die räumliche Orientierung und die Erstellung mentaler Karten, wenn du dich an bestimmten Orten befindest.

Maguire erforschte, was im Hippocampus passiert, während sich die Taxifahrer vier Jahre lang den Ameisenhaufen namens London einprägten.

Resultierten die enormen Gedächtnis- und Navigationsleistungen in einer messbaren Veränderung des Gehirns? Ihre Ergebnisse wahren bahnbrechend.

Messbare Veränderung

Maguire fand heraus, dass der hintere Teil des Hippocampus bei Taxifahrern signifikant größer war als bei Kontrollgruppen, die die Ausbildung nicht durchliefen.

Die Größe hatte nichts mit genetischer Veranlagung zu tun. Vor der Ausbildung waren keinerlei Unterschiede zwischen den untersuchten Personen erkennbar.

Erst nach vier Jahren Ausbildung war der Hippocampus signifikant gewachsen. Diejenigen, die die Ausbildung abbrachen oder nie begannen, zeigten diese Veränderung nicht1.

Wie kann das passieren? Um das zu verstehen, hilft ein kleiner Exkurs darüber, wie die Entwicklung des Gehirns abläuft.

Plastizität in der kindlichen Entwicklung

Bei der Geburt verfügst du über rund 100 Milliarden Neuronen. Diese verdrahtet dein Gehirn vor allem vor und kurz nach der Geburt durch Synapsen.

Bis zum dritten Lebensjahr erreicht die Zahl deiner Synapsen einen Höhepunkt. Sie ist dann um ca. 50 Prozent größer als bei Erwachsenen.

Meine Nichte, die heute drei Jahre alt ist (sie würde sagen fast vier), verfügt also über mehr Synapsen als ich mit 30 Jahren.

Der Grund für diesen frühzeitigen Entwicklungssprint?
Dein Gehirn steigert vermutlich seine Lernkapazität und Flexibilität. Da es nicht wissen kann, welches Leben auf dich zukommt, bereitet es sich auf alles vor. Anders ausgedrückt:

Als Kind bist du pures Potenzial.

Danach folgt eine Plateauphase. Bis zur Pubertät wird das Überangebot an Synapsen zurechtgestutzt. Ganz nach dem Motto Use it or loose it, verringert dein Gehirn das Überangebot an Synapsen und steigert stattdessen seine Effizienz.

Häufig genutzte Verbindungen werden gestärkt, andere abgebaut. Im Alter von sechzehn Jahren erreichst du dann den Zustand des Erwachsenengehirns mit rund 150 Billionen Verbindungen2.

Dieser Prozess läuft in fast allen Menschen gleich ab. Die Londoner Taxifahrer waren nichts besonderes, bevor sie ihre Ausbildung anfingen. Keine Mozarts auf vier Rädern, sondern ganz normale Menschen wie du und ich.

Und was bedeutet das jetzt?

Plastizität im Erwachsenenalter - oder: Sehen mit der Zunge?

Ähnlich wie Turner stark ausgeprägte Oberarme oder professionelle Radfahrer Oberschenkel wie Baumstämme entwickeln, so kann auch das Gehirn wie ein Muskel trainiert werden.

Die feststellbare Veränderung im Gehirn der Taxifahrer war nichts anderes als das Resultat intensiven Trainings. Da der Hippocampus zentral für das Lernen und die räumliche Navigation ist, veränderte er sich.

Sofern auch du neue Fähigkeiten erlernen willst, ist das eine super Nachricht. Das Gehirn passt sich jeder Herausforderung an.

Selbst Menschen, die durch einen Unfall oder Schlaganfall Hirnschäden erlitten haben, sind manchmal in der Lage, gewisse Fähigkeiten, wie z.B. das Laufen, wiederzuerlangen. In diesen Fällen springen angrenzende neuronale Netzwerke für das geschädigte Areal ein3.

Eines der beeindruckendsten Experimente hierzu stammt von Paul Bach-y-Rita. Unter seiner Anleitung konnte ein blinder Mensch Sehkraft zurückgewinnen. Dafür benötigte er keinen Jesus, sondern eine Kamera, die auf einem Helm befestigt war und die Bilder in elektrische Signale umwandelte.

Der Twist: Die Signale wurden an die Zunge gesendet.

Mit einiger Übung konnte der Patient bald Bälle fangen und zum ersten Mal seit Jahren mit seiner kleinen Tochter Schere, Stein, Papier spielen. Sein Gehirn war in der Lage, einen völlig neuen Eingangskanal für das Sehen zu verwerten4.

Doch was bedeuten diese Erkenntnisse nun für dich, dein Lernen und deine Zukunft?

Lebenslanges Lernen - kein Klischee, sondern eine Möglichkeit

Im Englischen heißt es "you can't teach an old dog new tricks" (einem alten Hund bringt man keine neuen Kunststücke bei). Auch im Deutschen gibt es eine ähnliche Redewendung: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.

Oft habe ich in meinem Leben folgenden Satz gehört: Wenn du etwas als Kind nicht lernst, wirst du es als Erwachsener nicht mehr lernen.

Das ist Unsinn, zumindest aus neurologischer Sicht.

Wer diesen Satz sagt, sucht oft nur einen bequemen Grund, um untätig zu bleiben oder seine Untätigkeit in der Vergangenheit zu rechtfertigen.

Kinder haben Erwachsenen gegenüber natürlich einige Vorteile:
Sie besitzen Zeit, weniger Verpflichtungen, sind besonders begeisterungsfähig und tatsächlich, wie ich es dir in diesem Artikel geschildert habe, neurologisch formbarer.

Das ist aber kein Grund, die Flinte ins Korn zu schmeißen. Plastizität ist eine grundlegende Eigenschaft des Gehirns, die bis ins hohe Alter erhalten bleibt. Erwachsene besitzen darüber hinaus einen anderen Vorteil:

Sie haben sich bereits andere Fähigkeiten angeeignet. Diese Erfahrung lässt sich übertragen. Sie sind in der Lage zu lernen, wie man besser übt. Dadurch können sie ihre Zeit effizienter nutzen.

Wenn du lernst, wie du lernst, dann lernst du Zukunft. Du verstehst, dein zukünftiges Ich zu formen.

Natürlich ist Lernen nicht einfach. Du musst dir dafür Zeit nehmen. Dir Ziele setzen, beim Üben fokussiert bleiben und ständig an deinen Fehlern arbeiten.

Doch die positive Seite dieser Medaille: Es ist meistens eher eine Frage der Einstellung, nicht der mangelnden Fähigkeiten oder des Alters.

Fixed Mindset vs. Growth Mindset

Um diese Einstellung zum Lernen geht es in der Forschungsarbeit der Psychologin Carol Dweck. Sie veranstaltete einen Workshop mit leistungsschwachen Siebtklässlern. Darin vermittelte sie den Schülern Grundlagen zu Gehirnfunktion und Lernmethoden.

Die eine Gruppe erhielt im Nachgang mehr Informationen zum Gedächtnis. Der anderen Gruppe erklärte man, dass man durch Anstrengung das Gehirn verändern und somit schlauer werden kann (genau das machen wir hier!).

Daraufhin zeigte die zweite Gruppe im folgenden Schuljahr mehr Lernbereitschaft und bessere Leistungen5.

Die Botschaft: Ob du daran glaubst, etwas zu schaffen oder nicht - du wirst in jedem Fall Recht haben.

Die Einen sind überzeugt, ihre angeborenen Fähigkeiten seien unveränderlich. Sie verstecken sich vor Herausforderungen. Das ist das fixed mindset.

Die Anderen glauben an Wachstum. Herausforderungen sind für sie eine Chance für Fortschritt. Das ist das growth mindset.

Der Glaube an die eigene Anpassungsfähigkeit kann Berge versetzen.

Wenn du verstehst, dass Herausforderungen eine Chance und Misserfolge lediglich ein Signal für eine nötige Kurskorrektur sind, setzt du dich stetigem Wachstum aus.

Du gehst an die Grenzen deiner Kompetenz, weil du verstehst, dass es kein persönliches Versagen ist, wenn etwas schief geht.

Wenn du diesen Artikel bis hierhin gelesen hast, dann kann ich mir keinen Grund vorstellen, warum du vom fixed mindset überzeugt sein solltest. Erinnere dich noch mal zurück:

  • Das Gehirn ist plastisch.
    Das ermöglicht Anpassung.
  • Diese Flexibilität bleibt bis ins Erwachsenenalter erhalten.
  • Wie einen Muskel kannst du dein Gehirn trainieren, indem du es mit Herausforderungen konfrontierst.

Der Glaube an das growth mindset ist kein Hokus Pokus, sondern wissenschaftlich belegt. Es mag natürliche Grenzen geben, doch wer weiß, wo deine liegen?

Nur du kannst das rausfinden.

Was Erwachsene manchmal vergessen.

Meine Lehrerin hatte damals Unrecht, als sie sagte, ich würde es im Leben zu nichts bringen. Ihr Fehler war, nicht zwischen meinem damaligen Verhalten und meinem zukünftigen Potenzial zu unterscheiden.

Das ist der Fluch der Erfahrung: Menschen, die an einem gewissen Punkt angelangt sind, verlieren das Gefühl dafür, wie lange es dauert, um dorthin zu kommen.

Sie verlieren die Geduld mit Lernenden. Verstehen die Probleme der Jugend nicht mehr (sieh dir hierzu gerne mal meinen Kurzimpuls an: Was uns Mick Jagger und Albus Dumbledore über den Generationenkonflikt verraten).

Sie missverstehen das Verhalten der Gegenwart als das Potenzial der Zukunft.

Mein Verhalten war völlig destruktiv, das verstehe ich heute. Hätte ich es aufrecht gehalten, dann wäre es vielleicht wirklich so gekommen, wie meine Lehrerin es prophezeite.

Als ich nach der neunten Klasse von der Schule ging, verstand ich, dass es so nicht weitergehen konnte. Ich wollte zeigen, dass ich mehr bin als ein Zeugnis.

Mein Trotz hat meine Eltern oft zur Verzweiflung gebracht. An meinem damaligen Tiefpunkt war er jedoch Gold wert. Er schenkte mir Kraft.

Dennoch halte ich solche Sätze von Lehrern für gefährlich. Was, wenn ich nicht so ein Sturkopf gewesen wäre?

Wahrscheinlich gibt es einige Menschen, die diese Aussage für bare Münze genommen hätten. Sie hätten sich ergeben und ihr Schicksal akzeptiert. Sie hätten daraus ein fixed mindset entwickelt.

Ich hingegen wollte vermeiden, dass Menschen wie meine Lehrerin darüber entscheiden, ob ich was aus mir mache. Das ist immer noch meine Entscheidung.

Durch meinen Schulwechsel erhielt ich eine zweite Chance. Plötzlich schrieb ich gute Noten. Ich verstand, damals noch völlig unbewusst, dass ein Wandel möglich ist.

Nur durch diese Erfahrung begriff ich, was ich dir heute hoffentlich deutlich gemacht habe:

Wenn du etwas an dir ändern willst, dann kannst du das.

Wenn ein Mensch nach einem Hirnschaden in der Lage ist, wieder Laufen zu lernen, oder ein Blinder über die Zunge Sehkraft wiederherstellen kann, was kannst du dann erreichen, wenn du dich anstrengst?

Ich glaube fest daran, dass jeder Mensch sein Leben umkrempeln kann. Jeder kann es im Leben zu etwas bringen. Jeder kann sich verändern.

Die entscheidende Hürde ist nicht das Potenzial der Zukunft, sondern das Verhalten in der Gegenwart.

Nicht mangelndes Talent hindert dich daran, etwas neues zu lernen, sondern ausbleibendes Handeln.

Dein Gehirn ist formbar. Auch dein Verhalten lässt sich ändern. Und wenn du dein Verhalten besserst, kannst du wiederum dein Gehirn beeinflussen.

Das ist eine sich selbst verstärkende Aufwärtsspirale. Ein positiver Kreislauf. Verhalten führt zu Veränderung. Veränderung bedingt Verhalten.

Für mich ist Erfolg nicht nur eine Frage der angeborenen Fähigkeiten. Erfolg lässt sich durch Neugier und Anstrengung beeinflussen.

Wer das versteht, entwickelt ein growth mindset und eine unaufhaltbare Motivation zum Lernen.

Lernen bedeutet persönliches Wachstum, kontinuierlicher Fortschritt und Anpassung an das, was uns das Leben vor die Füße wirft.

Lernen lernen ist DER Metaskill für die Zukunft.

Leider wird diese Fähigkeit oft unterschätzt und missachtet. In einer sich immer rasanter verändernden Welt kannst du dir das nicht leisten.

Wer Lernen lernt, lernt Zukunft. Wer Zukunft lernt, richtet seinen Kompass auf Erfolg aus.


Quellen