Es war Mitte Dezember '25. Mit einer Spielekonsole in der Hand saß ich in meinem gelben Schaukelstuhl – für einen 31-jährigen ein schmaler Grat zwischen lässigem Lifestyle und Pflegegrad.

Während ich leise vor und zurück wippte, blickte ich gedankenverloren aus dem Fenster meiner Dachgeschosswohnung. Draußen war es bereits dunkel, doch ich konnte den weißen Dampf erkennen, der hektisch aus den Schornsteinen der Häuser aufstieg.

So eisig wie an diesem Tag war es im Dezember schon lange nicht mehr gewesen, weshalb ich auf weiße Weihnachten hoffen konnte – ein Grund zur Freude.

Eigentlich.

Die Entscheidung.

Doch dieser Dezember war anders. Seit November war ich arbeitslos und verdiente keinen Cent. Die Kälte ließ meine Gedanken unweigerlich um die Nebenkostenabrechnung kreisen:

Wie warm darf eine Wohnung eigentlich sein, wenn man kein Geld verdient?

Zu meiner finanziellen Schieflage gesellte sich jetzt auch noch der Steam-Wintersale – die größte Verlockung des Jahres für Gamer. Alle Videospiele dieser Welt drastisch reduziert.

Als ich auf den Bildschirm meiner Konsole zurückblickte, sah ich, dass Clair Obscur, das Spiel des Jahres, um 20 % reduziert war.

Ich haderte mit der Entscheidung. Mein Daumen schwebte eine Weile über der „Kaufen“-Taste, doch mein Kopf lebte in diesem Moment in der Vergangenheit.

Als Teenager war ich süchtig nach World of Warcraft, weshalb ich an all die Stunden denken musste, die ich im Spiel verloren hatte. Wollte ich wirklich noch mehr Zeit vergeuden?

Ich erinnerte mich auch an meinen ersten Nebenjob. Ich war damals noch 15. An meinem ersten Arbeitstag drückte mir der Vorhandwerker einen 20 Kilo schweren Abbruchhammer in die Hand. Ich wog 60. Hatte ich Probleme, den Hammer zu kontrollieren, schrie er mich an. An diesem Tag entdeckte ich eine völlig neue Definition für das Wort „Arschloch“.

Bei einem späteren Polizeipraktikum lernte ich vor allem, am Morgen Zeitung zu lesen. In meinem Nebenjob während des Studiums hingegen musste ich feststellen, dass der Chef uns Aushilfen so wenig vertraute, dass er uns beim Maschinenputzen vom anderen Ende der Halle mit einem Fernglas beobachtete.

Man könnte sagen, dass ich in mein künftiges Berufsleben nicht mit dem falschen Fuß startete, sondern direkt mit dem Gesicht bremste.

So lernte ich schnell, dass das Erwachsenenleben nicht aus Spaß und Erfüllung bestand. Videospiele schienen in diese Welt nicht hineinzupassen. Sie waren zu bunt für diesen grauen Alltag.

Das fühlte sich zwar immer falsch an, doch alle Menschen um mich herum akzeptierten das. Später kam ich mir vor wie ein Träumer, weshalb ich mir einredete, dass ich mein Bedürfnis nach Erfüllung in meiner Kindheit zurücklassen musste wie Windpocken.

Darum erschien mir der Kauf von Clair Obscur wie eine Flucht vor der Realität der Erwerbsarbeit. Sollte ich nicht lieber an meinem Blog arbeiten oder Bewerbungen schreiben?

Doch trotz dieser Gedanken kramte ich die 40 € aus der Tasche. Ich konnte mir nicht erklären wieso. Vielleicht waren die Prozente einfach zu verlockend. Vielleicht war ich aber auch ein Trotzkopf. Mein Vater würde Letzterem zustimmen.

Ein wenig später drückte ich auf Spielen.

Steam Deck Handheld-Konsole zeigt den Startbildschirm von Clair Obscur: Expedition 33 in einer Wohnzimmer-Umgebung
Der Blick auf Clair Obscur aus meinem Sessel

Die Erkenntnis.

Kurz darauf landete ich im Startmenü von Clair Obscur. Sanfte Klaviermusik begrüßte mich und ich hielt einen Moment inne. Das letzte Mal, dass mir ein Startbildschirm Gänsehaut beschert hatte, war 2013 bei „The Last Of Us". Damals war ich 19, jetzt 31.

Ich startete das Spiel und es warf mich sofort in eine Welt, die ich mir nicht erklären konnte. Ich blickte auf einen geschmolzenen Eiffelturm. Felsbrocken schwebten in der Luft, als hätte jemand die Zeit im Moment der Explosion angehalten.

Die Kamera schwenkte auf Gustave, der gerade kleine Steine in die Richtung einer kilometerweit entfernten Säule warf. Maelle trat ins Bild und scherzte über diese vergeblichen Versuche.

Als wüsste das Spiel genau, dass ich kurz zuvor noch an Bewerbungen gedacht hatte, da sagte Gustave über Maelles Sticheleien:

Weißt du, Hobbys müssen nicht immer nützlich sein. Ich genieße die Nutzlosigkeit von heute. Nützlich kann ich auch morgen sein.
Gustave und Maelle in Clair Obscur blicken auf das Monolith. Untertitel: "Weißt du, Hobbys müssen nicht immer nützlich sein."
Gustave und Maelle – im Hintergrund der Monolith.

Es war, als wüsste das Spiel, wie schwer mir diese Nutzlosigkeit fiel. Vor allem in meinen 20ern hatte ich stets das Gefühl, Gleichaltrigen hinterherzuhinken. Ich hatte in meiner Jugend wertvolle Zeit verschenkt – durch Sitzenbleiben, Schulwechsel und meine Spielsucht.

Deshalb gewöhnte ich es mir an, stets unzufrieden mit mir zu sein. Ich hatte Zeit nachzuholen, weshalb ich jeden Tag mehr von mir verlangen musste als andere.

Aber das Spiel sagte in diesem Moment: Lass los – zumindest für einen Abend.

Zu meiner Überraschung fühlte ich noch etwas anderes. Obwohl ich gerade keinen Cent verdiente, war ich in diesem Moment... zufrieden – auch ohne Job.

In der Welt, in die ich abtauchte, existierten keine Nebenkosten. Nur diese verdammte „Paintress“, die ich besiegen musste, damit Gustave und Maelle nicht starben. Nichts war in diesem Moment wichtiger.

Und da verstand ich, was ich in meinen 20ern übersehen hatte:

Spiele sind keine Zeitverschwendung. Sie sind eine Zeiterfahrung.

Der Flow.

Manchmal fühlen sich Stunden wie Minuten an. Glücksforscher nennen das Flow und genau das erlebte ich durch die Augen von Gustave und Maelle. Die Zeit in diesem zerstörten Paris begann zu fließen.

Doch viel wichtiger als der Sieg über die „Paintress" waren in diesem Moment die Charaktere. Ihre Beziehung zueinander, die Welt, in der sie lebten und die Gefahren, denen sie sich stellen mussten.

Clair Obscur zeigte mir, dass das Abenteuer wichtiger ist als das Ziel. Nicht das Ankommen macht glücklich, sondern die Reise.

So verstand ich ausgerechnet durch ein Videospiel, dass mich mein Verlangen nach mehr niemals zufriedenstellen würde. Ich war so fokussiert auf das Ankommen, dass ich meine Reise nicht genoss.

Als kleiner Junge verstand ich intuitiv, wie wichtig Spielen ist. Mit 31 hatte ich es vergessen. Doch an diesem Tag im Dezember erinnerte ich mich.

Die Heilung.

Als ich Clair Obscur beendete, starrte ich auf den nun schwarzen Bildschirm meiner Konsole und wartete auf sie – diese altbekannte Stimme in meinem Kopf.

Die Vorwürfe, die Selbstkritik und das schlechte Gewissen, dass ich einen Abend ohne Job mit Spielen statt mit Bewerbungen verbracht hatte.

Doch die Stimme blieb stumm. Denn in diesem Moment begriff ich Spiele als das, was sie wirklich sind: Flow.

Dieses Gefühl kannte ich, denn es hatte mich am selben Tag bereits besucht, als ich beim Schreiben am Morgen völlig in einem meiner Texte versank. Dabei hatte ich sogar das Essen vergessen, was in meiner Welt so gut wie physikalisch unmöglich ist.

So begriff ich, dass Flow nicht nur in Spielen existiert. Denn wenn ich schreibe, dann beginnt die Zeit zu fließen. Wenn ich schreibe, dann spiele ich und von meinem Job darf ich dasselbe erwarten.

Für diesen Anspruch muss ich mich nicht schämen, genauso wenig wie ich mich für ein gutes Spiel schämen muss. Mein Bedürfnis nach Flow ist nicht kindisch, sondern menschlich.

Clair Obscur zeigte mir, wie sich mein Leben unter perfekten Bedingungen anfühlen könnte. In diesem Augenblick ließ es mich meine Arbeitslosigkeit in einem völlig neuen Licht sehen:

Es war gut, dass ich gerade keinen Cent verdiente. Denn sonst würde ich in meinem alten Job immer noch ein Spiel spielen, das mir keinen Spaß mehr bereitete und dass das Unsinn ist – das wissen sogar Kinder.

Der Neubeginn.

Als ich meine Konsole zur Seite legte, fasste ich einen Entschluss:

Im neuen Jahr wollte ich weg von diesen strikten Ansprüchen an meine Zeit und stattdessen das Kind in mir wiederentdecken, das ich im Erwachsenwerden verloren hatte.

Nach 31 Jahren hatte ich meine Erfüllung noch nicht gefunden, doch ich würde verdammt noch mal nicht aufhören, nach ihr zu suchen.

Mit diesem Entschluss in meiner Brust stand ich auf und knipste das Licht aus, während mein gelber Schaukelstuhl leise vor und zurück wippte.

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PS: Dieser Artikel greift eine Veränderung in meinem Denken auf, die schon 2024 begonnen hatte: Ich wollte weg von krankhafter Produktivität. Die Rückkehr zu Spielen ist auf dieser Reise mein nächster Schritt.

Falls dich meine Reise an diesen Punkt interessiert, findest du meinen Artikel über Jahresvorsätze für 2025 hier: „Ziele anders denken

Quellen

  • McGonigal, J. (2011). Reality is broken: Why games make us better and how they can change the world (Ed. with a new, 2. appendix). Penguin Press.